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09.03.2016

20:25 Uhr

Ursula von der Leyen

Verteidigungsministerin darf ihren Doktortitel behalten

Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen behält ihren Doktortitel. Das hat die Universität in Hannover entschieden. Es seien einige Plagiate festgestellt worden, es habe aber keine Täuschungsabsicht vorgelegen.

Plagiatsvorwürfe gegen von der Leyen

„Senat entschied mehrheitlich, den Titel nicht abzuerkennen“

Plagiatsvorwürfe gegen von der Leyen: „Senat entschied mehrheitlich, den Titel nicht abzuerkennen“

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HannoverGlimpfliches Ende der Plagiatsaffäre um die Doktorarbeit von Ursula von der Leyen (CDU): Nach monatelanger Prüfung hat die Medizinische Hochschule Hannover (MHH) den Doktortitel der Verteidigungsministerin trotz handwerklicher Fehler bestätigt. Das entschied der Senat der Hochschule am Mittwoch nach Prüfung der Plagiatsvorwürfe mit klarer Mehrheit. An einigen Stellen habe von der Leyen Texte anderer Wissenschaftler übernommen, ohne dies entsprechend zu kennzeichnen, sagte MHH-Präsident Christopher Baum. „Es geht um Fehler, nicht um Fehlverhalten.“ Es habe keine Täuschungsabsicht vorgelegen.

Die MHH hatte die Doktorarbeit von der Leyens, die nur 62 Seiten umfasst, ein halbes Jahr lang geprüft. Plagiatsjäger hatten ihr im September schwere Regelverstöße in der 1990 erschienenen Arbeit vorgeworfen. Von der Leyen (57) stritt die Vorwürfe ab. Sie selbst bat ihre frühere Hochschule um eine Überprüfung der Arbeit.

Die entdeckten Fehler beeinträchtigten den wissenschaftlichen Wert der Arbeit nicht, für die von der Leyen die Note sehr gut erhielt, betonte Baum. Vielmehr handele es sich um eine handwerklich nicht saubere Arbeitsweise, die im Wesentlichen die Einleitung der Doktorarbeit betreffe. Dies stelle einen Verstoß gegen die gute wissenschaftliche Praxis dar. Diese Kritik der Hochschule und eine Erläuterung des Schweregrads ihrer Fehler würden der Ministerin nun in einem Schreiben erläutert, sagte Baum.

Die Ministerin reagierte erleichtert aber auch mit Selbstkritik auf den Entscheid der Hochschule. „Teile meiner damaligen Arbeit entsprechen nicht den Maßstäben, die ich an mich selber stelle“, hieß es in einer in Berlin veröffentlichten Erklärung. „Ich bin froh, dass die Universität nach eingehender Prüfung zum Schluss gekommen ist, dass meine Experimente für die medizinische Forschung relevant waren und die Arbeit insgesamt die wissenschaftlichen Anforderungen erfüllt.“

Politiker und ihre Doktortitel

Ursula von der Leyen

Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) kann ihren Doktortitel behalten. Das entschied der Senat der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) am Mittwoch nach Prüfung der Plagiatsvorwürfe. Ähnliche Anschuldigungen wie die CDU-Vizevorsitzende erlebten auch andere Spitzenpolitiker bereits – mit unterschiedlichem Ausgang.

Karl-Theodor zu Guttenberg

Die Plagiatsaffäre um die Doktorarbeit des damaligen CSU-Verteidigungsministers war ein Skandal, der die Republik wochenlang in Atem hielt. Es traf einen jungen Politiker auf dem steilen Weg nach oben. Ende Februar 2011 erkannte die Universität Bayreuth Guttenberg den juristischen Doktortitel ab, kurz darauf trat der CSU-Politiker als Verteidigungsminister zurück. Er zog daraufhin mit seiner Familie in die USA und begann als Berater zu arbeiten.

Annette Schavan

Ihre erziehungswissenschaftliche Dissertation „Person und Gewissen“ stammt aus dem Jahr 1980. Nachdem die Plagiatsvorwürfe ab Mai 2012 gegen sie erhoben worden waren, leitete die Universität Düsseldorf eine mehrmonatige Prüfung ein – und entzog der damaligen Bundesbildungsministerin am 5. Februar 2013 den Doktortitel. Vier Tage später trat Schavan als Ministerin zurück. Mit ihrer Klage gegen die Entscheidung scheiterte sie. Inzwischen ist Schavan deutsche Botschafterin im Vatikan.

