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04.01.2013

08:02 Uhr

US-Waffenindustrie boomt

Millionen frische Handfeuerwaffen pro Jahr

VonNils Rüdel

Die Amerikaner diskutieren über schärfere Waffengesetze – und decken sich noch kräftig ein: Nie wurden so viele Schießeisen gekauft wie im Dezember, dem Monat des Amoklaufs von Newtown. Goldenen Zeiten für die Industrie.

Ein Kunde in einem Waffengeschäft in Texas. dapd

Ein Kunde in einem Waffengeschäft in Texas.

WashingtonDer Appell klingt dramatisch. „Niemals gab es einen wichtigeren Zeitpunkt beizutreten“, schrieb die US-Waffenlobby National Rifle Association (NRA) diese Woche auf ihrer Facebook-Seite. Denn „Anti-Waffen-Abgeordnete“ planten „drakonische“ Gesetze. Die NRA werde deshalb alles tun, um diese Pläne zu stoppen, versprechen die Waffenfreunde: „Aber dafür brauchen wir Ihre Unterstützung!“

Es ist die Woche, in der die traumatisierten Schüler der Sandy Hook Elementary School in Newtown, Connecticut, zum ersten Mal seit dem Amoklauf wieder ihre Klassenzimmer betreten. Die Bluttat vom 14. Dezember, bei der 20 Kinder und 7 Erwachsene erschossen wurden, hat Amerika geschockt – und die neu entflammte Diskussion um schärfere Waffengesetze hält noch immer an. Es ist zugleich die Woche, in der Demokraten im Kongress einen neuen Vorstoß zum Verbot von Sturmgewehren wagen.

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Genug Gründe für die mächtige NRA also, jetzt erst recht für ihre Sache zu kämpfen. Ständig und schriller denn je gegen wettert sie gegen jeden Versuch, das durch den Zweiten Verfassungszusatz garantierte Recht auf Waffenbesitz einzuschränken. Die Logik ist einfach: Nicht weniger Waffen machen uns sicher, sondern mehr. „Das einzige, das einen bösen Kerl mit einer Waffe aufhalten kann, ist ein guter Kerl mit einer Waffe“ – so hatte es NRA-Vize Wayne LaPierre nach dem Amoklauf formuliert.

Bei vielen Amerikanern scheinen die Warnungen der NRA anzukommen: Sie rennen den Waffenverkäufern die Bude ein. Eine Statistik darüber führt die Bundespolizei FBI, die kurze Hintergrundchecks bei jedem veranlasst, der eine Waffe kaufen will. Demnach überprüfte sie im Dezember knapp 2,8 Millionen Menschen – ein neuer Rekord, wie die Behörde am Mittwoch mitteilte.

Wer die Welt mit Waffen ausrüstet

Das Ranking

Einmal jährlich erstellt das Magazin „Defense News“ ein Ranking der größten Rüstungskonzerne der Welt. Die Liste ist dominiert durch US-Konzerne, allerdings werden chinesische Rüstungsriesen wie China South Industries, China State Shipbuilding und China Aerospace Science wegen unsicherer Datenlage nicht im Ranking aufgeführt. Handelsblatt Online zeigt, welche zehn Unternehmen 2011 zu den größten Waffenproduzenten der Welt gehörten.

Platz 10

United Technologies (USA) - 11,0 Milliarden Dollar Umsatz in der Militärsparte

Der US-Mischkonzern gehört zu den größten Unternehmen der Welt und mischt auch im Rüstungsgeschäft kräftig mit. Zum Portfolio der US-Amerikaner gehören Hubschrauber für die zivile und militärische Luftfahrt, Raketenantriebe, aber auch Klimaanlagen. Die Militärsparte macht knapp 20 Prozent des Umsatzes aus.

Platz 9

L-3 Communications (USA) - 12,52 Milliarden Dollar

Die US-Firma aus New York erlangte zuletzt als einer der Marktführer für Körperscanner einige Bekanntheit. Vor allem aber stellt L-3 Kommunikationslösungen sowie Navigationssysteme und -geräte für militärische Zwecke her. Das macht den Konzern laut „News Defense“ zum weltweit neuntgrößten Hersteller von Kriegsgerät - mit einem Umsatz in diesem Sektor von 12,52 Mrd. Dollar im Jahr 2011. Kriegsgerät macht fast 83 Prozent am Gesamtumsatz aus.

