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31.07.2011

12:20 Uhr

US-Schuldenkrise

Top-Ökonom fordert G8 zum Handeln auf

VonDietmar Neuerer

Der Chef des Bonner Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA), Klaus Zimmermann, erwartet vom nächsten Gipfel der größten Industriestaaten einen Notplan gegen die Überschuldung.

Amerikanische Geldscheine vor einer USA-Fahne. Quelle: dpa

Amerikanische Geldscheine vor einer USA-Fahne.

DüsseldorfAngesichts der Schuldenkrisen in den USA und Europa sieht der Bonner Wirtschaftsprofessor Klaus Zimmermann die Gruppe der acht führenden Industriestaaten (G8) unter Handlungsdruck. „Daraus können wir nur lernen, dass der nächste Gipfel der G8 nur ein zentrales Thema haben darf: Wie bekommen die Industriestaaten das Problem der staatlichen Überschuldung nachhaltig in den Griff“, sagte der Direktor des Bonner Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA) Handelsblatt Online. „Hierzu brauchen wir langfristig verlässliche Verabredungen, es ist fünf vor zwölf.“.

Lösungsstrategien der US-Schuldenkrise

Das Optimum (unwahrscheinlich)

Regierung und Opposition einigen sich auf eine Anhebung des derzeit bei 14,3 Billionen Dollar liegenden Schuldenlimits um mindestens zwei Billionen Dollar und auf ein Haushaltssanierungsgesetz mit Einsparungen von rund vier Billionen Dollar in den nächsten Jahren.

Die Folgen: Sowohl ein Zahlungsausfall als auch eine Herabstufung der Kreditwürdigkeit der USA sind vom Tisch. Die Aktienmärkte würden mit massiven Kursgewinnen reagieren. Der Dollar und die Kurse der US-Staatsanleihen steigen.

Die zweitbeste Lösung (wahrscheinlich)

Das Schuldenlimit wird auf Druck der Republikaner nur geringfügig angehoben und es gibt ein Haushaltssanierungsgesetz mit einem Volumen von mehreren Billionen Dollar.

Die Folgen: Eine unmittelbare Zahlungsunfähigkeit ist abgewendet. Aber das Schuldenlimit muss im Frühjahr 2012 erneut angehoben werden. Die Ratingagenturen drohen weiter mit Herabstufung, halten aber vorerst still. An den Aktienmärkten gibt es verhaltene Kursgewinne, weil alle wissen, dass das ganze Poker in ein paar Monaten wieder losgeht. Dollar und Staatsanleihen erholen sich leicht.

Die drittbeste Lösung (weniger wahrscheinlich)

Das Schuldenlimit wird auf Druck der Republikaner nur geringfügig angehoben und es gibt kein oder nur kein umfassendes Haushaltssanierungsgesetz.

Die Folgen: Eine unmittelbare Zahlungsunfähigkeit ist abgewendet. Aber den Ratingagenturen sind die Einsparungen zu gering, sie stufen die Kreditwürdigkeit der USA früher oder später herab. Die Aktienmärkte reagieren negativ, der Dollar gibt nach. Möglicherweise reicht eine Herabstufung der USA bereits aus, um das Weltfinanzsystem in eine tiefe Krise zu stürzen.

Der Super-GAU (nicht unmöglich)

Die Parteien können sich weder auf eine Anhebung des Schuldenlimits noch auf ein Haushaltssanierungsgesetz einigen.

Die Folgen: Die Agenturen können kaum anders, als die Kreditwürdigkeit der USA herabzustufen. Die US-Regierung wird Ausgaben priorisieren, um so lange wie möglich zumindest die Schulden zu bedienen. Zahlungen an Kommunen und Bundesstaaten, Angestellte, Arbeitslose und Sozialhilfeempfänger werden verzögert. Den USA droht eine Rezession. Die Märkte spielen verrückt, mit weltweit fallenden Aktienkursen. Aus Angst vor einem Einfrieren des Interbankenmarktsstoßen Anleger vor allem Finanzaktien ab. Deutsche und Schweizer Staatsanleihen sind gefragt, der Euro legt vermutlich deutlich gegenüber dem Dollar zu.

Eine Krise wie nach dem Lehman-Kollaps gilt als sehr wahrscheinlich. Dabei ist die letzte Hoffnung, dass die Politiker in Washington im Angesicht der globalen Verwerfungen binnen Tagen zu einer Einigung kommen.

Obama ruft den "Notstand" aus (unwahrscheinlich)

Eine umstrittene Verfassungsklausel (14. Zusatz) aus der Zeit des Bürgerkriegserlaubt dem Präsidenten nach Ansicht vieler Verfassungsrechtler im Notfall alle Maßnahmen, um die Zahlungsfähigkeit der USA sicherzustellen. Obama, selbst Harvard-Jurist, hat es bislang abgelehnt.

