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14.10.2015

16:06 Uhr

USA und Russland

Erdogan bestellt Botschafter wegen Syrien-Konflikt ein

Die Syrien-Krise sorgt für Unmut zwischen Russland und den USA. Beide Seiten werfen sich mangelnde Kooperationsbereitschaft vor. Nun hat die Türkei Botschafter beider Länder einbestellt.

Die Türkei kritisiert eine „inakzeptable“ Unterstützung kurdischer Kämpfer. AFP

Recep Tayyip Erdogan

Die Türkei kritisiert eine „inakzeptable“ Unterstützung kurdischer Kämpfer.

AnkaraRussische Kampfjets haben im Norden Syriens erneut Stellungen von Rebellen bombardiert. Die Flugzeuge hätten in den Provinzen Hama und Idlib mehrere Angriffe geflogen, erklärte die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte am Mittwoch. Dabei habe es Tote und Verletzte gegeben. Russland unterstützt mit den Angriffen eine Bodenoffensive des Regimes von Machthaber Baschar al-Assad gegen ein Bündnis von verschiedenen Rebellengruppen.

Moskaus Luftwaffe hatte vor zwei Wochen mit den Luftangriffen begonnen. Der Kreml will damit nach eigenen Angaben die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) bekämpfen. Die USA, andere westliche Staaten und syrische Aktivisten werfen Moskau jedoch vor, vor allem Rebellen anzugreifen, die sowohl das Regime als auch die sunnitischen IS-Extremisten bekämpfen.

Die Beobachtungsstelle meldeten zudem, es gebe verlässliche Informationen, dass weiterhin iranische Kämpfer für den Kampf gegen Aufständische nach Syrien verlegt würden. Neben Russland zählt auch der schiitische Iran zu einem wichtigen Verbündeten des Assad-Regimes.

Die Türkei hat die Botschafter Russlands und der USA einbestellt und vor einer Unterstützung syrischer Kurden im Kampf gegen die Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) gewarnt. Nach Angaben des türkischen Außenministeriums vom Mittwoch wurden „notwendige Warnungen“ ausgesprochen, Ministerpräsident Ahmet Davutoglu kritisierte eine „inakzeptable“ Unterstützung kurdischer Kämpfer. Während es in Damaskus und Aleppo schwere Gefechte gab, kündigten die USA noch für Mittwoch Militärgespräche mit Russland zum Syrien-Konflikt an.

Den Botschaftern sei die türkische Sichtweise hinsichtlich der in Syrien aktiven kurdischen Partei der Demokratischen Union (PYD) übermittelt worden, sagte ein Mitarbeiter des türkischen Außenministeriums am Mittwoch der Nachrichtenagentur AFP. Es seien „notwendige Warnungen“ ausgesprochen worden.

Davutoglu sagte im Fernsehen, die Türkei habe eine „klare Position“. Sein Land habe Russland und die USA vor einer „inakzeptablen“ militärischen und politischen Unterstützung für kurdische Truppen im Kampf gegen den IS gewarnt. Die Türkei könne „keinerlei Zusammenarbeit mit Terrororganisationen akzeptieren“, die einen „Krieg“ mit der Türkei führten.

Während das Pentagon am Montag mitgeteilt hatte, PYD-Milizen im Norden Syriens mit Munition versorgt zu haben, gab es in der vergangenen Woche Gespräche eines russischen Vertreters mit PYD-Chef Salih Muslim über den Kampf gegen den IS. Die Türkei sieht die PYD als den syrischen Ableger der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) an. Die PKK kämpft seit 1984 in der Türkei gegen den Staat und ist dort als Terrorgruppe verboten.

Erfolge, Niederlagen und Terror des IS seit Ausrufung des „Kalifats“

IS

Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) ging aus einem Ableger des Terrornetzwerks Al-Kaida im Irak hervor. Ein Rückblick:

29. Juni 2014

Die sunnitischen Dschihadisten rufen in den von ihnen eroberten Gebieten in Syrien und im Irak ein „Kalifat“ aus. Erster „Kalif“ des neuen Gottesstaates sei Anführer Abu Bakr al-Bagdadi.

August 2014

8. August: Die USA fliegen erste Angriffe im Nordirak.

August: Die Enthauptung eines US-Journalisten schockt die Welt. In den folgenden Monaten verbreitet der IS im Internet weitere Videos mit der Ermordung zweier US-Bürger und zweier Briten.

19. September und Dezember 2014

19. September: Frankreich startet mit Hilfe arabischer Partnerländer erstmals Luftangriffe auf IS-Stellungen in Syrien.

Dezember: Kurdische Soldaten beenden mit Hilfe internationaler Luftangriffe die Belagerung des Sindschar-Gebirges nahe der IS-Hochburg Mossul. Im August waren Zehntausende Angehörige der jesidischen Volksgruppe vor den Dschihadisten in die Berge geflohen.

Januar und Februar 2015

Januar 2015: Nach monatelangen Kämpfen vertreiben kurdische Kämpfer den IS aus der nordsyrischen Stadt Kobane an der türkischen Grenze.

Februar: Ein Video zeigt, wie ein gefangener jordanischer Pilot bei lebendigem Leib verbrannt wird. Zuvor hatte die Terrormiliz bereits die Tötung zweier japanischer Geiseln zur Schau gestellt.

