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19.06.2014

18:41 Uhr

Unsichere Lage im Irak

Kämpfe um Raffinerie dauern offenbar doch an

Das irakische Militär verteidigt die größte Raffinerie des Landes in Baidschi weiter gegen vorrückende Dschihadisten. Die USA entsendeten Spezialtruppen und prüfen die Möglichkeit von Luftschlägen gegen die Rebellen.

Nach wie vor besetzten Rebellen der Terror-Organisation ISIS offenbar Teile der größten irakischen Raffinerie bei Baidschi. dpa

Nach wie vor besetzten Rebellen der Terror-Organisation ISIS offenbar Teile der größten irakischen Raffinerie bei Baidschi.

Trotz eines massiven Vorstoßes der sunnitischen Terrorgruppe Isis haben die irakischen Regierungstruppen die Kontrolle über die größte Ölraffinerie des Landes vorerst behalten. Die Dschihadisten eroberten zwar einen Teil der mehrere Quadratkilometer großen Anlage, wurden aber in ihren Stellungen von Kampfhubschraubern beschossen, wie beide Seiten mitteilten. Die Raffinerie in Baidschi verarbeitet etwas mehr als ein Viertel der gesamten Förderleistung des Landes.

Der für Sicherheitsfragen zuständige Regierungssprecher, General Kassem Atta, sagte seinerseits im Staatsfernsehen, der Angriff sei zurückgeschlagen worden und die ganze Raffinerie unter Kontrolle der Armee.

Die Raffinerie war am Montag wegen des Vormarschs der Dschihadisten geschlossen und die ausländischen Angestellten in Sicherheit gebracht worden. Die Raffinerie, die das ganze Land mit Benzin beliefert, liegt nahe der Stadt Tikrit. Die Hauptstadt der Provinz Salaheddin war vergangene Woche ebenso wie die Großstadt Mossul und die umliegende Provinz Ninive sowie Teile der angrenzenden Provinzen von der sunnitischen Dschihadistengruppe Islamischer Staat im Irak und in Großsyrien (Isis) in ihre Gewalt gebracht worden.

Als mögliche Option für ein Ende des sunnitischen Aufstands erwägen die USA auch einen Rücktritt des schiitischen Ministerpräsidenten Nuri al-Maliki. Druck für Al-Malikis Abgang aufzubauen, könnte weit effektiver sein als Luftangriffe oder jede andere militärische Mission, sagten Spitzenvertreter der US-Regierung der Nachrichtenagentur AP. Das würde den Sunniten signalisieren, dass man ihre Sorgen ernst nehme.

Isis - Radikale Kämpfer für den Gottesstaat

Entstehung

Isis wurde 2003 von dem Jordanier Abu Mussab al-Sarkawi unter dem Namen "Al-Kaida im Irak" gegründet. Die US-Streitkräfte töteten Sarkawi im Sommer 2006 mit einem gezielten Luftangriff. Der neue Anführer Abu Bakr al-Baghdadi gab der Bewegung im April 2013 ihren arabischen Namen, der im Westen unterschiedlich abgekürzt wird: Gebräuchlich sind auch Isil (das L steht hier für die Levante, die große Teile des Nahen Ostens umfasst) oder Isig (das G steht für Großsyrien). In der Region ist die Gruppe unter der arabischen Abkürzung Daesch bekannt.

Verhältnis zu Al-Kaida

Al-Baghdadi liegt mit der ursprünglichen Al-Kaida, die von Aiman al-Sawahiri von Pakistan aus gesteuert wird, im Clinch. Beharrlich ignoriert er deren Forderung, den Schwerpunkt seiner Aktivitäten auf den Irak zu legen. Anfang des Jahres kappte Al-Kaida offiziell die Verbindungen zu Isis, die mittlerweile als militanteste Islamistengruppe in Syrien gilt. Sie ist noch radikaler als Al-Kaida.

Mannstärke

Derzeit kämpft Isis an mehreren Fronten - gegen rivalisierende Rebellen in Syrien, die dortige Führung und gegen die irakische Armee. Die Gruppe soll Sicherheitskreisen zufolge über mehr als 10.000 Kämpfer verfügen. Nach Erkenntnissen der Bundesanwaltschaft verübt Isis Attentate und Selbstmordanschläge in Syrien und ist für Erschießungen und Geiselnahmen verantwortlich. Die Gruppe gehe auch gegen Zivilisten und Angehörige von Hilfsorganisationen vor.

