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08.01.2012

16:41 Uhr

US-Wahlen 2012

Jon Huntsman: Chancenlos im Haifischbecken

VonMarkus Ziener

Die Reihen der Herausforderer von Präsident Obama lichten sich. Jon Huntsman gilt als der „good guy“ unter den republikanischen Kandidaten. Das reicht nicht. Die Vorwahlen in New Hampshire könnten seine Endstation sein.

Jon Huntsman in der Debatte auf der Bühne des St. Anselm College in Manchester. dapd

Jon Huntsman in der Debatte auf der Bühne des St. Anselm College in Manchester.

Manchester/New HampshireFrüher oder später kommen sie alle bei Christopher Pappas vorbei: Mitt Romney und Rick Santorum, Michele Bachmann und Newt Gingrich. So wie früher schon Bill Clinton und Ronald Reagan. In vierter Generation ist der 31-Jährige Pappas Nachkomme griechischer Einwanderer und Chef des „Puritan Backroom“. Das Restaurant an der Hooksett Road in Manchester in New Hampshire ist nicht weniger als eine Institution. Seit 106 Jahren gibt es das Lokal in der Hauptstadt des nördlichen US-Bundesstaates und wer es sich mit den Wählern nicht verderben will, der lässt den Backroom nicht aus.

An diesem Samstag mittag ist es der ehemalige Gouverneuer von Utah, Jon Huntsman, der mit seinem Geländewagen am Puritan Backroom hält. Es ist nicht viel mehr als ein Boxenstopp für ein nettes Bild: Huntsman, wie er sich von Reportern umringt in das Restaurant hinein bewegt. Huntsman, wie er in roter Windjacke und Cordhose angetan, einen Blick auf den Eissalon von Chris Pappas wirft. Huntsman, wie er sich dann selbst hinter das Steuer seines SUV klemmt und mit offenem Fenster nach ein paar Minuten wieder davonbraust.

Der Zeitplan bis zu den US-Präsidentschaftswahlen

Parteitage

Vom 27. bis 30. August fand die Parteiversammlung der Republikaner in Tampa (Florida) statt. Noch bis zum 6. September, haben sich die Demokraten in Charlotte (North Carolina) versammelt. Dabei wird Präsident Obama offiziell zum Kandidaten bestimmt.

Schlussphase

3. Oktober: Erste von drei TV-Debatten der Kandidaten - 11. Oktober: TV-Debatte der Kandidaten als Vizepräsident - 6. November: Präsidentschaftswahl, außerdem US-Kongresswahlen - 20. Januar 2013: Vereidigung des neuen US-Präsidenten

Präsidentenwahl Teil 1

Am Dienstag nach dem ersten Montag im November (diesmal der 6.) wird endlich gewählt. Dann strömen die Amerikaner zu den Wahlurnen um ihre Wahlmänner zu bestimmen.

Präsidentenwahl Teil 2

Am Montag nach dem zweiten Mittwoch im Dezember (diesmal der 17.) schreiten die Wahlmänner zur finalen Abstimmung. Sie wählen in ihrem jeweiligen Bundesstaat einen der beiden Kandidaten.

Auszählung und Vereidigung

Am 6. Januar 2013 werden die abgegebenen Stimmen gezählt, indem der Präsident des Senats die vorliest. Der Sieger der Wahl und somit der neue Präsident der USA wird am 20. Januar 2013 in Washington vereidigt.

Pappas selbst, der innen im Restaurant mit Schürze, Jeans und kariertem Hemd sein florierendes Lunchgeschäft im Blick behält, bekommt von all dem kaum etwas mit. „Manchmal rufen sie gar nicht mal vorher an und sagen Bescheid, dass sie kommen“, sagt er nur und zuckt die Achseln. Sie, die vielen Kandidaten, die glauben, mit einem Kurzauftritt im Backroom ein paar Stimmen zu angeln.

Stimmen für die republikanischen Vorwahlen am Dienstag, die nach jenen in Iowa der erste richtige Test sind. Denn während in Iowa in einem archaischen Wahlverfahren, das persönliche Anwesenheit voraussetzt, der Favorit der Konservativen bestimmt wurde, wählt in New Hampshire die republikanische Gefolgschaft in üblicher Manier mit Wahllokal und Stimmzettel, den man irgendwann im Laufe des Tages in die Urne wirft.

In New Hampshire haben sich schon viele Politikerschicksale entschieden. Zuletzt vor vier Jahren jenes von John McCain, der nach einem eher schwachen Abschneiden in Iowa in New Hampshire zu ganz großer Form auflief. McCain hatte den kleinen Bundesstaat mit den vielen Wäldern und Seen unermüdlich bereist und dann dort die Ernte eingefahren. Es war der Anfang eines Weges, der dem Senator aus Arizona schließlich die Nominierung als republikanischer Präsidentschaftskandidat und Gegner von Barack Obama bescherte.