Platz 8

Finmeccanica (Italien) - 14,58 Milliarden Dollar

Auch der italienische Finmeccanica-Konzern gehört zu fast einem Drittel dem Staat. Im zivilen Bereich baut das Unternehmen unter anderem U-Bahnen, Lokomotiven und Verkehrsleitsysteme. Im militärischen Bereich gehören Hubschrauber, Lenkwaffen und Panzer zum Portfolio. Im Jahr 2011 setzte Finmeccanica 14,58 Mrd. Dollar mit Kriegsgerät um (knapp 61 Prozent Gesamtanteil).

Platz 7

EADS (Westeuropa) - 16,10 Milliarden Dollar

Auf Platz sieben der Top 10 landet der von Deutschland und Frankreich kontrollierte Luft- und Raumfahrtkonzern EADS. Er bietet neben zivilen Verkehrsflugzeugen (Airbus-Reihe) sowie Trägerraketen (Ariane) und Satelliten Militärflugzeuge (zum Beispiel Eurofighter, im Bild) und Sicherheitslösungen an. Mit militärischen Produkten erwirtschaftete EADS 2011 laut „Defence News“ knapp 16,10 Mrd. Dollar. Das entspricht knapp 24 Prozent Anteil am Gesamtumsatz.

Platz 6

Northrop Grumman (USA) - 21,4 Milliarden Dollar

Schlagzeilen machte Northrop Grumman als US-Partner von EADS bei der Bewerbung um einen Milliardenauftrag zum Bau von Tankflugzeugen für das US-Militär. Der Konzern mit seinen mehr als 75.000 Mitarbeitern erzielte in seinem militärischen Segment 2011 einen Umsatz von 21,4 Mrd. Dollar und ist damit der sechstgrößte Rüstungskonzern der Welt. Rüstung macht an seinem Umsatz 81 Prozent aus. Zu den bekanntesten Produkten zählt der Tarnkappenbomber B-2 (im Bild) oder die Atom-U-Boote.

Platz 5

Raytheon (USA) - 23,06 Milliarden Dollar

Der US-Konzern Raytheon stellt hauptsächlich Raketen und optische Militärsysteme her: Den Marschflugkörper „Tomahawk“ etwa, die Luft-Luft-Rakete „Sidewinder“ oder das Flugabwehrsystem „Patriot“. Das Unternehmen mit seinen mehr als 71.000 Mitarbeitern hat 2011 mit militärischen Gütern einen Umsatz von 23,06 Mrd. Dollar (93 Prozent Anteil am Umsatz) erzielt.

Platz 4

General Dynamics (USA) - 25,51 Milliarden Dollar

Der US-Konzern, der unter anderem schwere Militärfahrzeuge herstellt, setzte 2011 mit militärischen Gütern 25,51 Mrd. Dollar um und landet damit auf dem 4. Rang. Zu den Produkten gehören unter anderem Kriegsschiffe und U-Boote, Kampfflugzeuge sowie Lenkflugkörper und IT-Lösungen. 78 Prozent des Gesamtumsatzes machen die Kriegsgüter aus.

Platz 3

BAE Systems (Großbritannien) - 29,13 Milliarden Dollar

Platz drei nehmen die Briten ein: BAE Systems erzielte mit seinen 88.000 Mitarbeitern 2011 einen Umsatz im Rüstungsgeschäft von 29,13 Mrd. Dollar. Der größte Rüstungskonzern Europas (der in seinem zivilen Segment vor allem in der Luft- und Raumfahrt aktiv ist) stellt eine bunte Palette militärischen Geräts her: Von Kriegsschiffen über Raketensystemen bis zu Kampfflugzeugen. Hierbei kooperiert BAE zum Teil mit anderen Rüstungskonzernen, wie etwa mit Lockheed Martin bei der F-22 oder mit EADS beim Eurofighter. BAE hängt mit knapp 95 Prozent Kriegsanteil am Gesamtumsatz fast vollständig von Rüstungsaufträgen ab.

Platz 2

Boeing (USA) - 30,7 Milliarden Dollar

Der drittgrößte Rüstungskonzern ist Boeing - mit einem Umsatz laut „Defense News“ von 30,7 Mrd. Dollar im Rüstungsgeschäft, was knapp knapp 45 Prozent der Gesamtumsätze entspricht. Im zivilen Bereich konkurriert der 170.000 Mitarbeiter starke US-Konzern seit Jahren mit EADS/Airbus um die Vorherrschaft. Im Rüstungsgeschäft hat Boeing eine breite Palette an Flugzeugen und Lenkwaffen im Angebot: von der Transportmaschine C-17 über den Bomber B-52 Flying Fortress bis zum Tankflugzeug KC-767.

