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02.10.2014

17:09 Uhr

USA, Teil V – Koalition der (Un)willigen

Wenn Gott kneift, richten es die Marines?

VonAxel Postinett

US-Präsident Obama hat sich auf die Fahnen geschrieben, keine Bodentruppen mehr in einen Krieg zu führen. Doch der Kampf gegen den IS-Terror könnte es nötig machen, warnen Experten. Das Land ist zwiegespalten wie selten.

In der Luft, zu Wasser und nicht über Land: Präsident Obama sperrt sich gegen einen Einsatz von US-Bodentruppen. ap

In der Luft, zu Wasser und nicht über Land: Präsident Obama sperrt sich gegen einen Einsatz von US-Bodentruppen.

San FranciscoGeköpfte Bürger, gefolterte Männer, vergewaltigte Frauen: Die Brutalität der IS bringt Europa und Amerika an den Rande eines Krieges. Bisher will kein Land Bodentruppen schicken. Das hat bestimmte Gründe. Denn jeder der betroffenen Staaten hat eine eigene Geschichte des Krieges: Wie entscheiden die Briten? Warum tun sich die Deutschen so schwer? Und wieso haben die Franzosen kein Problem mit dem Krieg? Handelsblatt Online stellt in der Serie „Die Koalition der (Un)willigen“ vor, wie die Staaten zum Krieg stehen.

Sie heißen Belleville USMC Combat 500 WP. Erdfarbene, wasserdichte Schnürstiefel sind es, auf der rechten Außenseite in Höhe der Fußgelenke finden sich unauffällig eingestanzt Adler, Weltkugel und Anker. Das ist das Wappen des gefürchteten United States Marine Corps. Es gibt derzeit nur eine Frage, die das Land zerreißt: Sollen diese Stiefel der US-Armee auf irakischem und syrischem Boden marschieren und den Kampf gegen das Terrornetz IS in die Straßen von Bagdad und Damaskus tragen? Amerika ist unentschlossen wie selten.

„No boots on the ground“, kein Einsatz von Bodentruppen, ist bis heute das scheinbar unverrückbare Motto von US-Präsident Barack Obama. Er schreibt sich auf die Fahnen, die Kriege in Afghanistan und Irak beendet zu haben, die seine Vorgänger der Präsidenten-Dynastie Bush angezettelt hatten. „Als oberster Befehlshaber werde ich keine amerikanischen Truppen mehr einen Bodenkrieg in Irak kämpfen lassen“, war Obamas dezidierte Aussage noch in der vergangenen Woche.

Islamischer Staat: Die wichtigsten Fragen und Antworten

Woher kommt die Terrormiliz?

Die Miliz ist die Nachfolge-Organisation von al-Qaida im Irak, einer radikalen Widerstandsbewegung, die sich Gebiete im Westen des Landes einverleibte, nachdem die Amerikaner den Diktator Saddam Hussein gestürzt hatten, ohne das Machtvakuum zu füllen.

Es handelt um einen Zusammenschluss von sunnitischen Dschihadisten, ehemaligen Anhängern von Saddam Hussein und von Stammesmitgliedern. Die Zahl der Kämpfer wird neuerdings auf rund 30.000 geschätzt. In ihrem Herrschaftsgebiet haben die Extremisten ein Verwaltungssystem aufgebaut, das jeden Aspekt des Alltags kontrolliert.

Welche Gebiete kontrolliert IS?

Die Terrormiliz hat Schätzungen zufolge rund ein Drittel des syrischen Staatsgebietes eingenommen. Dabei gelang es ihr, einen Korridor zwischen ihren westlichsten Eroberungen nahe Aleppo über nördliche Landstriche bis zu östlichen Landesteilen nahe der Grenze zum Irak zu schaffen.

In der Provinz Aleppo stehen unter anderem die größeren Orte Manbidsch und Al-Bab unter ihrem Kommando, dort weht die schwarze Flagge der Miliz auf Regierungsgebäuden und großen Plätzen. Da die Terrormiliz auf beiden Seiten der syrisch-irkanischen Grenze nahtlos Gebiete kontrolliert, kann sie relativ leicht Kämpfer, Waffen und Güter zwischen beiden Ländern hin- und hertransportieren.

Zuletzt stockt der Vormarsch des IS allerdings. Die Miliz verlor etwa die strategisch wichtige Stadt Tikrit, ebenso wie das über Monate umkämpfe Kobane an der türkischen Grenze.

Was ist die „Hauptstadt“ des Islamischen Staats?

Die IS erklärte Rakka, eine Stadt am Euphrat im Nordosten Syriens mit einer halben Million Einwohner, zur Hauptstadt ihres Kalifats und Sitz ihrer Machtzentrale. IS-Kämpfer aus aller Welt strömten dorthin, einige mit ihren Familien. Obwohl schon immer konservativ und unter großem Einfluss von Stämmen, war Rakka früher ein lebendiges und wirtschaftlich blühendes Zentrum.

