Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

19.07.2016

14:18 Uhr

Unternehmen in Venezuela

Wirtschaftlicher Selbstmord in den Tropen

Eine Inflation von 600 Prozent, Mangelwirtschaft und ein übergriffiger Staat: 15 Dax-Konzerne harren trotz der dramatischen Zustände in Venezuela aus. Warum sie gegen jede wirtschaftliche Vernunft bleiben.

Venezuelas Wirtschaft ist am Boden – die Lage für Unternehmen untragbar. Trotz Verlusten bleiben Dax-Konzerne im Land. dpa

Eingang zur Siemens-Zentrale in Caracas

Venezuelas Wirtschaft ist am Boden – die Lage für Unternehmen untragbar. Trotz Verlusten bleiben Dax-Konzerne im Land.

CaracasDen 25. Februar 2009 wird Germán García-Velutini nicht vergessen. Mitten in Caracas wird er entführt. Elf Monate Angst zu sterben, bis er schließlich freigelassen wird. Der Glaube half ihm durch diese Zeit. Er ist bis heute ein häufig lächelnder Optimist.

Die Eigenschaft kann er dieser Tag gut gebrauchen. Velutini sitzt mit Blick über die Hauptstadt Venezuelas im lichtdurchfluteten Büro. Er ist Präsident der renommierten Banco Venezolano de Credito.

„Wir haben einen anarchistischen Tropen-Kommunismus“, lacht er. Wenn man bei Krediten nur rund 20 Prozent Zinsen verlangen darf, aber die Inflation in diesem Jahr wahrscheinlich bei über 600 Prozent liegen wird, ist das Geldverleihen ein großes Verlustgeschäft für eine Bank. Warum er weiter macht? Es ist die Hoffnung, dass irgendwann bald der Wandel kommt. Ein Abschied vom Sozialismus-Diktat.

Ein paar Kilometer entfernt: Das Siemens-Gebäude ist streng gesichert. Gegenüber ist die Polar-Brauerei, wo Arbeiter monatelang ohne Arbeit vor dem Werkstor saßen. Mangels Devisen konnte kein Gerstenmalz im Ausland gekauft werden, die Bierproduktion musste gestoppt werden. Unter anderem der Verfall der Erdölpreise hat die Lage massiv verschärft.

Am Abgrund: Warum Venezuela ein Pulverfass ist

Ölpreis

Inzwischen erholt sich der Erdölpreis wieder etwas – aber für das Land mit den größten Reserven der Welt hat der Absturz auf unter 30 Dollar je Barrel die Krise signifikant verschärft. Hatte Venezuela im Januar 2015 noch 850 Millionen Dollar eingenommen, waren es im Januar 2016 nur noch 77 Millionen. Dadurch können die teuren Sozialprogramme der Sozialisten kaum noch finanziert werden, ebenso wird es immer schwieriger, Güter aus dem Ausland einzuführen.

Drohende Pleite

In der zweiten Jahreshälfte müssen die Regierung und der staatliche Ölkonzern PDVSA nach Angaben des „Economist“ weitere sechs Milliarden US-Dollar an internationalen Krediten zurückzahlen. Für Analysten ist es nur noch eine Frage der Zeit bis zur Pleite.

Inflation

Unternehmen fehlen wegen der staatlichen Geldpolitik Devisen wie etwa Dollar, um Produkte aus dem Ausland bezahlen zu können. Der Bolívar ist wegen der weltweit höchsten Inflation quasi wertlos. Der größte Bierbrauer Polar konnte deshalb kein Gerstenmalz mehr einführen und musste die Produktion stoppen. Es wird auch praktisch nichts mehr exportiert, da Zahlungen aus dem Ausland über die Zentralbank laufen – und die dann Dollarzahlungen für die Unternehmen zu einem sehr schlechten Kurs in Bolívar umtauscht.

Misswirtschaft

Durch den Mangel an Grundstoffen sinkt die Produktion rapide. Die Nummer auf dem Ausweis entscheidet, an welchen Tagen in staatlichen Läden Grundnahrungsmittel eingekauft werden dürfen. Oft sind diese aber nicht mehr vorhanden. In Krankenhäusern fehlen Medikamente, teils bis hin zum Sauerstoff für Beatmungsgeräte.

Sozialisten vs. MUD

Bei der Parlamentswahl im Dezember siegte das Bündnis „Mesa de Unidad Democrática“ (MUD) - Präsident Nicolás Maduro stemmt sich aber vehement gegen eine Abkehr vom Sozialismus-Projekt. Er drohte dem Parlament sogar, den Strom abzustellen – die Opposition will Maduro rasch per Referendum absetzen lassen. Er antwortet mit Dekreten, die ihm und dem Militär mehr Macht geben.

Im Siemens-Gebäude sitzt eines der größten Versicherungsunternehmen des Landes: Makler. Der Chef Kay Boetticher, 1961 hier geboren, ist Sohn deutscher Einwanderer, 375 Mitarbeiter hat er. Teilweise könnten Versicherungen Kosten für Schadensregulierungen nicht mehr übernehmen – oder die Leute sich die Prämien nicht mehr leisten. „Das ist ein Riesendrama.“ Prämien müssen um bis zu 2880 Prozent angehoben werden, um inflationsbedingt gestiegene Fallkosten noch versichern zu können.

„Das erste Mal in 20 Jahren haben wir im ersten Halbjahr einen Verlust gemacht.“ Der Sekretärin ist neulich ein Reifen geplatzt, da Ersatz nur auf dem Schwarzmarkt zu bekommen war, der aber ein Monatsgehalt der Sekretärin gekostet hätte, übernahm Boetticher die Kosten von umgerechnet 60 Euro. Er fürchtet einen Gewaltausbruch, wenn es nicht rasch besser wird. Zwei seiner drei Kinder sind bereits in Deutschland. „Ich habe gewettet auf dieses Land.“ Boettichers größte Angst ist, dass er Leute im großen Stil entlassen muss.

Mitte Juni hat die Lufthansa den Flugbetrieb nach Caracas nach 45 Jahren eingestellt. Für ausländische Unternehmen ist Venezuela, das Land mit den größten Ölreserven der Welt, zum großen Verlustbringer geworden. Einnahmen sind durch die Inflation kaum etwas wert und können durch starke Devisenkontrollen der Regierung auch nur sehr schwierig und verlustreich etwa in Dollars umgetauscht werden. Das führt dazu, dass nach Angaben aus Unternehmerkreisen verstärkt in Immobilien in Venezuela und Ölgeschäfte als Anlage investiert wird. Das erklärt, warum trotzdem noch so viele Luxusbauten entstehen.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×