Die Folgen: Es würde eine Zahlungsunfähigkeit vermieden. Wegen des fehlenden Haushaltssanierungsgesetzes gäbe es aber wahrscheinlich doch eine Herabstufung der Bonität.

Bekanntlich hätten die USA schon beim G8-Gipfel in Deauville Ende Mai einen klaren und glaubwürdigen Rahmen zur mittelfristigen Haushaltskonsolidierung versprochen. „Das jetzige Drama ist doch nur die Folge davon, dass dieses Versprechen nicht eingehalten wurde.“ An diesem Thema müsse auch die Euro-Zone mitarbeiten. „Andernfalls droht das Schuldenproblem zur größten  weltwirtschaftlichen Belastung des 21. Jahrhunderts zu werden“, sagte Zimmermann. Insofern seien die Vorgänge in den USA auch eine Warnung: Die laxe Politik des „Deficit Spending“ über automatische Stabilisatoren hinaus müsse für immer vorbei sein.

Die US-Demokraten wollen unterdessen einen neuen Anlauf für einen Kompromiss mit den Republikanern nehmen. Der Mehrheitsführer im Senat, Harry Reid, verschob gestern eine Testabstimmung über einen Vorschlag der Demokraten zur Erhöhung der Schuldenobergrenze. Die Abstimmung soll heute Abend stattfinden. Reid betonte in Washington, man habe zwar in vielen Punkten eine Einigung erzielt. Einige Fragen seien aber weiter offen. Der republikanische Senator Mitch McConnell sagte, er sehe Chancen für eine Übereinkunft. Gibt es bis Dienstag keine Lösung, droht den USA die Zahlungsunfähigkeit.

Wenig optimistisch beurteilte der Ökonom Zimmermann die Situation in den USA. „Aus der Sachlage heraus ist eine Abstufung der Bonität der Vereinigten Staaten unvermeidlich“, sagte er. Denn die Voraussetzungen für eine langfristige Sanierung des amerikanischen Haushaltes seien nicht erkennbar. Die Aufschub versprechende Formalie einer Erhöhung der Verschuldungsgrenzen löse das Problem nicht. „Letztlich werden die Rating-Agenturen die Top-Bonität der USA auch nach einem solchen Schritt in Zweifel ziehen, wenn diese nachhaltigen fiskalischen Verbesserungen nicht in Sicht sind“, sagte er.

Kommentare (5)

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Kackbolzen

31.07.2011, 12:28 Uhr

Notplan gegen die Überschuldung? Weltweit?
Na, jetzt kommt es ja langsam im Mainstream an, dass eine Währungsreform fällig ist. Dass das FIAT-Geld am Ende ist. Nur bedrucktes Papier. Bald billiger als Tapete...
95 Billionen Schulden weltweit. Eine Vervierfachung seit 1990 (Quelle: FAZ von heute). Da sollte doch alles ziemlich eindeutig ableitbar sein. Was das für jeden Einzelnen bedeutet, will ich hier nicht kommentieren. Die Gutmenschen sollen ruhig noch ein bisschen schlafen...

Account gelöscht!

31.07.2011, 13:56 Uhr

es ist eigentlich ganz einfach:
Wir alle habe die letzten 40 Jahre - in unterschiedlicher Form - über unsere Verhältnisse gelebt. Die einen fahren 2-3 mal p.a. in Urlaub, die anderen lieben Ihr Militär und andere sind gerne korrupt. Und nun bekommen wir die Rechnung für unseren egoismus und unsere Kurzsichtigkeit.
Gerinqualifizierte Jobs nach Asien, mehr Ausgaben zu Hause und das alles auf Punmp.... Schuld sich nicht die Banke oder Märkte, sondern wir, da wir die Polotokhanseln gewählt haben die das bessere Versprechen gemacht haben - oder wurde schon mal jemend gewählt der öffentlich zugegeben hat a) wir sind pleite b) der Standard wird sinken c) wer nichts gelernt hat kann nur einen minimalbezahlten Job bekommen der wenn überhaupt gerade zum überleben reicht - mehr aber auch nicht.

Nun wird uns der Spiegel halt von außen vorgehalten...

Account gelöscht!

31.07.2011, 14:34 Uhr

Wir können nicht über unseren Verhältnissen gelebt haben, denn
1. Es gab genug Flüge.
2. Es gab genug Autos. Etc.

Dass das Währungssystem nicht länger als 70 oder 80 Jahre funktioniert ist normal und es ist auch normal, dass JEDE Wirtschaft auf Pump lebt: immer.

Das gilt auch für China, Asien, Südamerika und Co. Machen sie nur nicht den Fehler das Geldsystem als Anker dafür zu nehmen was man sich leisten kann. Man kann sich leisten was da ist. Das Geldsystem übernimmt nur die Verteilung und das mit der Zeit immer schlechter. Die Darstellung geht immer weiter weg von der Realität.

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