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11.04.2013

04:56 Uhr

US-Verteidigungsminister

„Nordkorea balanciert an einer gefährlichen Linie“

Wird Nordkorea eine Mittelstreckenrakete abfeuern? Südkorea berichtete von mobilen Startrampen entlang der Ostküste des Landes. Daraufhin erhöhten die USA und Südkorea ihre Alarmbereitschaft.

Nordkorea provoziert die USA - und feiert unterdessen die Geschichte der Kim-Dynastie mit einem Theaterstück. dpa

Nordkorea provoziert die USA - und feiert unterdessen die Geschichte der Kim-Dynastie mit einem Theaterstück.

Washington/SeoulNordkorea bereitet sich nach Einschätzung des südkoreanischen Militärs möglicherweise auf den Abschuss mehrerer Raketen zur gleichen Zeit vor. Die nordkoreanischen Streitkräfte hätten entlang der Ostküste mehrere mobile Startrampen aufgestellt. Das hätten Militärs in Südkorea am Donnerstag bestätigt, berichtete der Rundfunksender KBS.

Neben einer oder zwei Mittelstreckenraketen könnten in Nordkorea Scud-Raketen mit Reichweiten von 300 bis 500 Kilometern und Nodong-Raketen abgefeuert werden, die über 1300 Kilometer weit fliegen. Zudem gebe es Anzeichen, dass mindestens eine Musudan-Mittelstreckenrakete mit einer geschätzten Reichweite von 3000 bis 4000 Kilometern betankt worden sei. Eine Rakete dieses Typs gilt als ungetestet.

Nordkorea und seine Rakete

Was deutet auf einen bevorstehenden Test hin?

Das südkoreanische Verteidigungsministerium hat Geheimdienstberichte bestätigt, wonach Nordkorea mindestens eine Mittelstreckenrakete mit dem Zug an die Ostküste des Landes transportiert habe. Die Rakete wurde demnach bereits auf eine mobile Abschussvorrichtung montiert. Südkoreanische Medien berichteten, dass zwei Raketen an die Küste gebracht wurden.

Um was für Raketen handelt es sich?

Dazu äußerte sich das südkoreanische Verteidigungsministerium nicht genau. Es sprach lediglich von einer Mittelstreckenrakete mit "erheblicher Reichweite". Südkoreanische Medien berichteten unter Berufung auf Militär- und Regierungsvertreter, es handele sich um Raketen des Typs Mudusan.

Was ist über die Mudusan-Rakete bekannt?

Dieser Raketentyp wurde erstmals im Oktober 2010 bei einer Militärparade in Pjöngjang präsentiert. Die Sicherheitsberatungsfirma IHS Jane's ist der Ansicht, dass es sich um eine Mittelstreckenrakete mit einem einzelnen Sprengkopf handelt, die auf der Straße transportiert werden kann und mit flüssigem Treibstoff betrieben wird. Sie basiere auf der russischen R-27 und nutze auch Technik von Raketen des Typs Scud.

Welche Reichweite und Tragfähigkeit hat die Rakete?

Den Sicherheitsexperten zufolge kann die Rakete 2500 bis 4000 Kilometer weit fliegen. Damit könnte sie von Nordkorea aus mindestens Südkorea und Japan erreichen, möglicherweise aber auch US-Militärstützpunkte auf der Pazifikinsel Guam.

Kann die Rakete Nuklearsprengköpfe transportieren?

Das ist theoretisch möglich. Die meisten Experten sind allerdings der Ansicht, dass Nordkorea bislang nicht über die nötige Technologie verfügt, um Nuklearsprengköpfe auf Raketen zu montieren.

Gibt es Experten, die diesen Beschreibungen widersprechen?

Ja, und zwar zwei deutsche Experten. Markus Schiller und Robert Schmucker aus München sind der Ansicht, dass es die Mudusan-Rakete gar nicht gibt. Das im Oktober 2012 vorgeführte Modell sei lediglich eine Attrappe gewesen. Zwar sei ein Raketentest durchaus vorstellbar, meinen die beiden Experten. Doch dann würde höchstwahrscheinlich ein ausländisches Modell verwendet und kein in Nordkorea hergestelltes.

Angesichts zunehmender Hinweise auf einen bevorstehenden neuen Raketenabschuss haben die USA ihre Warnungen an die kommunistischen Machthaber in Nordkorea verschärft. "Nordkorea balanciert nahe an einer gefährlichen Linie", sagte US-Verteidigungsminister Chuck Hagel am Mittwoch in Washington.

