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24.06.2011

15:06 Uhr

US-Ökonom Reich

"Wir brauchen ein Paket bis 600 Milliarden Dollar"

VonRolf Benders

Robert Reich, einer der einflussreichsten US-Ökonomen ist überzeugt, dass sein Land ein neues, milliardenschweres Konjunkturprogramm braucht. Mit dem Berkeley-Professor und Ex-Obama-Berater sprach ROLF BENDERS.

Robert Reich: "Wenn es um Bonitätsbewertungen geht, halte ich Ratingagenturen nicht mehr für besonders zuverlässig" Quelle: Richard Morgenstein / worldpress.com

Robert Reich: "Wenn es um Bonitätsbewertungen geht, halte ich Ratingagenturen nicht mehr für besonders zuverlässig"

Handelsblatt: Herr Professor Reich, das Wachstum in den USA schwächelt. Droht eine neue Rezession?

Robert Reich: Das Risiko einer Rezession in nächster Zeit ist nicht zu übersehen. Ich denke, es gibt eine 40-prozentige Wahrscheinlichkeit, dass das passiert.

Dieses Risiko ist nicht gerade klein. Was ist passiert?

Die private Nachfrage geht zurück. Einer der wichtigsten Gründe ist der neuerliche Einbruch der Häuserpreise und die weiterhin prekäre Situation am Arbeitsmarkt. Die Zahl der Menschen, deren Häuser weniger wert sind als ihre Hypothek, steigt wieder. Das belastet die Geldbörsen, schließlich ist das Haus der wichtigste Vermögensgegenstand der Amerikaner.

Braucht Amerika ein neues Konjunkturprogramm?

Ja, ich denke wir brauchen ein Paket von 400 bis 600 Milliarden Dollar.

Kritiker sagen, ein auf Pump finanziertes Programm würde das Rating und die Reputation der USA als Schuldner schwer beschädigen.

Das Argument ist lächerlich. Die Rendite der zehnjährigen Staatsanleihe liegt bei unter drei Prozent, also sehr niedrig. Das sagt uns zweierlei: Erstens, es ist die richtige Zeit, um Geld aufzunehmen und zu investieren. Zweitens, die Märkte scheinen keine Zweifel an der Kreditwürdigkeit der USA zu haben. Sie wissen: Wir sind nicht Griechenland.

Die Ratingagenturen sehen das anders.

Angesichts der Leistung der Ratingagenturen in der jüngsten Krise halte ich die nicht gerade für die zuverlässigste Informationsquelle, wenn es um Bonitätsbewertung geht. Da vertraue ich lieber auf das Signal, das die sinkende Rendite unserer Anleihen sendet. Und das ist klar: Sie würde nicht fallen, wenn die Nachfrage nach den Anleihen nicht groß wäre.

Wie sollte ein Konjunkturpaket aussehen?

Es sollte nicht nur neue, staatliche Ausgaben umfassen, sondern auch Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen und Gesetzesänderungen, die die Investoren und die Wall Street an den Kosten beteiligt.

Das klingt nach einem „New Deal“, wie in den 30ern …

Wenn Sie es so nennen wollen. Wir brauchen Steuererleichterungen für die weniger Begüterten. So sollte man zumindest temporär die ersten 25 000 Dollar, die jemand verdient, nicht besteuern. Weil die meisten Menschen, die davon wirklich profitieren, es auch sofort ausgeben würden, flösse dieses Geld direkt in die Wirtschaft.

Und wie sollen Banken an den Kosten des Pakets beteiligt werden?

Unter anderem durch eine Änderung des Privatinsolvenzrechts. Es sollte Menschen einfacher gemacht werden, eine Insolvenz wegen Hypothekenschulden zu erklären. Im Kern würde dies bedeuten, dass die Bank einen Teil des Hauswertes abschreiben muss, aber der bisherige Eigentümer es erst behalten und später günstig zurückerwerben kann. Das würde die Lage von Millionen Amerikanern vereinfachen.

Trotzdem würde dies das Haushaltsdefizit erhöhen...

Ja. Aber nicht die Höhe von Defizit und Schulden ist relevant, sondern deren Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt. Wenn es uns gelingt, wieder Wachstum zu erzielen, wird dieses Verhältnis automatisch besser.

Halten Sie das für politisch durchsetzbar?

Im Moment nicht, die Republikaner und einige Demokraten wollen nur das Defizit senken. Aber je näher die nächsten Wahlen kommen, desto größer wird der Druck auf die Parteien, vor allem auf den Präsidenten und die Demokraten, zu agieren. Der Präsident ist zwar im Moment abgetaucht, aber er will ja wiedergewählt werden.

Viele sehen den Ausweg in einem neuen Anleiheaufkaufprogramm der Notenbank.

Die bisherigen Programme haben wenig gebracht. Die niedrigen Zinsen haben vor allem der Wall Street, den großen Firmen und den schon ultrareichen Investoren geholfen. Beim kleinen Mann ist wenig angekommen.

Kommentare (4)

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Icke

24.06.2011, 18:24 Uhr

Die US-Staatsanleihen sind doch (wenigstens zum größten Teil) garnicht am Markt gelandet.
Die FED hat sie genommen und dafür frisch gedruckte Dollars rausgerückt.

Wie soll man daraus ableiten wie die Märkte über die Kreditwürdigkeit der USA denken?

Account gelöscht!

25.06.2011, 13:31 Uhr

Robert Reich hat schon vor Jahen aufgezeigt, warum wir diese Krise heute haben.
Sein Buch "Super Kapitalismus" - Wie die Wirtschaft unsere Demokratie untergräbt - was er schon vor einigen Jahren schrieb, ist lesenswert.
Aber die westlichen Politiker umgeben sich nicht mehr mit wirklichen Fachleuten, sondern mit selbsternannen Experten, die kräftig an der Vernichtung der Länder mithelfen. Das ist das Problem.

Account gelöscht!

25.06.2011, 18:26 Uhr

Niemand, der bei Verstand ist, investiert in einem Land, das ploitsich und wirtschaftlich so angeschlagen ist, wie die USA. Staatsverschuldung und Parteienstreit beweisen, daß das Land kein brauchbares politisches und auch kein rechtsstaatliches System mehr ist. Gelddrucken hat in der Vergangenheit nichts gebracht und wird auch per staatlichem Investitionsprogramm nichts bringen. Münchhausenpolitik!

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