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24.09.2012

20:54 Uhr

USA drängeln

EU soll Libor kräftig umkrempeln

So wie es ist, kann das Libor-System nicht bleiben. Daher fordern die USA von der EU eine umfassende Reform. Eine unabhängige Ermittlung sei notwendig. EU-Kommissar Barnier ist dem prinzipiell nicht abgeneigt.

CFTC-Chef Gary Gensler: „Es ist Zeit für einen neuen oder einen veränderten Maßstab.“ Reuters

CFTC-Chef Gary Gensler: „Es ist Zeit für einen neuen oder einen veränderten Maßstab.“

BrüsselNach der Manipulation des Interbanken-Zinssatzes drängen die USA die Europäische Union zu einer umfassenden Reform des Libor-Systems. Der Zinssatz müsse anders festgestellt und möglichst von einer unabhängigen Institution ermittelt werden, forderte der Chef der US-Terminmarkt-Aufsicht, Gary Gensler, am Montag in einer Anhörung vor dem Europäischen Parlament, an der er per Videoübertragung teilnahm. "Es ist Zeit für einen neuen oder einen veränderten Maßstab - eine vernünftige Kennzahl, die auf tatsächlichen, beobachtbaren Markttransaktionen basiert, und für eine unabhängige Einrichtung, die diese Daten sammelt."

Für die Banken forderte Gensler eine strikte Trennung des Handelsgeschäfts von den Bereichen, die mit ihren Markteinschätzungen zur bisherigen Festlegung des Zinses beitragen. Es seien Brandmauern nötig, um einen Einfluss der an bestimmten Zinssätzen interessierten Mitarbeiter auf den Libor zu verhindern, betonte er. "Barclays hat Handelsräume in London, Tokio und New York. Und sie haben alle versucht, diejenigen zu beeinflussen, die die Daten (zur Festlegung des Libor) weitergereicht haben."

Der Zinssatz, auf dem Finanztransaktionen im Volumen von geschätzt 500 Billionen Euro beruhen, wird bisher aus den Angaben von knapp zwei Dutzend Banken ermittelt, die nach ihren Markteinschätzungen und -beobachtungen gefragt werden. Genslers Behörde hat allein die britische Großbank Barclays mit 200 Millionen Euro für die Manipulationen bestraft.

Der bei der EU-Kommission für die Finanzmärkte zuständige Michel Barnier signalisierte Unterstützung für Genslers Forderung nach einer unabhängigen Ermittlung. Ein solcher Schritt sei möglich, sagte der Franzose bei der Anhörung. "Das einzige, was nicht möglich ist, ist eine Selbstregulierung (der Branche) oder der Status Quo." Barnier hat bereits einen Vorschlag vorgelegt, nach dem die Manipulation von Indizes wie dem Libor bestraft werden soll. Doch diese Regeln werden nicht vor 2015 in Kraft treten. "Wir wollen weitergehen als der Vorschlag der Kommission", sagte der grüne Europa-Abgeordnete Sven Giegold. "Wir wollen herausfinden, wie sie sicherstellen wollen, dass die Strafen ausreichend abschreckend wirken."

Worum es beim Libor-Skandal geht

Was ist der Interbankenmarkt?

Am Interbankenmarkt versorgen sich Banken untereinander mit Geld. Geber und Nehmer wechseln sich normalerweise regelmäßig ab. Basis ist gegenseitiges Vertrauen in die jeweilige Stabilität. Denn für die Kredite gibt es keine Sicherheiten. Dieser Handel, der lange reibungslos funktionierte, war nach der Lehman-Pleite 2008 gestört, weshalb die Notenbanken die Privatinstitute immer wieder mit billiger Liquidität versorgen müssen.

Was ist der Libor?

Der Libor - die London InterBank Offered Rate - wird seit den 1980er Jahren jeden Vormittag von der British Bankers' Association (BBA) in der britischen Hauptstadt festgelegt. Er entspricht dem durchschnittlichen Zinssatz, den die Banken für Verleihgeschäfte untereinander verlangen. Für die Berechnung melden die nach Marktaktivitäten 18 wichtigsten Banken die Zinsen, die sie für Kredite ihrer Konkurrenten zahlen müssen. Aus den Zahlen werden die höchsten und tiefsten Werte gestrichen, um große Manipulationen zu vermeiden. Mit den übrigen Daten wird dann ein Mittelwert gebildet. Das ist der Satz an dem sich alle möglichen Kredite in der Realwirtschaft mit variablen Zinsen orientieren.

