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12.08.2011

20:22 Uhr

US-Markterhebung

Vergütungsbonanza im Gesundheitswesen

VonAxel Postinett

US-Krankenhäuser stehen angesichts der Schuldenkrise vor drastischen Kürzungen. Davon unberührt steigen die Vorstandsgehälter in Kliniken exzessiv. Eine neue Studie zeigt, dass dies auch für die Aufsichtsräte gilt.

Beschäftigte eines Krankenhauses in Orlando. Quelle: dapd

Beschäftigte eines Krankenhauses in Orlando.

San FranciscoStreitfall Gesundheitswesen: In keiner anderen Branche in den USA sind die Aufsichtsratsvergütungen 2010 so stark gestiegen wie in der Gesundheitsbranche. Das geht aus einer Markterhebung der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft BDO USA LLP in Chicago hervor. Die Ergebnisse heizen die ohnehin schon gereizte Stimmung in Washington um die Reform des angeschlagenen amerikanischen Gesundheitswesens weiter an.

Erst vor Wochen zeigten Statistiken einen überproportionalen Anstieg der Vorstandsgehälter in Kliniken und Krankenhausketten. Die größten Exzesse zeigen Zuwächse bis zu 200 Prozent. Gleichzeitig stehen viele Krankenhäuser angesichts der Schuldenkrise in den USA vor drastischen Budgetkürzungen und planen Entlassungen beim medizinischen Personal und Leistungskürzungen und Krankenversicherer verlangen angesichts einer Kostenexplosion im Gesundheitswesen Prämienanhebungen um bis zu 59 Prozent.

Untersucht wurden 600 mittelständische börsennotierte Unternehmen aus allen Branchen mit Umsätzen von 25 Millionen bis eine Milliarde Dollar. Im Schnitt stiegen die Vergütungen für die Directors of the Boards, die US-Version des Aufsichtsrats, um sieben Prozent. Das Schlusslicht bildeten kleine Unternehmen der verarbeitenden Industrie und des Finanzsektors mit Plus zwei Prozent. Einsam an der Spitze mit 13 Prozent Plus dagegen die Gesundheitsbranche. Rund 137.601 Dollar bekommt ein Director jetzt im Schnitt. Betrachtet man nur die Unternehmen der Top-Liga mit 650 Millionen bis 1 Milliarde Dollar Umsatz liegen laut BDO die Directors mit 205.576 Dollar Vergütung sogar „sehr signifikant über allen anderen Branchen.“

Als Grund für die Ausnahmestellung wird immer wieder die Arbeitsbelastung genannt: Die Directors of the Board im Gesundheitswesens haben in den USA neben der Wahrung der Aktionärsinteressen und der Kontrolle des Managements noch weiterreichende Kontrollfunktionen. Sie müssen zum Beispiel über die Einhaltung medizinischer Standards und umfangreicher gesetzlicher Vorgaben wachen, damit nicht der Profitgedanke völlig die Oberhand gewinnt. Nicht zuletzt deshalb müssen sie oft mehr Zeit und Fachwissen als ihre Kollegen in Industrie- oder Technologiefirmen mitbringen.

Versicherer erhöhen Beiträge

Doch die Vergütungsbonanza mitten in der tiefsten Krise des Systems ruft immer mehr Kritiker auf den Plan. Den Vogel schoss Richard M. Bracken ab, CEO der Krankenhauskette HCA Holdings in Tennesse. Um satte 212 Prozent stieg 2010 sein Vergütungspaket aus Gehalt, Nebenleistungen und Aktienoptionen, berichtet die Beratungsfirma Equilar Inc. insgesamt  kommen damit für den Klinikmanager rund 38 Millionen Dollar zusammen. Selbst Wayne T. Smith, CEO und Chairman der größten börsennotierten Krankenhauskette, Community Health Systems Inc, sieht dagegen mit 21 Millionen Dollar blaß aus, er hat es nur auf eine Verdopplung seit 2008 gebracht.

Die Kehrseite der Medaille: Immer mehr Krankenversicherer kommen mit horrenden Beitragserhöhungen auf ihre Kunden zu. Anfang 2011 kündigte der kalifornische Krankenversicherer Blueshield Prämienerhöhungen um bis zu 59 Prozent an, was tausende privatversicherte Kalifornier mit einem Schlag ihrer Krankenversicherungen beraubt hätte. Nur eine Order von Gouverneur Schwarzenegger stoppt das Vorhaben – vorerst. Seitdem wird intensiv darüber beraten, die privaten Krankenversicherer einer stärkeren staatlichen Aufsicht zu unterstellen. Blueshield hatte stark steigende Kosten als Grund im Gesundheitswesen für die Anhebungen angegeben

Besonders brisant sind in der Diskussion die Gehaltsschecks, die an die Chefs vieler Non-Profit-Krankenhäuser überwiesen werden, die im Gegenzug für die Gemeinnützigkeit hohe Steuerbefreiungen erhalten. 15 CEOs im Staat Washington verdienten über eine Millionen Dollar und drei davon über 2 Millionen Dollar, berichtet der US-Sender KUOW.org. Nach dem Gesetz hätten sie eigentlich in Anlehnung an vergleichbare öffentlich-bedienstete Stellen bezahlt werden müssen und damit deutlich niedriger. Was dabei besonders negativ aufstößt: das Gesetzt ist nicht neu, sondern gilt seit über 30 Jahren. Es scheint nur niemanden in den zuständigen Aufsichtsbehörden interessiert zu haben.


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