Platz 1

Lockheed Martin (USA) - 43,98 Milliarden Dollar

An der Spitze der Rüstungskonzerne steht Lockheed Martin. Der US-Konzern erwirtschaftete 2011 aus seiner Rüstungssparte 43,98 Mrd. Dollar. Knapp 95 Prozent der Umsätze erwirtschaftet das Unternehmen mit Kriegsgerät: Lockheed Martin stellt einerseits Kampfflugzeuge und -bomber her, darunter die F-16 und die neue, milliardenteure F-22A Raptor. Daneben produziert der Konzern Aufklärungsmaschinen wie die auch von der Bundeswehr genutzte P-3 sowie Luftschiffe. Rein deutsche Hersteller sind im Ranking der größten Rüstungskonzerne nicht in der Top-10.

Überhaupt geht das Jahr 2012 mit 19,5 Millionen Checks als Rekordjahr in die Geschichte ein. Wobei die wirkliche Zahl noch viel höher liegen dürfte: Schätzungen zufolge laufen rund 40 Prozent aller Waffenverkäufe privat oder auf Waffen-Shows ab und benötigen keinen Segen des FBI.

Kommentare (6)

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juppphirsenkoetter

04.01.2013, 10:33 Uhr

Ohne diese Waffen in verantwortungsvollen privaten Haenden würde in den USA weitaus mehr Kriminalität herrschen!
Einbrüche Diebstahl Überfälle Gewalt auf Bahnstationen etc.
Die Police raet dort gerade dazu, sich mit Waffen zu schuetzen, da sie solche Verbrechen nur begrenzt oder garnicht verhindern geschweige aufklaeren kann!
In Deutschland sollte der private Waffenbesitz ebenfall zugelassen werden, denn kann die Polizei kaum solche Verbrechen am Privteigentum, am braven Bürgern vermeiden, geschweige denn aufzuklären und somit die Schäden kompensieren!
Wer schon einmal einen oder mehrere Einbrüche erlebt hat, weiss wovon ich rede:
Geld, Wertsachen weg, Verwuestungen, Schäden, Ärger mit der Versicherung und ein meist nicht präzises Polizeiprotokoll!
Um Täter auf frischer Tat nachzustellen, sollten diese zumindest mit Hunden den Tätern nachjagen, die auf frischer Tat gestört werden!
Aber wie sieht die Realität des Polizeieinsatzes aus?
Das Einbruchsdezernat nimmt die Einbrüche auf, erkennt, dass es sich um Beschaffungskriminalität für Drogen handelt! Aber die Kollegen der Drogen-Kriminalität werden noch nicht einmal zeitnah über diese Fälle informiert, um gezielt nach signifikanten Drogeneinkäufen zu fahnden!
Der Fall wird ad acta gelegt, Punkt!
Durch die Möglichkeit eines ARMED RESPONSE werden Täter insbesondere bei Einbrüchen, Ueberfällen klar abgeschreckt.
Nur durch bewaffnete Bürgerwehren und generellen Zugang zu Waffen für verantwortungsbewusste Bürger können wir uns auch hier nur vor Eigentumsdelikten signifikant schützen.
Mit der Gun unter dem Kopfkissen schläft’s sich sicherer!
Politiker, Richter Staatsanwälte, Bürgermeister etc werden entweder duch Personenschutz oder/ und Waffenbesitz geschuetzt! Was hat der brave Bürger zum Selbstschutz? Etwa die Polizei?
Warum diese gezielt beabsichtigte Ungleichbehandlung? Warum lassen wir uns dies gefallen und den verantwortungsvollen Waffenbesitz verbieten? Wer kann das eigentlich verantworten?

keule

04.01.2013, 10:43 Uhr

ich finde es nicht gut, wenn jeder eine waffe zu hause hat. was gibt einem das recht andere leute über den haufen zu schiessen, ohne ausbildung und kenntnisse schon gleich gar keine ! klar ist ein einbruch ärgerlich, aber den täter gleich zur erschiessen kann ja auch nicht die richtige lösung sein ! mit waffen beginnt nur der krieg, alle menschen sagen wir wollen keinen krieg, aber jeder will eine waffe, wo ist da die logik ?

SuRai

04.01.2013, 10:51 Uhr

Definieren Sie "verantwortungsvollen Waffenbesitz"! Daß die USA davon weit entfernt sind, zeigt die Anzahl der Morde im Verhältnism zur Einwohnerzahl. Solange jeder Möchtegern-Sheriff aus subjektiven Bedrohungsgefühlen heraus jeden x-beliebigen Passanten über den Haufen schießen kann, ist von "verantwortungsvoll" jedenfalls nichts zu merken.

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