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19.08.2014

10:20 Uhr

Unruhen in Missouri

Ferguson ist bald überall

VonAxel Postinett

Schwarz gegen Weiß, Arm gegen Reich: Der Aufstand in Ferguson zeigt die hässliche Fratze der amerikanischen Gesellschaft. Die Ereignisse sind ein Beweis für die tiefe Spaltung, die das Land bis heute auseinanderreißt.

Rassenunruhen in Ferguson

"Ich verstehe die Wut und den Zorn"

Rassenunruhen in Ferguson: "Ich verstehe die Wut und den Zorn"

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San FranciscoEs ist ja nicht so, dass es nicht schon genug Probleme gibt: Wütende Demonstrationen, prügelnde Polizisten, geplünderte Geschäfte, Tränengasangriffe und verhaftete Journalisten. Es gibt nächtliche Ausgangssperren, Ausnahmezustand, schwer bewaffnete Nationalgardisten auf den Straßen und trauernde Eltern und Verwandte.

Der Tod des 18-jährigen Farbigen Michael Brown, unter seltsamen Umstanden von einem Polizisten in dem 20.000-Seelen-Ort im US-Bundesstaat Missouri erschossen, ist zu einem nationalen Problem geworden. Das letzte, was diese geschundene Gemeinde jetzt braucht, sind die langen und düsteren Schatten der Vergangenheit. Aber sie melden sich mit Macht zu Wort, immer noch „am Leben und putzmunter“, wie die Webseite beteuert. Ein Blick in die hässliche Fratze der amerikanischen Gesellschaft und Beweis für die tiefe Spaltung, die die USA noch bis zum heutigen Tag zerreißt.

Klu-Klux-Clan macht mobil

Zwei eisig kalte Augen starren aus der dunkelgrünen Ski-Maske, wie sie heute nur noch für Banküberfälle oder Kidnapping genutzt wird. Martialisch hält der Mann in der grün-braunen Tarnjacke ein Schnellfeuergewehr in die Höhe. Der lokale Arm des Klu-Klux-Clans in Missouri meldet sich zu Wort. Bewaffnete, heißt es unter dem Bild auf der Webseite, seien auf dem Weg nach Ferguson, um „weiße Geschäfte zu beschützen“. Man könne nicht länger zusehen, wie „Schwarze unschuldige Weiße ausrauben und töten“.

In einem Nachbarort von Ferguson, in Sullivan, werde der Clan am 23. und 24. September eine Spendenveranstaltung für den Polizisten abhalten. „Ein Held“, wie die Kapuzenmänner betonen, der „diesen Gangster“ erschossen habe. Man brauche mehr wie ihn, die „die den schwarzen, von Juden kontrollierten Banditen ihren Platz zeigen“.

Gewalt gegen Schwarze in den USA

Juli 2016

Am 5. Juli wird ein 37-jähriger Afroamerikaner in Baton Rouge (Louisiana) von einem Polizisten erschossen, nachdem er zuvor zu Boden gedrückt wurde. Mehrere Zeugen halten den Vorfall auf Video fest, es kommt zu Protesten.

Juli 2016

Ein 32-Jähriger wird während einer Fahrzeugkontrolle in Minnesota von einem Polizisten in den Bauch geschossen. Die Freundin des Afroamerikaners hält den Vorfall in einem Facebook-Live-Video fest, das für einen internationalen Aufschrei sorgt.

März 2015

Tödliche Schüsse auf einen unbewaffneten jungen Schwarzen lösen in Madison (Wisconsin) Proteste aus. Angeblich schoss der Polizist in Notwehr.

April 2015

In North Charleston (South Carolina) erschießt ein Polizist einen flüchtenden, unbewaffneten Schwarzen von hinten. Der auf einem Video festgehaltene Fall sorgt international für Aufsehen.

April 2015

Ein Afroamerikaner stirbt in Baltimore (Maryland) an den Folgen einer Rückenverletzung. Er war in Polizeigewahrsam misshandelt worden. Es kommt zu schweren Krawallen.

April 2015

Ein Afroamerikaner stirbt in Baltimore (Maryland) an den Folgen einer Rückenverletzung. Er war in Polizeigewahrsam misshandelt worden. Es kommt zu schweren Krawallen.

Juli 2015

Ein Polizist erschießt in Cincinnati (Ohio) bei einer Verkehrskontrolle einen unbewaffneten Schwarzen. Sein Wagen hatte vorne kein Nummernschild.

Dezember 2015

In Chicago erschießen Polizisten eine fünffache Mutter und einen Studenten. Beide sind schwarz. Der 19-Jährige hatte seinen Vater mit einem Baseballschläger gedroht, die Nachbarin wird nach Polizeiangaben aus Versehen getroffen.

Mai 2016

Am Steuer eines gestohlenen Autos wird eine junge Afroamerikanerin in San Francisco von einer Polizeikugel tödlich getroffen. Auf Druck des Bürgermeisters nimmt der Polizeichef seinen Hut.

November 2014

Ein weißer Polizist muss wegen tödlicher Schüsse auf einen unbewaffneten schwarzen Jugendlichen in Ferguson (Missouri) vorerst nicht vor Gericht. Eine Geschworenenjury sieht keine Beweise für eine Straftat. Der Vorfall löste schwere Unruhen aus.

Juli 2010

Nach einem milden Urteil gegen einen weißen Ex-Polizisten kommt es in Kalifornien zu Ausschreitungen und Plünderungen. Der Mann hatte einen unbewaffneten Schwarzen erschossen, er wurde wegen fahrlässiger Tötung zu zwei Jahren Haft verurteilt.