Anschläge

Im Irak verübte Isis 2013 laut dem Verfassungsschutzbericht Anschläge gegen Regierungseinrichtungen, Polizeiwachen und religiöse Feiern der schiitischen Bevölkerung. Außerdem befreite die Gruppe bei einem Angriff mit Granatwerfern, Autobomben und Selbstmordattentätern rund 500 Gefangene aus den irakischen Gefängnissen Abu Ghraib und Tadschi. Die Regierungstruppen konnten die Lage erst mit dem Einsatz von Kampfjets unter Kontrolle bringen. Isis bildet laut Verfassungsschutzbericht auch gezielt Kinder für den Kampf im syrischen Bürgerkrieg aus.

Die Bundesanwaltschaft erhob Ende Mai Anklage gegen drei mutmaßliche Isis-Anhänger, die in Deutschland Ausrüstung und Geld für die Organisation beschafft haben sollen.

Ziel

Ziel von Isis ist die Schaffung eines islamischen Gottesstaates, der über den Irak bis nach Syrien reicht. Er soll das historische Großsyrien umfassen, auf Arabisch wird diese Region als "al-Scham" bezeichnet. Die sunnitische Organisation kämpft daher nicht nur im Irak gegen die von Schiiten geführte Regierung, sondern auch in Syrien gegen Präsident Baschar al-Assad, der den Alawiten angehört. Sie stehen den Schiiten nahe. In Syrien stellen die Sunniten die Mehrheit der Bevölkerung, im Irak die Minderheit. Bis zum Sturz Saddam Husseins waren die Sunniten jedoch im Irak an der Macht.

Präsident Barack Obama wollte noch am Donnerstag mit seinem nationalen Sicherheitsteam über die Lage im Irak beraten und anschließend (1830 MESZ) im Weißen Haus eine Erklärung abgeben. Ob er oder andere Regierungsmitglieder öffentlich einen Rücktritt Al-Malikis fordern würden, war aber unklar. Angekündigt werden sollte aber die Entsendung von 100 Soldaten einer Spezialeinheit, die irakische Truppen beraten und trainieren sollen, hieß es aus Regierungskreisen.

Luftangriffe schwierig

Der Irak hatte Washington zuvor um Hilfe mit Luftangriffen gebeten, ein Schritt, der zwar nicht ausgeschlossen ist, aber wohl nicht unmittelbar bevorsteht. Unter anderem, weil die Geheimdienste bisher keine klaren Ziele am Boden identifizieren konnten und die Lage insgesamt zu unübersichtlich ist.

Das galt auch für die Raffinerie in Baidschi, 250 Kilometer nördlich von Bagdad. Ein Augenzeuge sagte der AP, er habe im Vorbeifahren die schwarzen Flaggen der Dschihadisten an den Wachtürmen der Anlage gesehen. Sie würden auch Posten rund um die Anlage kontrollieren.

Das Militär erklärte, dass Regierungssoldaten immer noch die Kontrolle über die Raffinerie hätten. Das gesamte dort produzierte Benzin ist für den Gebrauch im Inland - vor allem im Norden - gedacht, jeder längere Ausfall dürfte lange Warteschlangen an Tankstellen und Stromknappheit zur Folge haben, was das Chaos im Irak noch verstärken könnte.

Der für den Schutz der Anlage zuständige Offizier, Ali Al-Kureischi sagte dem staatlichen Fernsehsender Irakija telefonisch, dass er die Raffinerie noch immer kontrolliere. Fast 100 Extremisten seien seit Dienstag getötet worden. Aus Sicherheitskreisen verlautete, dass die Isis-Kämpfer ein Gebäude außerhalb der Raffinerie eingenommen hätten und von dort aus auf die Soldaten feuerten.

Auch ein Sprecher der Extremisten, der sich mit seinem Kampfnamen Abu Anas zu erkennen gab, erklärte, die Regierungstruppen hätten noch die Kontrolle über Baidschi, Kampfhubschrauber würden ihren Vormarsch bremsen. Die Identität des Anrufers konnte allerdings nicht unabhängig bestätigt werden.

Auch anderswo im Irak kam es zu Gewalt. Im Bagdader Schiiten-Viertel Abu Daschir wurden am Donnerstag vier Leichen mit Schusswunden gefunden, vermutlich Sunniten. In Bagdad kamen am Donnerstag bei Bombenanschlägen zudem mindestens fünf Menschen ums Leben.

Von

afp

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