Das System der Vorwahlen in den USA

Wahlmänner

Bei der Präsidentenwahl geben die US-Bürger ihre Stimme nicht für eine Partei ab, sondern indirekt über Wahlmänner für eine Einzelperson. Theoretisch könnten daher mehrere Kandidaten einer Partei gegeneinander antreten, was aber die Wählerschaft spalten würde. Um das zu verhindern, kämpfen die Bewerber bei den Vorwahlen um das Recht, als Einzige im Namen ihrer Partei antreten zu dürfen.

National conventions

Nicht die Parteispitze bestimmt den gemeinsamen Kandidaten, sondern die Basis. Dazu finden seit 1832 Parteitage („national conventions“) statt. Hier kommen Tausende Delegierte zusammen, die bei den Vorwahlen in den einzelnen Bundesstaaten ernannt wurden und sich verpflichtet haben, für einen bestimmten Kandidaten zu stimmen. Der Parteitag der Demokraten findet vom 3. bis 6. September in North Carolina statt, der der Republikaner vom 27. bis 30. August in Florida.

Caucus und primary

Wie viele Delegierte jeder Bundesstaat schickt, hängt hauptsächlich von seiner Bevölkerungszahl ab. Auch der genaue Ablauf einer Vorwahl ist von Bundesstaat zu Bundesstaat verschieden. Es werden grundsätzlich zwei Verfahren unterschieden: Die traditionelle Urwahl (“caucus“) und die Vorwahl im engeren Sinn (“primary“), die inzwischen häufiger ist.

Bei einer Urwahl treffen sich die Parteimitglieder in kleinen Gruppen, um über die Kandidaten zu debattieren. Sie halten Reden und stimmen dann ab. Diese Wahl muss nicht geheim sein. Das Verfahren ist zeitaufwendig und gibt örtlichen Parteiführern großen Einfluss. Die Teilnehmer beschäftigen sich jedoch sehr intensiv mit den Kandidaten. In den meisten Bundesstaaten findet dagegen eine geheime Wahl statt. Das Verfahren wurde Anfang des 20. Jahrhunderts eingeführt, um der Basis mehr Einfluss zu geben. Bei geschlossenen Vorwahlen (“closed primaries“) dürfen nur registrierte Parteimitglieder eine Stimme abgeben, bei den offenen Vorwahlen (“open primaries“) jeder Wähler.

Gestaffelter Ablauf

Die Vorwahlen finden nicht gleichzeitig in jedem Bundesstaat statt, sondern gestaffelt bis zum Sommer. Den frühen Abstimmungen - insbesondere Iowa (3. Januar) und New Hampshire (10. Januar) - kommt dabei eine besondere Bedeutung zu, denn Kandidaten, die dort schlecht abschneiden, geben oft auf. Unter Umständen wird die Führung eines Bewerbers schon nach den Wahlen in wenigen Bundesstaaten so klar, dass seine Ernennung auf dem Parteitag nur noch eine Formalität ist. Daher investieren die Kandidaten überproportional viel Zeit und Geld in frühe Wahlkämpfe.

Auch für Jon Huntsman könnte New Hampshire nun zu einem Test werden, der eine Vorentscheidung bringt. Nur: Anders als für John McCain könnte New Hampshire für den 51-Jährigen bereits die Endstation bedeuten. Denn es sieht nicht gut aus für den telegenen Mormonen mit der sanften Stimme und den gemäßigten Ansichten. Im Durchschnitt aller Umfragen liegt Huntsman mit gerade mal neun Prozent Zustimmung abgeschlagen auf einem vierten Platz hinter Romney, Ron Paul und Rick Santorum. Das ist zu wenig für einen, der seine ganzen Hoffnungen auf New Hampshire gesetzt hat, der deswegen Iowa sausen ließ und der jetzt beim zweiten Test ein starkes Ergebnis braucht. Wahrscheinlich weiß Huntsman das alles selbst und vielleicht wirkt er deshalb an diesem Mittag, als er sich schnell wieder aus dem „Puritan Backroom“ herausquält, so lustlos. Beinahe könnte man meinen, dieser Mann will in diesen letzten Tagen nur noch hinter sich bringen, was unvermeidlich ist.

Kommentare (1)

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Carlosanton

08.01.2012, 17:29 Uhr

Der Mann ist aufrichtig und klug. Ich fürchte damit hat eine keine Aussichten bei den Wahlen...

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