„Ihre Taten und ihre Worte haben nicht geholfen, eine entflammbare Situation zu entschärfen“, sagte der Pentagonchef. Die USA hofften weiterhin, dass Pjöngjang von der kriegerischen Rhetorik Abstand nehme. Falls nicht, sei Amerika vorbereitet, auf jede Eventualität zu reagieren. Die USA hätten alle Möglichkeiten mit jeder denkbaren Handlung Nordkoreas umzugehen, um die USA, ihre Interessen und ihre Verbündeten zu schützen.

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Zuvor hatte der südkoreanische Außenminister Yun Byung Se erklärt, die Wahrscheinlichkeit des Abschusses einer Mittelstreckenrakete durch Nordkorea sei sehr hoch. Seine Regierung habe Nordkoreas Verbündete China und Russland ersucht, auf die Führung in Pjöngjang einzuwirken, um die seit Wochen zunehmenden Spannungen abzubauen.

Der Start einer ballistischen Rakete durch das kommunistische Land wäre eine deutliche Eskalation in der ohnehin stark angespannten Situation auf der koreanischen Halbinsel. Die südkoreanischen und die US-Streitkräfte sind daher in erhöhter Alarmbereitschaft. Das gemeinsame Truppenkommando setzte das vierstufige Warnsystem „Watchcon“ von Stufe drei auf zwei, berichtete am Donnerstag die Nachrichtenagentur Yonhap unter Berufung auf das Präsidialamt in Seoul.

Allerdings sei die Maßnahme bereits seit Anfang März in Kraft. Stufe zwei wird bei Anzeichen für eine „kritische Bedrohung“ wirksam, Stufe eins gilt für Kriegszeiten. Ein Sprecher des Verteidigungsministeriums bestätigte die Erhöhung der Wachsamkeitsstufe.

Chronologie: Nordkorea und seine Atombomben

1989

Ein US-Spionagesatellit macht erste Aufnahmen der nordkoreanischen Atomanlage Yongbyon.

1994

Pjöngjang legt den Atomreaktor im Rahmen eines Abkommens mit den USA still und erhält dafür Zusagen für den Bau zweier Leichtwasserreaktoren.

1998

Abschuss einer nordkoreanischen Langstreckenrakete vom Typ Taepodong-1.

2002

US-Präsident George W. Bush erklärt Nordkorea im Januar zu einem Teil der "Achse des Bösen". Im Dezember reaktiviert Pjöngjang den Atomreaktor Yongbyon und weist Inspektoren der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) aus.

2003

Nordkorea kündigt im Januar den Atomwaffensperrvertrag auf. Im August beginnen Sechs-Nationen-Gespräche zur Beendigung des nordkoreanischen Atomprogramms mit Nord- und Südkorea, China, USA, Japan und Russland.

2005

Nordkorea gibt im Februar bekannt, Atomwaffen zur Selbstverteidigung hergestellt zu haben.

2006

Nordkorea nimmt am 9. Oktober den ersten Atombomben-Test vor. Der UN-Sicherheitsrat beschließt Sanktionen.

2007

Nordkorea erklärt sich im Februar bereit, die Anlage in Yongbyon abzuschalten und Atominspektoren wieder ins Land zu lassen. Im Juli erklärt die IAEA, Yongbyon sei geschlossen.

2009

Im April startet Nordkorea eine Langstreckenrakete mit tausenden Kilometern Reichweite. Die Regierung in Pjöngjang zieht sich aus den Sechs-Parteien-Gesprächen zurück und kündigt die Wiederaufnahme des Atomprogramms an. Am 24. Mai nimmt Nordkorea einen zweiten Atombombentest vor. Am 12. Juni werden die UN-Sanktionen verschärft.

2011

Nach dem Tod des langjährigen nordkoreanischen Machthabers Kim Jong Il am 17. Dezember kommt sein jüngster Sohn Kim Jong Un an die Macht.

2012

Nach einem fehlgeschlagenen Test der Rakete Unha-3 im April gelingt ein zweiter Abschuss des Raketentyps im Dezember.

2013

Der UN-Sicherheitsrat verschärft am 22. Januar die Sanktionen erneut, zwei Tage später kündigt die Führung in Pjöngjang einen neuen Atomtest an. Am 12. Februar vollzieht Nordkorea nach eigenen Angaben "erfolgreich" einen unterirdischen Atomtest.

