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09.01.2003

08:59 Uhr

US-Präsident Bush greift in Klondebatte ein

Wissenschaftler fürchten totales Verbot

VonTorsten Riecke

Meldungen über den angeblich ersten geglückten Klonversuch an einem Menschen haben auch in Amerika die Debatte über das Klonen neu belebt. So vage die Behauptungen der Biotechfirma Clonaid auch sein mögen, und so obskur die dahinter stehende religiöse Sekte der Raelianer erscheinen mag, die Regierung in Washington nimmt die Sache ernst.

NEW YORK. US-Präsident George W. Bush nennt die Nachrichten „tief beunruhigend“. Wissenschaftler befürchten, dass Bush den Kongress zu einem totalen Klonverbot drängen und damit auch das therapeutische Klonen verbannen wird.

Das US-Repräsentantenhaus hat 2001 ein Verbot für alle Formen menschlichen Klonens beschlossen. Der Senat hat jedoch das Thema gemieden, und so ist die Gesetzeslage in Amerika weiterhin unklar.

Als Clonaid Ende vergangenen Jahres behauptete, eine 31 Jahre alte US-Bürgerin habe ein geklontes Mädchen namens Eve zur Welt gebracht, folgte rund um den Globus ungläubiges Staunen. „Ich bin sehr skeptisch, ob es wahr ist“, sagte Keith Campbell, Professor für Tiermedizin an der Universität Nottingham in Großbritannien. Campbell gehört zu der Gruppe von Wissenschaftlern, die 1996 das Schaf Dolly geklont haben.

Grund für die Skepsis der Wissenschaftler sind die fehlenden Beweise von Clonaid. Obwohl das Unternehmen eine DNA-Analyse – eine Art genetischer Fingerabdruck – von Mutter und Kind versprochen hat, ist es dazu bislang nicht gekommen. Der von Clonaid ausgewählte Wissenschaftsjournalist Michael Gullien gab Anfang der Woche seine Aufklärungsbemühungen auf, nachdem er keinen Zugang zu Eve und ihrer Familie erhalten hatte. „Es ist durchaus möglich, dass die Behauptung von Clonaid ein publikumswirksamer Trick der Raelianer-Sekte ist“, sagte Gullien. Inzwischen hat Clonaid die Geburt eines zweiten geklonten Babys gemeldet. Auch dafür fehlen die Beweise.

Die Sekte wurde vor 30 Jahren von dem Franzosen Claude Vorilhon (Spitzname Rael) gegründet. Ihr Hauptquartier ist in Valcourt, nahe Montreal in Kanada. Die Raelianer glauben, dass Menschen von Außerirdischen mit Hilfe der Gentechnologie geschaffen wurden. Die Sekte erhofft sich vom Klonen ewiges Leben. Vorilhon ist auch der Gründer der Firma Clonaid, die sich vor allem mit dem umstrittenen römischen Gynäkologen Severino Antinori ein Wettrennen um den ersten geklonten Menschen liefert.

Wissenschaftler wie Dr. Ian Wilmut vom Roslin-Institut in Schottland warnen vor den lebensbedrohlichen Risiken des menschlichen Klonens. Unter Wilmuts Leitung wurde das Schaf Dolly geklont. Zusammen mit zwei amerikanischen Experten erklärte der Schotte jetzt, dass geklonte Menschen ähnliche Missbildungen erleiden könnten, wie man sie bei Tieren bereits festgestellt habe.

Für die Befürworter des therapeutischen Klonens sind die Behauptungen von Clonaid eine Katastrophe. „Eine Kurzschlussreaktion auf die Clonaid-Ankündigung könnte wichtige medizinische Forschungen um Jahre zurückwerfen“, sagte Dr. Albert Teich von der American Association for the Advancement of Science in einem Interview. Tatsächlich sind die Chancen auf ein gesetzliches Klonverbot gestiegen. Der Mediziner Bill Frist, neuer Mehrheitsführer der Republikaner im Senat, nannte die Clonaid-Meldungen „bestürzend“. Er befürwortet ein umfassendes Klonverbot und könnte das Thema wieder auf die Tagesordnung in Washington bringen.

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