Wie kann der Libor überhaupt manipuliert werden?

Das Problem ist die im Vergleich zur Preisbildung in der normalen Wirtschaft mangelnde Transparenz. Die Umfrage zur Ermittlung des Libor ist vertraulich. Ob die gemeldeten Daten stimmen, ist nur schwer nachzuprüfen. So könnten die Banken den Satz in ihrem Sinn beeinflussen. Eigentlich sollen die Mitarbeiter, die die Sätze nach London melden, völlig neutral die Daten abliefern. Wie offen sich Händler der Bank mit diesen Mitarbeitern austauschten und absprachen, verdeutlichen etwa von der britischen Finanzaufsicht veröffentlichten internen Mails bei Barclays.

Wie unterscheidet sich der Euribor vom Libor?

Während der Libor für Dollar-Geschäfte besonders wichtig ist, ist es der Euribor - Euro InterBank Offered Rate - für den Euro. Er wurde 1999 mit der Einführung des Euro ins Leben gerufen. 43 Kreditinstitute melden dabei ihre Zinssätze nach Brüssel, wo der Referenzkurs - ähnlich dem Libor - berechnet wird. Die höhere Zahl soll die Betrugsgefahr senken. Doch seit dem vergangenen Jahr ermittelt auch die EU-Kommission wegen möglicher Manipulationen.

Welches Interesse steht hinter den Manipulationen?

Eigentlich sollte man annehmen, dass die Banken vor allem ein Interesse an höheren Zinsen hätten. Wenn sie höhere Sätze nach London melden, als sie sich untereinander tatsächlich abverlangen, würden sie für die Kredite an Privatleute und Firmen mehr Zinsen bekommen. Tatsächlich aber ging es wohl in die andere Richtung. Hintergrund ist das gewaltige Volumen von Absicherungsgeschäften, die auf Basis des Libor berechnet werden. Niedrige Libor-Sätze können den Banken dabei in die Karten spielen.

Weiß man, wie viel Geld mit den Zinsmanipulationen „gemacht“ wurde?

Nein. Schätzungen zufolge hängen vom Libor Finanzprodukte im Volumen von 350 Billionen US-Dollar ab. Selbst Manipulationen im Mini-Promille-Bereich haben also gewaltige Auswirkungen.

Warum ist das nicht früher aufgefallen?

Bis zur Lehman-Pleite 2008 konnten Banken praktisch unkontrolliert schalten und walten. Die Manipulationen und möglichen Absprachen fielen erst auf, weil sich die Libor-Zinsen in der Finanzkrise nicht wie erwartet veränderten.

Gibt es jetzt eine andere Kontrolle der Banken?

Nach der Lehman-Pleite sollte alles besser werden. Weltweit wollte die Politik die Finanzbranche an die Kandare nehmen. Doch der Reformeifer schlief wieder ein. So versucht die britische Regierung etwa, den Finanzplatz London zu schützen. Allerdings führen Skandale wie der Libor-Fall der Politik die Probleme schmerzhaft vor Augen.

Welche Folge hat das für Privatkunden?

Kredite mit variablen Zinssätzen hängen direkt von Libor und Euribor ab. Diese sind in Deutschland allerdings nicht so weit verbreitet wie etwa in Spanien oder Großbritannien. Hierzulande vereinbaren etwa Häuslebauer lieber Kredite mit festen Zinsen.

Großbritannien arbeitet seinerseits an Änderungen des Libor-Systems. Die Finanzmarktaufsicht will ihre Reformvorschläge am Freitag vorstellen. Große Investoren sehen aber kaum eine echte Alternative zum Libor. In einer Umfrage des Reuters-Informationsdienstes IFR gaben sechs von zwölf befragten Großanlegern aus der Industrie an, dass sie den Zinssatz nicht für einen zutreffenden Maßstab halten, nach dem sie sich richten könnten. Zehn von zwölf aber erwägten nicht, auf einen anderen Index umzusteigen. "Der Libor war über viele Jahre ein nützlicher Maßstab - und jeder andere Indikator könnte auf die eine oder andere Weise auch manipuliert werden", sagte einer der Befragten. Viele wollten sich wegen der Sensibilität des Themas gar nicht äußern.

Der Libor wird bislang nicht direkt von den Aufsichten kontrolliert, sondern vom britischen Bankenverband BBA. ThomsonReuters, zu der die Nachrichtenagentur Reuters gehört, berechnet und verbreitet die Zinssätze für die BBA seit 2005.

Von

rtr

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