2014

In seiner Neujahrsansprache kündigt Diktator Kim Jong-Un gegenüber den USA eine „massive nukleare Katastrophe“ an, sollte auf der koreanischen Halbinsel ein Krieg ausbrechen. Im September veröffentlicht die IAEA einen Bericht, wonach der Atomreaktor Nyongbyon wieder in Betrieb sei, und belegt dies mit Satellitenbildern.

2015

Im Januar bietet Kim Jong-Un an, das Atomwaffenprogramm Nordkoreas aufzugeben, wenn die USA auf gemeinsame Militärmanöver mit Südkorea verzichten. Im Mai verbreitet Pjöngjang, dass Nordkorea inzwischen auch Langstreckenraketen mit entsprechend miniaturisierten Nuklearwaffen ausrüsten zu können – eine offene Drohung in Richtung USA.

2016

Gleich zu Beginn des Jahres gibt Nordkorea bekannt, erstmals erfolgreich den Einsatz einer Wasserstoff-Bombe getestet zu haben. Chinesische und US-amerikanische Behörden bezweifeln die Behauptung aufgrund seismischer Signale in der Nähe des Testgeländes, die eher auf die Explosion einer Spaltbombe hindeuten. Einen Monat später führt Pjöngjang einen Raketentest durch: Am 7. Februar startet eine Unha-3-Trägerrakete und bringt einen Satelliten in die Erdumlaufbahn. Die USA, Südkorea und Japan werten den Start jedoch als Test einer atomar bestückbaren Langstreckenrakete – und erlassen erneut Sanktionen gegen Nordkorea.

Der Kommandeur der US-Streitkräfte im Pazifik, Admiral Samuel Locklear, bestätigte, dass Nordkorea mindestens eine Mittelstreckenrakete des Typs Musudan an die Ostküste des Landes verlegt habe. Die Rakete könnte theoretisch die US-Pazifikinsel Guam, jedoch nicht das amerikanische Festland treffen, sagte Locklear dem Streitkräfteausschuss des US-Senats am Dienstag in Washington.

Die USA würden die Rakete notfalls „zur Verteidigung der Heimat“ und der Alliierten abfangen. Von einem solchen Schritt riet der Admiral jedoch für den Fall ab, dass die Rakete auf kein bestimmtes Ziel gerichtet sei. Locklear bezeichnete den Test von Langstreckenraketen und Nuklearwaffen durch das kommunistische Nordkorea als Bedrohung für die nationale Sicherheit Amerikas sowie für Frieden und Stabilität in der gesamten Region.

Nordkorea hatte Ende Februar einen Atomtest unternommen und seitdem den USA und Südkorea mit Krieg gedroht. Die USA haben mit der Verlegung von Kampfflugzeugen und Kriegsschiffen in die Region reagiert.

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Kommentare (5)

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Account gelöscht!

11.04.2013, 07:02 Uhr

Mal ein paar Silvesterraketen ins Meer abfeuern, und dann ist wohl Ruhe. Nordkoreaner haben ihr Gesicht gewahrt, und im Westen kann man wieder schimpfen auf das stalinistische System dort. Ist ein Sturm im Wasserglas.
Pakistan hat gestern eine "richtige Rakete" abgeschossen, und da wird nicht auf die Barrikaden gegangen. Betrachte selbst das pakistanische System mit mehr Sorge als Nordkorea.

xbamx

11.04.2013, 08:43 Uhr

Sorry. Aber Silvesterraketen werden hier nicht abgeschossen!! Man lese nur die Kriegsrethorik von Kim Jong Un und seinem Stab der vergangenen Tage und Wochen.
Wenn´s hier kracht (wovon ich stark ausgehe), dann wird Nordkorea alles was es hat in den Ring werfen und Südkorea massiv angreifen (d.h. viele Rakten). Ich rechne auch damit, dass dann eine Mittelstreckenrakete Richtung Guam/USA fliegt. Sorry for the bad news. Es handelt sich vermutlich nur noch um Tage, bis es los geht!

Naruto8

11.04.2013, 09:02 Uhr

Es kann doch nicht sein das die USA jeden Monat Bomben testet und wenn der Iran oder Korea das selbe unternimmt das die USA Länder auffordert das zu unterlassen. Und dann wundert man sich das es zu solchen Situationen kommt. [...]

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