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10.11.2015

12:08 Uhr

US-Wahl 2016

Ben Carson muss in den Angriffsmodus schalten

Bislang hat sich Präsidentschaftsbewerber Carson aus den hitzigen Debatten der Republikaner herausgehalten – und ist so zum Topfavoriten neben Trump avanciert. Doch jetzt dürfte mit der Zurückhaltung Schluss sein.

Ben Carson blüht bei der nächsten TV-Debatte der Republikaner ein Kreuzverhör durch die anderen Kandidaten. Reuters

Ben Carson

Ben Carson blüht bei der nächsten TV-Debatte der Republikaner ein Kreuzverhör durch die anderen Kandidaten.

WashingtonEx-Neurochirurg Ben Carson hat sich im hitzigen Wahlkampf der Republikaner bislang gekonnt zurückgehalten. Während Donald Trump polterte und mit Hilfe polarisierender Parolen zum Favoriten für die Präsidentschaftskandidatur seiner Partei aufstieg, übte sich Carson in ruhiger Sachlichkeit - und ist so mittlerweile zum Hauptrivalen von Trump geworden.

In der vierten Fernsehdebatte der republikanischen Präsidentschaftsbewerber – diesmal sind nur noch die aussichtsreichsten acht dabei – wird Carson seine Zurückhaltung wohl aufgeben müssen. Ihm blüht bei der Veranstaltung in Milwaukee an diesem Dienstagabend (Ortszeit, ab 3 Uhr MEZ, Mittwoch) ein Kreuzverhör durch die anderen Kandidaten. Bei der Verteidigung dürfte er ordentlich zurückschießen.

Dabei ist er für seine milde Art bekannt. Der 64-Jährige hat es in den ersten drei TV-Debatten vermieden, große Schlagzeiten zu produzieren. Damit überließ er anderen Bewerbern, etwa der Ex-Chefin von Hewlett-Packard, Carly Fiorina, oder natürlich Trump, freiwillig das Rampenlicht. Seinem Standing bei den republikanischen Wählern hat das keineswegs geschadet. Im Gegenteil: Milliardär Trump und er, beide politische Novizen, stehen jetzt Kopf an Kopf. Weit abgeschlagen: das restliche Bewerberfeld.

Traditionelle Bewertungskriterien für Politiker können bei Ben Carson nicht angewendet werden, wie der republikanische Stratege Phil Musser sagt. Auch seine politische Sprache sei eine andere. Umso spannender wird zu sehen sein, wie er mit kritischen Fragen klarkommen wird. Zuletzt waren solche zum Beispiel über die Aufrichtigkeit seiner gefeierten Biografie aufgetaucht.

Fahrplan bis zur Präsidentschaftswahl 2016

Die Ausgangssituation

Im November 2016 wählen die USA den Nachfolger von Präsident Barack Obama. Während bei Obamas Demokraten die frühere Außenministerin und ehemalige First Lady Hillary Clinton als große Favoritin für die Kandidatur gilt, zeichnet sich bei den Republikanern ein spannendes Nominierungsrennen ab.

Erstes Abtasten der Bewerber

Bei Demokraten und Republikanern hat das Rennen um das Weiße Haus in den vergangenen Monaten Fahrt aufgenommen. Die Bewerber sammelten Spenden, reisten zu Kundgebungen quer durch das Land und traten in parteiinternen TV-Debatten gegeneinander an. Die Präsidentschaftsanwärter konzentrieren sich vor allem darauf, die Basis der eigenen Partei von sich zu überzeugen.

Vorentscheidung beim Super-Dienstag

Am 1. Februar finden traditionell im ländlich geprägten Bundesstaat Iowa im Mittleren Westen die ersten Vorwahlen statt, gefolgt von den Abstimmungen in New Hampshire am 9. Februar. Die Ergebnisse aus Iowa: Bei den Demokraten lag Hillary Clinton hauchdünn vor Bernie Sanders, die Republikaner sehen Ted Cruz vor Milliardär Donald Trump.

Nach und nach stellen sich die republikanischen und demokratischen Bewerber in allen 50 Bundesstaaten dem Votum der Wähler. Die Abstimmungen ziehen sich bis in den Juni, meist stehen die Mehrheitsverhältnisse aber schon vorher fest. Eine Vorentscheidung könnte beim sogenannten Super-Dienstag am 1. März fallen, wenn 13 Bundesstaaten gleichzeitig abstimmen.

„Primary“- und „Caucus“-System

Bei manchen Vorwahlen dürfen nur registrierte Parteimitglieder teilnehmen, andere sind offen für alle Wahlberechtigten. Unterschieden wird je nach Bundesstaat auch zwischen dem „Primary“-System, bei dem Bürger den ganzen Tag ihre Stimme in einem Wahllokal abgeben können, und dem „Caucus“-System, bei dem sich Parteimitglieder zu abendlichen Diskussionsrunden auf Ortsebene treffen und dabei abstimmen.

Kandidatenkür bei den Parteitagen

Abschluss des Vorwahlprozesses sind die sogenannten Conventions, bei denen Delegierte aus allen Bundesstaaten den Kandidaten ihrer Partei ins Rennen schicken. Die Zahl der Vertreter, die jeder Staat entsenden darf, wird durch eine komplizierte Formel festgelegt und hängt vor allem von seiner Bevölkerungsstärke ab. Die meisten Delegierten sind an die Vorwahlergebnisse aus ihrem Heimatstaat gebunden.

Die Republikaner halten ihre Convention vom 18. bis 21. Juli in Cleveland im Bundesstaat Ohio ab. Der Nominierungsparteitag der Demokraten findet vom 25. bis 28. Juli in Philadelphia im Bundesstaat Pennsylvania statt.

Heiße Wahlkampfphase

Im Herbst 2016 liegen die entscheidenden Wochen des Wahlkampfes. Fast täglich erscheinen neue Umfrageergebnisse, mit denen Republikaner und Demokraten ihre Chancen abschätzen können. In drei Fernsehduellen am 26. September, 9. Oktober und 19. Oktober debattieren die Kandidaten innen- und außenpolitische Themen, während die Bevölkerung in besonders umkämpften Bundesstaaten wie Florida oder Ohio mit Wahlwerbespots überschwemmt wird. Beide Parteien sind auf der Hut vor einem „October Surprise“ – einem unerwarteten Ereignis im Oktober, das dem Präsidentschaftsrennen eine neue Dynamik geben könnte.

Carsons Vergangenheit spielte schon in einem frühen Stadium des Wahlkampfes eine Rolle. Dennoch nahmen die unangenehmen Fragen vergangene Woche immens zu. CNN hatte berichtet, dass keine Freunde oder andere Zeugen gefunden worden seien, die Carsons Geschichte von einer missglückten Messerattacke auf einen engen Bekannten in Teenagerzeiten bekunden könnten. Von dieser Situation hatte er in seiner Biografie „Gifted Hands“ (deutscher Titel: „Begnadete Hände“) berichtet. Wenige Tage später versuchten andere Medien, weitere Anekdoten des früheren Arztes zu widerlegen.

Sein Wahlkampfleiter Barry Bennett sagt, Carson sei darauf vorbereitet, weitaus aggressiver bei der Debatte aufzutreten als zuletzt. Er brenne darauf, die aufgekommenen Fragen zu seiner Vergangenheit zu beantworten. „Er wird sich lautstark für sich selbst einsetzen“, kündigt Bennett an. Von sich aus in den Angriff zu gehen, das werde Carson zwar nicht, sagt der Wahlkampfchef. Wenn es jedoch jemand auf ihn abgesehen habe, dann werde er ordentlich Kontra geben.

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