November 2006

Ein unbewaffneter Schwarzer stirbt im Kugelhagel der New Yorker Polizei. Er hatte nach dem Verlassen einer Bar im Auto mit Freunden ein Zivilfahrzeug der Polizei gerammt. Im April 2008 werden drei Polizisten freigesprochen.

April 2001

Schüsse eines Polizisten auf einen unbewaffneten Schwarzen lösen schwere Rassenunruhen in Cincinnati (Ohio) aus. Die Behörden rufen den Notstand aus. Der getötete 19-Jährige war bei einer Kontrolle geflüchtet, der Polizist wurde freigesprochen.

Februar 2000

Vier Polizisten, die einen afrikanischen Einwanderer erschossen hatten, werden freigesprochen. Das Urteil der Jury aus schwarzen und weißen Schöffen ist heftig umstritten, in New York kommt es zu Ausschreitungen.

März 1991

Vier Autobahn-Polizisten schlagen den Afroamerikaner Rodney King nach einer Verfolgungsjagd zusammen. Ein Amateur-Video geht um die Welt. Der Freispruch der Männer führt in Los Angeles zu Unruhen mit Dutzenden Toten. In einem Revisionsverfahren werden zwei der Polizisten 1993 zu jeweils 30 Monaten Haft verurteilt. Außerdem erhält das Opfer eine millionenschwere Entschädigung.

Die Hintergründe der tödlichen Schüsse auf den Teenager liegen noch immer im Dunkeln. Aber das spielt längst keine Rolle mehr. Die Fronten sind wieder einmal fest gefügt, es geht Schwarz gegen Weiß, und Missouri ist der passende Austragungsort: Ein Staat mit dunkler Vergangenheit in den USA. Es gab in Missouri noch Sklaven, als kein anderer US-Bundesstaat mehr Sklaven hatte. Noch im Jahr 1825 trat ein Gesetz in Kraft, das jegliche Aussagen von schwarzen Augenzeugen in Gerichtsverfahren als grundsätzlich ungültig einstufte. 1847 kam ein generelles Verbot dazu, Schwarze in irgendeiner Form zu unterrichten oder zur Schule zu senden. Und viele sagen, es ist heute noch in den Köpfen vieler in Kraft.

Aber erklärt das alleine den kaum nachvollziehbaren Ausbrauch von Gewalt?

Das wäre zu eindimensional. Der alte Rassismus lebt, das ist die traurige Realität. Der sinnlose Tod des jungen Schwarzen, von sechs Polizei-Kugeln auf offener Straße durchsiebt, war aber nur der Auslöser. Die Krise hat tiefe Wurzeln, und die haben nicht nur mit Schwarz und Weiß zu tun. Die altbekannte Rassismus-Diskussion lenkt nur von den wahren Problemen ab, und so manchem kommt das nicht ungelegen.

„Die neue Trennungslinie in den USA ist nicht mehr schwarz und weiß“, sagte Präsident Barack Obama in seiner Ansprache zur Einkommens- und Vermögensungleichheit Anfang 2014, „es ist arm und reich.“ Es ist diese Trennungslinie, die nicht nur Ferguson zerreißt, sondern bald ganz Amerika.

Kommentare (40)

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Herr Torsten Steinberg

19.08.2014, 10:52 Uhr

Angesichts der Katastrophenmeldungen aus aller Welt fällt es mit jedem Tag schwerer, sich dagegen zu wehren, selber in eine Art Endzeitstimmung zu verfallen. Ein fachkundiger Journalist sollte jedoch in der Lage sein, sich nicht dieser Schwäche hinzugeben, dass er die ohnehin schon schwierige Situation derartig überzeichnet auswalzt und gedanklich auf ein Weltuntergangsszenario hin weiterspinnt. Was den guten Journalisten vor dem schreckerstarrten Durchschnittsbürger auszeichnet, ist die eiskalte und glasklare Analyse und die Fähigkeit, aus jeder Misere Auswege aufzuzeichnen. Solange das fehlt, kann ich mich auch auf dem Wissen ausruhen, dass mich schlechte Märchen, üble Comics, Splatterfilme und unsägliche Shootergames gelehrt haben.

Mit freundlichen Grüßen

Herr Jürgen Dannenberg

19.08.2014, 11:00 Uhr

Wir hier in Deutschland arbeiten hart daran, das wir den internationale Zug ja bloß nicht verpassen. Ist sozusagen ein erstrebenswertes multikulti "must by".

Herr Informierter Bürger

19.08.2014, 11:08 Uhr

@thorsten steinberg bei 50 Millionen Essenmarkenbeziehern in der USA + eine wachsende Zahl von Amis die keine Rechnungen mehr bezahlen kann, meinen Sie der Artikel ist zu hart für Ihre Heile Welt. Reisen Sie bitte mal von den USA bis nach Patagonien, Sie werden grosse Zweifel an eine gerechte soziale Welt bekommen.

Und darauf steuert Europa zu:

"Der Krieg hat in Ferguson begonnen. Und richtig zu spüren bekommt ihn die Nation erst, wenn der Mittelstand erkennt, dass er längst im Armenhaus angekommen ist und nur noch vom Ersparten lebt. Die Schule für die Kinder können sie sich ohnehin schon nicht mehr leisten. Wird nicht massiv gegengesteuert, ist das nur noch eine Frage des wann, nicht des ob, bis Ferguson überall ist."

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