Heute patrouilliert rund um die Uhr die Sittenpolizei der IS – die sogenannte Hisba – durch die Straßen. Diese bewaffneten Kämpfer in langen Roben kontrollieren, ob ihre strenge Auslegung des Korans auch umgesetzt wird. Die IS hat Musik und Rauchen verboten. Frauen wurden von der Sittenpolizei angewiesen, sich zu verhüllen. Wer gegen die Scharia verstößt, läuft Gefahr, enthauptet oder ans Kreuz gehängt zu werden. Den Schulen der Stadt diktierte die Miliz kürzlich die Inhalte und strich Fächer wie Philosophie oder Chemie.

Wie stark sind die Kämpfer des IS?

Seit Anfang 2014 führt die Miliz mit den gemäßigten und vom Westen unterstützten Rebellen in Syrien einen Zermürbungskrieg. Dabei stürmen IS-Kämpfer Außenposten der Rebellen und nehmen ihnen Ort für Ort durch Gewalt und Einschüchterung ab.

Die Zahl der Kämpfer lässt sich nur schätzen. Fest steht jedoch, dass die Extremisten seit Beginn ihres Vormarsches im Irak Anfang Juni 2014 starken Zulauf bekommen haben. Der US-Geheimdienst CIA geht davon aus, dass die Gruppe in Syrien und im Irak zwischen 20.000 und 31.500 Kämpfer hat. Diese Zahl unterscheidet sich deutlich von den Angaben der syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte. Sie schätzt die Zahl der IS-Kämpfer allein in Syrien auf rund 50.000, davon etwa 20.000 aus dem Ausland. Die Menschenrechtler stützen sich bei ihren Informationen auf ein Netz von Aktivisten in Syrien.

Welche Rohstoffe hält IS in der Hand?

Die Terrormiliz hatte im bis Herbst 2014 faktisch alle größeren Ölfelder im Osten Syriens, darunter das landesweit größte namens Omar mit einer Förderkapazität von 75.000 Barrel pro Tag erobert. Der IS nahm die Produktion teilweise auf und finanzierte sich auch über den Verkauf von Rohöl unter Marktpreisen. Das geförderte Öl werde über Mittelsmänner an die Türkei und den Irak geliefert.

Doch nach dem Verlust von Tikrit Anfang April 2015 hat die Terrororganisation auch mindestens drei Ölfelder verloren. Damit bleibt der Miliz im Irak nur noch ein einziges Ölfeld: Qayara mit einer Förderkapazität von gerade einmal 2000 Barrel am Tag. Das seien gerade noch fünf Prozent der zuvor vom IS innerhalb des Irak kontrollierten Menge.

Wie verhält sich der syrische Diktator Assad?

Syriens Präsident hat vor kurzem die Luftangriffe auf IS-Hochburgen verstärken lassen. Die Regierung öffnete die Türen für eine mögliche Kooperation mit den USA im Kampf gegen IS, sie stellte aber zugleich klar, dass jeglicher Angriff mit Damaskus abgestimmt sein müsse. Für die US-Regierung ist dies allerdings ein Problem: Sie möchte nicht an Assads Seite erscheinen, zumal sie dessen Rücktritt seit Jahren verlangt. Unter der Hand machte das Assad-Regime lange sogar Geschäfte mit den Terroristen nach dem Motto: Strom gegen Öl.

Was können die USA mit Luftschlägen ausrichten?

Jedweder Luftschlag der USA in Syrien würde sich wahrscheinlich auf Gebiete nahe der Grenze zum Irak sowie militärische Ziele wie Trainingslager in Rakka konzentrieren. Dort verfügt Assad kaum über Luftabwehr.

In jedem Fall werden sich Luftangriffe schwieriger gestalten als im Irak: Dort segnet Bagdad das Vorgehen ab, zudem verlaufen die Frontlinien deutlicher. In Syrien hingegen gibt es auf engem Raum verschiedene Fraktionen, zu denen neben IS auch der al-Qaida-Ableger Nusra-Front, die vom Westen unterstützten Rebellen der Freien Syrischen Armee und die Regierungstruppen gehören. Während die gemäßigten Rebellen US-Luftschläge fordern, lehnen die extremeren Kämpfer ein Engagement der USA ab.

