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29.01.2007

18:43 Uhr

US-Soldaten im Irak

Der Krieg zu Hause

VonMarkus Ziener

Der Einsatz im Irak hat das Leben vieler amerikanischer Soldaten verändert – und das ihrer Familien. Viele sind regelrecht traumatisiert. Ein Besuch in der kleinen Garnisonsstadt Hinesville.

Soldatenkrankheit: Post Traumatic Stress Disorder. Foto: dpa dpa

Soldatenkrankheit: Post Traumatic Stress Disorder. Foto: dpa

HINESVILLE. Immer wenn eine Brise kommt, klimpern die blechernen ovalen Schildchen im Wind. „Dog Tags“, Hundemarken, heißen sie bei den Soldaten. Auf den einen stehen Name, Einheit, Geburtsdatum. Auf den anderen ein Sinnspruch, ein Vers oder eine Bibelzeile. So wie bei Gregory P. Sanders. Buch Josua, 1. Kapitel, Vers 9: „Ich werde stark und mutig sein“, ist dort eingeprägt. „Ich werde keine Angst haben, weil Gott in mir sein wird, wo auch immer ich hingehe.“ Sanders ging in den Irak, er trug das Metallplättchen auch am 24. März 2003 um den Hals, als er beim Vormarsch auf Bagdad von der Kugel eines Heckenschützen getötet wurde. Nach nur 19 Jahren war sein Leben zu Ende.

Sanders war einer der ersten Infanteristen aus Fort Stewart in Hinesville, Georgia, die im Irak getötet wurden. Und Staff-Sergeant John L. Hartman der vorläufig letzte. Bei Regen und Kälte wird auch für ihn an diesem Morgen ein Red-Bud-Baum am „Warriors Walk“, der Allee der Krieger, gesetzt. Die beiden Kinder, die Hartman zurückgelassen hat, verkriechen sich unter einer Wolldecke, als die Militärkapelle „God bless America“ anstimmt. Es ist ein tieftrauriges Gedenken für den 318. Gefallenen aus Fort Stewart. „Die Bäume blühen im Frühjahr genau zu der Zeit, als wir in Bagdad einmarschierten“, sagt ein Wegbegleiter. Aber der Satz steht so einsam wie die Bäume. Er hilft nicht.

In den USA ist der Krieg längst ein Politikum

Denn es herrscht Krieg, und ein Ende ist nicht abzusehen. Gerade erst hat US-Präsident George W. Bush die Entsendung zusätzlicher 21 500 Soldaten in den Irak beschlossen. In den USA ist der Krieg längst ein Politikum, er hat eine zentrale Rolle bei den Kongresswahlen gespielt. Und er könnte darüber entscheiden, welche Partei 2008 den Präsidenten stellt.

Bush, der nicht mehr antreten kann, will das Ruder mit einer neuen, vielleicht der letzten militärischen Anstrengung herumreißen. „Clear, hold and build“ heißt der Kurs, der im Irak unter dem neuen Kommandeur David Petraeus verfolgt werden soll. Für die Soldaten bedeutet dies, sich in noch mehr Gefahren zu begeben. In Bagdad sollen die unsichersten Viertel Haus für Haus nach Rebellen durchsucht, gesäubert und danach auch gehalten werden. Offiziell tragen die irakischen Truppen die Hauptlast der Operation. Doch das ist Illusion. Es kommt vor allem auf die amerikanische Armee an. Und ihr steht in der irakischen Hauptstadt ein bitteres Frühjahr bevor.

„Manchmal schalte ich einfach das Fernsehen ab“, sagt Jennifer Duke. „Die Nachrichten machen mich nervös.“ Die 28-Jährige ist schwanger, im Februar kommt das Kind. Es wird das dritte sein, und erneut wird ihr Mann Robert Entscheidendes nicht mitbekommen. Denn ein halbes Jahr nach der Geburt wird Squadleader Robert Duke wieder für ein Jahr in den Irak gehen.

Er wird dort, wann immer er Zeit hat, vor dem Internet sitzen, die Webcam einschalten, und dann wird Jennifer das kleine Baby in die Kamera halten, Robert wird winken, und dann werden sie sich Mut zusprechen. Sie werden versuchen, nicht sentimental zu werden, und sie werden auf einen guten Ausgang hoffen.

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