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13.01.2004

08:14 Uhr

Unternehmen engagieren sich kaum bei der Betreuung des Nachwuchses

In Frankreich zahlt der Staat für den Betriebskindergarten

VonHolger Alich

Frankreich eilt der Ruf voraus, das Paradies in Sachen Kinderbetreuung zu sein. Anders als in Deutschland hilft der Staat den Eltern viel umfassender bei der Erziehung des Nachwuchses. Die staatliche école maternelle zum Beispiel, am ehesten zu vergleichen mit einem deutschen Kindergarten, bietet ganztägige Betreuung an und nimmt Kinder ab drei Jahren auf. Zudem werden im Gegensatz zu Deutschland voll berufstätige Frauen nicht als „Rabenmütter“ geächtet.

PARIS. Doch auch das gut ausgebaute Betreuungssystem in Frankreich hat seine Lücken. Das Hauptproblem für junge Eltern besteht darin, einen Krippenplatz für die Kinder zu fin-den, bevor diese mit drei Jahren in die école maternelle kommen. Um die Betreuung der Kleinkinder kümmern sich die so genannten crèches, Kinderkrippen mit voll ausgebildeten Erzieherinnen.

Das Problem: Es gibt in Frankreich bei weitem nicht genügend dieser Krippen, im ganzen Land stehen nur rund 200 000 Plätze zur Verfügung. „Das reicht bei weitem nicht für alle Kinder in dem betreffenden Alter“, sagt Maïlys Cantzler, Gründerin des Unternehmens Crèche Attitude SAS. Die Unternehmerin hat das Betreuungsproblem als Marktlücke für sich entdeckt und hilft Unternehmen dabei, Betreuungsmöglichkeiten für die Kinder der Mitarbeiter auf die Beine zu stellen. Bislang lässt sich die Zahl der französischen Unternehmen, die Betriebskindergärten anbieten, aber an einer Hand abzählen. Der staatliche Stromversorger EdF, die Großbank Crédit Lyonnais oder die Tageszeitung Libération gehen hier mit gutem Beispiel voran. Die Horte sind nicht ganz billig: „Eine crèche mit 40 Plätzen kostet in der Einrichtung zwischen 350 000 und 400 000 Euro, vorausgesetzt, eine passende Immobilie ist bereits vorhanden“, rechnet Cantzler vor.

Die französische Regierung hat die Notlage erkannt und will in den nächsten fünf Jahren insgesamt rund 200 Mill. Euro Zuschüsse für neue Betreuungsmöglichkeiten gewähren. Bei Unternehmen, die Betriebskrippen einrichten wollen, übernimmt der Staat ein Viertel der Kosten. Überlässt die Firma ein Drittel der Krippenplätze der Gemeinde, übernimmt die Familienkasse sogar bis zu 80 Prozent der Kosten.

Anders als in Deutschland ist Teilzeitarbeit bei den westlichen Nachbarn kein wichtiges Thema. Diese Arbeitszeitform nimmt zwar zu, ist aber keineswegs das dominante Erwerbsmuster bei Müttern. In knapp der Hälfte aller Paarhaushalte mit Kindern unter 15 Jahren arbeiten beide Partner voll. In Teilzeit werden vor allem niedrig qualifizierte Tätigkeiten erledigt – die Hälfte davon bei Reinigungsfirmen.

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