Das sehen Hardliner wie Donald Rumsfeld, seinerzeit Verteidigungsminister unter George W. Bush im Irakkrieg, ganz anders. Sie werfen dem Präsidenten Schwäche und Konzeptlosigkeit vor. Sein verfrühter Truppenabzug habe die Situation erst eskalieren lassen und jetzt sehe man das Ergebnis: die Terrormiliz Islamischer Staat (IS). Er schreckt dabei nur kurz vor dem zurück, was Sarah Palin, die ultrakonservative Ex-Gouverneurin Alaskas, dem Präsidenten auf ihrer Internetseite empfiehlt: „Go big or go home“, mache es richtig oder gar nicht. Richtig, das sind für sie massive Militäreinsätze auf dem Boden, um dem IS-Terror ein für alle Mal Einhalt zu gebieten.

Doch bei weitem nicht alle Amerikaner stimmen dem zu. Fragt man die, die nicht wie Sarah Palin das Geschehen mit einiger Distanz aus Alaska verfolgen können, ist die Aussage ziemlich klar: Die Umfrage der „Military Times“ unter 2.200 aktiven US-Soldaten brachte überwältigende 70 Prozent gegen einen Kampfeinsatz mit Bodentruppen. Doch wenn es nach Robert Gates geht, ebenfalls Verteidigungsminister unter George W. Bush, ist das keine Option: „Die Realität ist, dass wir alleine aus der Luft IS nicht besiegen werden“, dozierte der 71-jährige auf dem TV-Sender CBS. Er hofft, dass nach barbarischen Hinrichtungsvideos amerikanischer Bürger im Internet die Wut im Volk groß genug ist, um alle Bedenken und schlechten Erfahrungen beiseite zu räumen.

Koalition der (Un)willigen – Teil II Frankreich: Krieg –  na und?

Koalition der (Un)willigen – Teil II Frankreich

Krieg – na und?

Die Franzosen sind kurz entschlossen, geht es um Krieg: Politische und wirtschaftliche Interessen verteidigt man mit Waffengewalt, das gilt als selbstverständlich. Genauso wie der Kampf gegen die Terrorgruppe IS.

Es sind vor allem zwei große Ereignisse, die die Anti-Kriegsstimmung in den USA zu dem gemacht haben, was sie ist. Da ist zum einen das immer noch nicht verarbeitete Vietnam-Trauma. Nach über 58.000 toten Soldaten, endlosen Bombenangriffen und zermürbendem Dschungelkrieg musste sich die gedemütigte Supermacht praktisch bei Nacht und Nebel aus dem Land stehlen. Und zum anderen ist da der Irak-Krieg von 2003 mit geschätzt über 32.000 toten Soldaten und Zivilmitarbeitern.

Kommentare (2)

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Frau Dr. Max Motte

02.10.2014, 17:20 Uhr

Wollen die Vereinigte Schulden von Amerika einen 3. Weltkrieg?

Man mag es kaum glauben, aber es stimmt: Die Amerikaner stehen inzwischen mit fast 60 000 Milliarden Dollar in der Kreide!

Genau genommen sind es 59400 Mrd. Dollar, wenn man Staatsschulden, Firmenschulden, Hypotheken und Verbraucherschulden addiert.

Eine Summe, die sich jeder Beschreibung entzieht!

Hätten Sie beispielsweise zur Zeit Jesu gelebt und hätten seitdem an jedem einzelnen Tag 80 Mio. Dollar ausgegeben, wären Sie noch immer nicht bei 59400 Mrd. Dollar!

Die USA sind pleite und ihr Dollar am Ende. Aber Sie kennen das sicherlich aus dem Tierreich: Ein angeschossenes Raubtier ist besonders gefährlich und vor allem in seinen Reaktion unberechenbar. Und genauso schätze ich die USA in der aktuellen Krisenlage ein.

Putin trennt sich vom Dollar und kauft physisches Gold und verabschiedet sich damit ganz offen vom Dollar. Im gleichen Atemzug eröffnet Russland Konten in Asien und stellt die Export-Verträge auf asiatische Währungen wie den chinesischen Yuan um.

Sind Russland & China auf dem Weg, sich vom Dollar-Zwangssystem zu befreien?

Wenn sie damit Erfolg haben, bedeutet es den Todesstoß für die globale Vormachtstellung Amerikas bzw. der privaten FED-Bankster!

Seit dem 2. Weltkrieg wird der Handel mit Erdöl gezwungenermassen in privaten Fed-Dollar fakturiert, was der Rest der Welt ( Dank US Army oder besser FED Army ) so hinzunehmen hatte.

Wer sein Öl nicht gegen private Dollar, sondern gegen Euro verkaufen wollte, wurde vom westlichen Medienkartell zum "Terroristen" erklärt ( Saddam Hussein , Hugo Chavez, Gaddafi, Ahmadinedschad ) und von der Nato "befreit".


http://info.kopp-verlag.de/hintergruende/geostrategie/dr-paul-craig-roberts/washington-ruehrt-die-kriegstrommel.html;jsessionid=91DA96E06F5470A25D8F4135002756B6

Herr Peter Aue

02.10.2014, 18:00 Uhr

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