März und April 2015

März: Irakische Kräfte erobern die strategisch wichtige Stadt Tikrit zurück, die die Extremisten im Juni 2014 besetzt hatten.

April: IS-Kämpfer dringen in Ramadi 100 Kilometer westlich von Bagdad ein. Tausende Iraker fliehen vor dem Terror Richtung Bagdad, dürfen die Hauptstadt aber nicht betreten.

Mai und Juli 2015

Mai: Die Terrormiliz bringt Ramadi vollständig unter ihre Kontrolle. Kurden erobern IS-Gebiete in Nordsyrien.

Juni: Der IS verbreitet ein schockierendes Video über neue Hinrichtungsmethoden.

24. Juli und 6. August 2015

24. Juli: Nach einem dem IS zugeschriebenen Anschlag im türkischen Suruc fliegen türkische Kampfjets erstmals Angriffe auf IS-Stellungen in Syrien. Zudem öffnet Ankara wenig später den südtürkischen Nato-Stützpunkt Incirlik für US-Luftschläge gegen den IS.

6. August: Einer US-Bilanz zufolge hat das internationale Anti-Teror-Bündnis in einem Jahr mehr als 5900 Luftschläge gegen den IS im Irak und in Syrien geflogen. Außerdem sollen 10 000 IS-Kämpfer bei Angriffen getötet worden sein.

18. und 23. August 2015

18. August: Der IS enthauptet den früheren Chef-Archäologen der irakischen Oasenstadt Palmyra. Nach US-Angaben stirbt die Nummer zwei der Terrormiliz, Hadschi Mutas, bei einem Luftangriff im Irak.

23. August: Der IS sprengt den rund 2000 Jahre alten Tempel Baal Schamin in Palmyra. Einige Tage später zerstören die Extremisten auch den Baaltempel.

September 2015

Eine weitere Koalition bildet sich.  Russland bestätigt erstmals die Präsenz von Militärexperten in Syrien. Vorher waren Bilder russischer Soldaten in Syrien in den sozialen Netzwerken aufgetaucht. Russland und Iran unterstützen Syrien im Kampf gegen den IS, aber auch gegen andere Oppositionsgruppen.

November 2015

Nach den Anschlägen von Paris vom 13. November mit mindestens 129 Toten fliegt die französische Luftwaffe verstärkt Angriffe auf die Stadt Al-Raqqa, das inoffizielle Zentrum des vom IS kontrollierten Gebiet im Irak und Syrien. Frankreich fliegt bereits seit September 2014 Luftangriffe auf IS-Stellungen.

US-Verteidigungsminister Ashton Carter kündigte unterdessen für Mittwoch erneut Gespräche über die Luftangriffe Russlands und der USA in Syrien an. Bei den Gesprächen von Kommandeuren aus beiden Ländern sollte es darum gehen, sicherzustellen, dass sich die russische und die US-Luftwaffe nicht in die Quere kommen. Carter forderte, Russland müsse sich im syrischen Luftraum „professionell“ verhalten. Russlands Außenminister Sergej Lawrow sagte am Mittwoch, beide Seiten stünden kurz vor einer Vereinbarung, sich nicht zu behindern. Erst am Samstag waren nach US-Armeeangaben Flugzeuge beider Länder in Syrien bis auf Sichtweite der Piloten aufeinander zugeflogen.

Zwischen Russland und den USA gibt es Differenzen hinsichtlich der Strategie im Syrien-Konflikt. Während Washington Moskau vorwirft, vor allem vom Westen unterstützte gemäßigte Rebellen anzugreifen, wirft Moskau den USA wiederum vor, nicht mit Russland kooperieren zu wollen. Am Mittwoch sagte Lawrow, die USA weigerten sich, eine ranghohe russische Delegation zur Syrien-Frage zu empfangen und wollten auch keine eigene Delegation nach Moskau entsenden. Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) ermahnte beide Seiten, das jeweilige Engagement dürfe letztlich nicht zu einem Konflikt zwischen diesen beiden Ländern werden.

In Syrien gab es am Mittwoch heftige Kämpfe in der Hauptstadt Damaskus sowie in der einstigen Wirtschaftsmetropole Aleppo. Die syrische Armee griff nach eigenen Angaben das von Rebellen gehaltene Viertel Dschobar im Osten von Damaskus an. Der oppositionsnahen Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte zufolge griff die Luftwaffe Dschobar am Morgen acht Mal an. Am Boden gab es demnach schwere Gefechte zwischen Armeeeinheiten und verschiedenen Milizen und Rebellengruppen.

Auch rund um Damaskus gab es der Beobachtungsstelle zufolge Luftangriffe der syrischen Armee auf Rebellenpositionen. In Duma nordöstlich der Hauptstadt seien zwei Kinder getötet worden.

In Aleppo gelang es dem IS den Aktivistenangaben zufolge Gebiete von gemäßigten Rebellen zu erobern. Die Miliz kontrolliert demnach nun eine wichtige Verbindung zwischen Aleppo und der türkischen Grenze. Ein Rebellenvertreter bestätigte die Rückschläge.

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