Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

01.07.2015

20:23 Uhr

Unterwegs in Athen

Ryanair und die Barzahlung

VonGeorgios Kokologiannis

Flugtickets nur noch gegen Barzahlung: Ryanair bietet in Griechenland seine Dienste nur noch gegen Geldscheine an – doch gerade die sind gerade Mangelware. Für viele Griechen ist das eine weitere Demütigung.

Handelsblatt-Reporter Georgios Kokologiannis unterwegs in Athen.

Kolumne

Handelsblatt-Reporter Georgios Kokologiannis unterwegs in Athen.

AthenDer Staat bankrott, das Volk verzweifelt, aber das Pokern geht weiter – mindestens bis Sonntag, wenn die Griechen an die Urnen treten: Unser Autor Georgios Kokologiannis ist nach Athen gereist und sammelt Fakten, Eindrücke und Momente einer Krise, die 2009 begann und inzwischen ganz Europa in Atem hält. In einer Kolumne berichtet er täglich Begebenheiten aus Griechenland.

Heute: die griechische Ryanair-Politik.

Es ist schon erstaunlich, wie rasch man sich an Zeugnisse des Ausnahmezustandes gewöhnen kann. Nach nur wenigen Tagen in Athen gehören Menschenansammlungen an den Geldautomaten einfach irgendwie dazu. Dass sie immer häufiger zu beobachten sind und gleichzeitig größer werden, nehme ich nur noch unterschwellig war. Auch Berichte über Hamsterkäufe bei Lebensmitteln und die Warteschlangen vor den Tankstellen haben das Bedrohliche längst verloren.

Den Menschen hier scheint es ähnlich zu gehen. Bei den meisten herrscht inzwischen eine Stimmung vor, die irgendwo zwischen Fatalismus und der vagen Hoffnung auf ein – wodurch auch immer – doch noch herbeigeführtes Happy End des Schuldendramas zu verorten ist. Nur die allerneusten Hiobsbotschaften schaffen es die leidgeprüften Hellenen – zumindest vorübergehend – in Aufruhr zu versetzen.

Jüngstes Beispiel: Die Ankündigung von Ryanair, dass Griechen ab sofort nur noch gegen Zahlung von Bargeld die Dienste der Billigairline in Anspruch nehmen dürfen. Konkret: Wer mitfliegen möchte, muss den nächstgelegenen Flughafen aufsuchen und am Schalter der Iren seine Euroscheine auf den Tresen legen. Das liefert nicht nur in den Cafés der Hauptstadt Diskussionsstoff. Die Internetgemeinschaft tobt.

Internationale Pressestimmen zu Griechenland

„Sme“ (Slowakei)

„Der griechische Antrag auf neues Geld aus dem Euro-Stabilitätsmechanismus käme selbst dann zu spät, wenn er wenigstens hoffnungsvoll wäre. Aber die selben Finanzminister, deren Vorschläge die griechische Regierung am Samstag ablehnte, können nicht drei Tage später einem neuen Rettungspaket zustimmen. Die Griechen wollten ihre Vorschläge nicht annehmen. Also können die Minister schon deshalb keine neuen Milliardenkredite zulassen, weil sie damit ihre eigene Glaubwürdigkeit verlieren würden.“

8„Hospodarske noviny“ (Tschechien)

„Das griechische Problem würde unter anderen Umständen nicht mit Kapitalverkehrsbeschränkungen gelöst, sondern beispielsweise mit einer bewaffneten Intervention und der Errichtung einer Besatzungsmacht, bis alle Forderungen einschließlich Zinsen bezahlt sind. Die europäische Integration verhindert eine solche Machtlösung. Deshalb hat Bundeskanzlerin Angela Merkel Recht, wenn sie sagt, dass das europäische Projekt ohne die Fähigkeit zum Kompromiss sein Fundament verlieren würde. Rein technisch lässt sich ein Austritt Griechenlands aus der Eurozone realisieren, die schwersten Folgen wären aber politischer Natur.“