Silvana Koch-Mehrin

Auch die prominente FDP-Europaabgeordnete stolperte über Plagiatsvorwürfe. Im Mai 2011 trat Koch-Mehrin im Zuge der Debatte über ihre Doktorarbeit als Vorsitzende der FDP im Europäischen Parlament und als Vizepräsidentin des Parlaments zurück. Gut einen Monat später entzog die Universität Heidelberg ihr den Doktortitel.

Bernd Althusmann

Der CDU-Politiker und frühere niedersächsische Kultusminister wurde 2011 vom Plagiatsverdacht entlastet. Die Uni Potsdam sah nach einer Überprüfung seiner Dissertation kein wissenschaftliches Fehlverhalten, wohl aber „Mängel“.

Norbert Lammert

Plagiatsvorwürfe gegen den Bundestagspräsidenten und CDU-Politiker konnten ebenfalls nicht erhärtet werden. Die Uni Bochum stellte vor zwei Jahren nach einer Prüfung zwar „vermeidbare Schwächen in den Zitationen“ in Lammerts Arbeit aus dem Jahr 1975 fest, aber keine Täuschung.

Frank-Walter Steinmeier

Auch ein Prüfverfahren zur Dissertation des heutigen SPD-Außenministers wurde 2013 eingestellt. Die Uni Gießen sah zwar „handwerkliche Schwächen“, aber kein wissenschaftliches Fehlverhalten in Steinmeiers Promotionsarbeit aus dem Jahr 1992.

Die stellvertretende Fraktionsvorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, die niedersächsische Abgeordnete Gitta Connemann, begrüßte das Votum der Universität. „Der Versuch, Ursula von der Leyen persönlich zu diskreditieren, ist gescheitert“, sagte Connemann dem Handelsblatt. „Das ist auch gut so. Sie ist eine hervorragende Ministerin. Unser Land braucht sie.“

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte sich unmittelbar vor der Entscheidung der Hochschule hinter ihre Ministerin gestellt. Auf die Frage, ob sie auch ohne den akademischen Grad noch das Vertrauen der Kanzlerin habe, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert in Berlin: „Selbstverständlich. Die Ministerin ist eine hervorragende Verteidigungsministerin.“ In der Vergangenheit sahen sich mehrere Politiker mit Plagiatsaffären konfrontiert. So trat zum Beispiel Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) 2011 kurz nach Entzug seines Doktortitels zurück.

Bei der Beurteilung durch den Senat der Medizinischen Hochschule gab es sieben Stimmen für und eine gegen die Bestätigung des Doktortitels von der Leyens sowie eine Enthaltung. Von den 47 von Plagiatsjägern aufgeführten Textpassagen hielt der Senat 15 für nicht zu beanstanden. In 8 Fällen ging es demnach um geringfügige Plagiate, 21 wurden als mittelschwer und 3 als schwer eingestuft.

Den ebenfalls erhobenen Vorwurf, die Ministerin habe mit der Studie zu ihrer Doktorarbeit gegen ethische Normen verstoßen, wies die MHH zurück. „Im Ergebnis wurde kein Verstoß gegen Ethikrichtlinien festgestellt, sagte der MHH-Ombudsmann Prof. Thomas Werfel. „Eine Gesundheitsgefährdung der Personen durch das angewandte Bäderverfahren konnte ausgeschlossen werden.“

Von der Leyen hat ihre Doktorarbeit vor 26 Jahren geschrieben. Der wichtigste Experte für saubere wissenschaftliche Arbeit in Deutschland, Professor Wolfgang Löwer (Bonn), sprach sich dafür aus, nach so langer Zeit keine Sanktionen mehr gegen die Autoren zu erheben. Es gehe ihm nicht darum, verdächtige Doktorarbeiten nicht mehr zu prüfen, sondern um den gesellschaftlichen Schutz der Verfasser, sagte er der dpa. „Nur die Sanktionsbefugnis sollte verjähren“, so Löwer. „Man müsste dann nicht seinem gesamten wirtschaftlichen und privaten Umfeld mitteilen: Übrigens, ich bin kein Doktor mehr. Man müsste dann auch nicht mehr Kündigungen durch den Arbeitgeber fürchten.“

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