Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

29.05.2017

09:59 Uhr

US-Reaktionen auf Merkel-Rede

„Das Ende einer Ära amerikanischer Führung“

VonChristoph Herwartz

Im bayrischen Bierzelt ruft Angela Merkel die Europäer zu mehr Eigenständigkeit auf. Ihre Aussagen werden auch in den USA ernstgenommen. „Merkel beginnt damit, eine neue EU zu formen“, heißt es. Die Reaktionen.

Die Kanzlerin hat die Herausforderung angenommen. dpa

Trump und Merkel beim G7-Gipfel

Die Kanzlerin hat die Herausforderung angenommen.

DüsseldorfDie Bierzelt-Rede der deutschen Bundeskanzlerin ist am Montagmorgen das große Thema der US-Nachrichtenseiten. Gerade die großen, liberalen Zeitungen sehen eine bedeutsame Wende. „Warum Merkels Kommentare wichtig sind“, titelt etwa die „Washington Post“ und zitiert dann zunächst zwei Absätze lang das, was Angela Merkel (CDU) am Sonntag sagte.

„Die Zeiten, in denen wir uns auf andere völlig verlassen konnten, die sind ein Stück vorbei, das habe ich in den letzten Tagen erlebt“, hatte sie in München nach ihrer Rückkehr vom Nato- und vom G7-Gipfel ausgeführt. „Und deshalb kann ich nur sagen: Wir Europäer müssen unser Schicksal wirklich in unsere eigene Hand nehmen.“ Natürlich tue man dies in Freundschaft zu den USA und Großbritannien und in guter Nachbarschaft, „wo immer das geht, auch mit Russland, auch mit anderen Ländern“. Aber: „Wir müssen wissen, wir müssen selber für unsere Zukunft kämpfen, als Europäer, für unser Schicksal.“

Frustrierte Merkel nach G7-Gipfel

„Jetzt müssen wir für uns selbst sorgen“

Frustrierte Merkel nach G7-Gipfel: „Jetzt müssen wir für uns selbst sorgen“

Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

Die „Post“ analysiert dazu: „Dies ist eine enorme Änderung der politischen Rhetorik.“ Es sei wahrscheinlich, dass Deutschland und Europa künftig eigenständigere Rollen in der Nato spielen werden, als es in den vergangenen 70 Jahren der Fall war. Merkel impliziere klar, dass das Schwächerwerden des transatlantischen Verhältnisses bedeutet, dass die EU gestärkt werde. Der Ausstieg der Briten mache es aus ihrer Sicht zudem möglich, dass sich die EU darauf konzentriert, ihre inneren Angelegenheiten in Ordnung zu bringen – angetrieben von einer gestärkten Beziehung zwischen Deutschland und Frankreich.

„Merkels Temperament ist das genaue Gegenteil des Temperaments Trumps“, stellt die „Post“ fest. „Sie ist sehr vorsichtig. Die Rede ist kein impulsiver Zug. Merkel beginnt damit, eine neue EU zu formen, die stärker und selbstsicherer ist und weniger auf eine Führung durch die USA angewiesen ist.“ Wenn Merkel die Bundestagswahl gewinne und genug Unterstützung anderer EU-Staaten bekomme, könnte sie eine langfristige Veränderung der EU-US-Beziehungen einleiten.

Angela Merkel: „Wir Europäer müssen unser Schicksal in unsere eigene Hand nehmen“

Angela Merkel

„Wir Europäer müssen unser Schicksal in unsere eigene Hand nehmen“

Nach dem wenig harmonischen G7-Gipfel ruft Kanzlerin Merkel die Europäer zu mehr Eigenständigkeit auf. Freundschaften seien wichtig. Doch die Zeiten, in denen man sich auf andere verlassen könne, seien „ein Stück“ vorbei.

Die „New York Times“ sieht es ähnlich: „Wenn die Vereinigten Staaten weniger gewillt sind, in Übersee einzugreifen, wird Deutschland in Partnerschaft mit Frankreich mehr und mehr zur dominierenden Kraft.“ Der ehemalige Nato-Gesandte der USA Ivo Daalder sagte der „Times“: „Dies scheint das Ende einer Ära zu sein, in der die Vereinigten Staaten führten und Europa folgte.“ Merkel erkenne mit ihren Äußerungen an, dass die USA und Europa in Kernfragen in genau entgegengesetzte Richtungen steuerten.

Bei „Fox-News“, dem Lieblingssender Donald Trumps, kam der ehemalige US-Gesandte bei den Vereinten Nationen, John Bolton zu Wort. Er verwies darauf, dass Merkel nicht unbedingt den Rückhalt anderer europäischer Länder habe. Schon bei „Alleingängen“ wie in der Flüchtlingsfrage habe sie nicht die Unterstützung Polens und Ungarns gehabt.

Ihre Äußerungen hätten viel mit der Bundestagwahl im Herbst zu tun. Der Sender blendete die Verteidigungsausgaben wichtiger Nato-Mitglieder ein, die deutlich hinter den Ausgaben der USA zurückbleiben: „Die Bedrohung der Nato-Solidarität kommt aus Europa, nicht aus den USA“, kommentierte Bolton.

Bilanz des G7-Treffens: Sechs zu eins gegen Trump

Bilanz des G7-Treffens

Premium Sechs zu eins gegen Trump

Auch wenn die restlichen sechs Regierungschefs sich für den Klimaschutz einsetzen – Donald Trump blieb unnachgiebig. Die Ergebnisse des G7-Treffens blieben mager. Jetzt muss es der G20-Gipfel richten. Eine Analyse.

Kommentare (56)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Herr Vinci Query

29.05.2017, 10:07 Uhr

Beitrag von der Redaktion editiert. Bitte achten Sie auf unsere Netiquette: „Kommentare sind keine Werbeflächen“ http://www.handelsblatt.com/netiquette

Herr Vinci Query

29.05.2017, 10:10 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

Rainer von Horn

29.05.2017, 10:10 Uhr

Ja vielleicht sollten wir ja tatsächlich mal anfangen, die Ausrüstung unserer eigenen Armeen auf den neuesten Stand zu bringen (mit der Bundeswehr könnten wir beispielsweise anfangen), anstatt dauernd Staaten im Nahen Osten damit auszurüsten, was sich mal als Schuss ins Knie erweisen könnte?

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×