„Standart“ (Bulgarien)

„Was mit Griechenland geschehen wird, ist die komplizierteste Frage in diesem Augenblick, weil es (Athen) nicht ganz klar zeigt, was es genau tun möchte. Einerseits will Griechenland in der Eurozone bleiben, aber andererseits will es die dafür notwendigen Auflagen und Reformen nicht umsetzen. Einerseits möchte es ein Abkommen mit den Gläubigern, andererseits aber ein Referendum, um dieses Abkommen abzulehnen. Dies sind total chaotische und entgegengesetzte Handlungen.“

„De Standaard“ (Belgien)

„Dass ein Mitglied der Eurozone zum Verstoß gegen seine Zahlungsverpflichtungen getrieben wurde, ist eine beschämende Niederlage für alle betroffenen Führer. Der Euro ist kein Marktinstrument, das nur dem Gesetz von Angebot und Nachfrage gehorcht. Er ist der konkrete Ausdruck des Willens von Hunderten Millionen Europäern, ihr Schicksal miteinander zu verbinden. Die Art und Weise, wie damit in den letzten Monaten gespielt wurde, berührt die Glaubwürdigkeit des gesamten europäischen Projekts.“

„Rossijskaja Gaseta“ (Russland)

„Die Handlung im griechischen Drama erlebt eine neue krasse Wende. Auf die Bühne treten neue Figuren - das Volk, das bei einem Referendum über das Schuldenproblem entscheiden soll. So gehört es sich nach den Traditionen der griechischen Tragödie, wenn der Chor auftritt. Wie das alles noch endet, kann niemand vorhersagen. Aber das alles ist Folge und Symptom einer tiefen Strukturkrise der EU. Für Bundeskanzlerin Angela Merkel, die wichtigste Architektin der seit fünf Jahren andauernden griechischen Rettungspolitik, wird ein Scheitern der bisherigen Linie eine politische Niederlage bedeuten.“

Der Grund für diese beispiellose Maßnahme, die viele Griechen als weitere Demütigung empfinden: Mit der Einführung von Kapitalverkehrskontrollen durch die griechische Regierung sind auch Überweisungen und Kreditkartenzahlungen in das Ausland für den Normalbürger de facto abgeschafft worden. Eine andere Möglichkeit sich bezahlen zu lassen, sieht die auf Online-Buchungen spezialisierte Fluggesellschaft offenbar nicht.

Verständnis dafür haben trotzdem nur die wenigsten Menschen. „Eigentlich wollte ich mit Ryanair zu der Abstimmung für das Referendum in mein Heimatdorf nach Kreta fliegen“, berichtete mir heute Morgen ein Hotelangestellter, der mich beim Frühstück auf diese Kuriosität aufmerksam gemacht hatte.

Das neue Angebot aus Griechenland: Teppichhändler Tsipras

Das neue Angebot aus Griechenland

Teppichhändler Tsipras

Tsipras verschickt einen Brief. Er wolle die Forderungen der Gläubiger akzeptieren – ein Trugschluss.

Dort sei er registriert, das sei hier ja so üblich. „Sonntagmittag hin, abends zurück – knapp zweihundert Euro für mich und meine Frau“, war Manolis Plan. „Das wäre nicht nur etwas günstiger gewesen als mit der Fähre, die Samstagabend in Piräus ablegt und erst am darauffolgenden Morgen am Hafen in Souda auf Insel ankommt – sondern auch wesentlich schneller.“

So aber müsse er sich mindestens einen unbezahlten Arbeitstag für den Trip freinehmen, oder überlegen wie er das Bargeld für die günstigen Flugtickets zusammenbekommt. An den Bankautomaten ist die Ausgabe auf 60 Euro pro Tag und Konto limitiert. „Ich bin eigentlich kein Anhänger von Verschwörungstheorien, aber vielleicht wollen ‚sie‘ auch durch so etwas torpedieren, dass der Volksentscheid stattfinden kann.“

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×