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02.09.2016

10:17 Uhr

Usbekistan und die Machtfrage

Das Gespenst des Islam Karimow

VonAndré Ballin

Der usbekische Herrscher liegt im Koma, wurde sogar schon totgesagt. Die Nachfolge hat Islam Karimow nie geklärt. Es droht ein Machtkampf, der zu einer Destabilisierung der gesamten Region führen könnte.

Der usbekische Präsident ist schwer erkrankt. AFP; Files; Francois Guillot

Islam Karimov

Der usbekische Präsident ist schwer erkrankt.

Taschkent/MoskauEin Feuerwerk hat es nicht gegeben, doch die großen Feierlichkeiten wurden nicht abgesagt: Usbekistan beginn am Donnerstag den 25. Jahrestag seiner Unabhängigkeit. Der Nachrichtensprecher des nationalen Fernsehens verlas am Morgen noch eine Grußbotschaft von Präsident Islam Karimow an das Volk.

Dabei ist die usbekische Führung derzeit überhaupt nicht in Feierlaune. Hinter den Kulissen läuft bereits der Machtkampf um die Nachfolge Karimows, der wohl seit Tagen im Koma liegt. In einem der ärmsten Länder Zentralasiens, direkt an der Grenze zu Afghanistan, kann dies verheerende Folgen haben.

Wie es Karimow wirklich geht, weiß niemand so recht. Sicher ist nur: Es steht insgesamt nicht gut um ihn – und es wird nicht besser. Sein Zustand habe sich verschlechtert, teilte die Regierung der Ex-Sowjetrepublik am Freitag mit.

Am Montag hatte die Nachrichtenagentur Fergananews schon über Karimows Tod berichtet. Der usbekische Präsident sei an den Folgen eines Schlaganfalls verstorben, meldete die Agentur. Aus Taschkent folgte ein Dementi – unsicher und unwillig: Der Chef der Regionalverwaltung von Taschkent, Rachmonbek Usmanow, bezeichnete den Zustand Karimows als „stabil“. „Es wurde sogar berichtet, dass der Präsident für kurze Zeit aus dem Bett aufgestanden sei“, so Usmanow.

25 Jahre danach: Was wurde aus den einzelnen Sowjetrepubliken?

15 neue Staaten

Der Zerfall der Sowjetunion 1991 hat 15 neue Staaten hervorgebracht. Ihre Schicksale in einem Vierteljahrhundert Unabhängigkeit sind sehr verschieden gewesen. Der Traum von Frieden und Wohlstand blieb für viele unerfüllt. Die Länder im Überblick.

Russland

Größtes Nachfolgeland, Atommacht, Energie-Exporteur. Verhinderte in zwei Kriegen die Abspaltung von Tschetschenien. Unter Präsident Wladimir Putin zunehmend autoritär. Steckt in der Krise, versucht aber, weltpolitisch wieder eine größere Rolle zu spielen.

Westen der Sowjetunion – Estland, Lettland und Litauen

Die kleinen baltischen Staaten stellten rasch auf Demokratie und Marktwirtschaft um. Seit 2004 Mitglieder in Nato und EU.

Weißrussland

Stabile Friedhofsruhe bei erträglichem Lebensstandard. Dauerherrscher Alexander Lukaschenko ist Russlands bester Freund und hält doch Abstand.

Ukraine

Zweitgrößtes Land Europas, großes Wirtschaftspotenzial, aber 25 Jahre lang unter seinen Möglichkeiten regiert. Zweimal Aufbegehren der Zivilgesellschaft: Orange Revolution 2004/5, Euromaidan 2013/14. Russland nahm 2014 die Krim weg und führt verdeckt Krieg im Osten.

Moldau

Ethnisch vorwiegend rumänisch. Verlor 1992 den russischsprachigen Landstreifen Transnistrien. Der eingefrorene Konflikt lähmt das arme Land politisch und wirtschaftlich.

Kaukasus – Georgien

Verlor nach 1992 Kriege gegen Separatisten in Abchasien und Südossetien. 2008 Niederlage gegen Russland. Hat sich zuletzt durch energische Reformen modernisiert.

Aserbaidschan

Ölreichtum am Kaspischen Meer kommt Präsidenten-Clan Aliyev zugute - erst dem Vater, nun dem Sohn. Ein Fünftel des Landes von Karabach-Armeniern besetzt.

Armenien

Sieg im Krieg um Berg-Karabach 1992-94 nützt nichts. Eingeklemmt zwischen Feinden Aserbaidschan und Türkei, nur die Schutzmacht Russland hilft.

Zentralasien – Kasachstan

Neuntgrößtes Land der Erde, lebt von Öl und Gas. Stabil, hat nie einen anderen Präsidenten gekannt als Nursultan Nasarbajew (76). Wer wird ihm nachfolgen?

Turkmenistan

Wüstenstaat, einer der größten Gasproduzenten der Welt. Fast so abgeschottet und diktatorisch wie Nordkorea.

Usbekistan

Herz der historischen Seidenstraße. Dauerherrscher Islam Karimow ließ 2005 hunderte Bürger in Stadt Andischan erschießen.

Kirgistan

Hochgebirgsland, arm, immer wieder von Unruhen erschüttert. Aber einzig halbwegs demokratisches Land der Region.

Tadschikistan

War das Armenhaus der Sowjetunion und bleibt es auch. 1992-97 Bürgerkrieg mit Zehntausenden Toten. Heute bedroht durch Islamismus aus dem benachbarten Afghanistan.

Quelle: dpa

Dabei bezog er sich allerdings mehr auf Hörensagen denn auf eigenes Wissen. Weder die Ärzte noch die höchsten politischen Kreise meldeten sich zunächst mit einem offiziellen Statement zu Wort. Am Freitag bestätigte die Regierung immerhin, das Karimow vergangenen Samstag einen Schlaganfall erlitten habe.

Danil Kislow, Chefredakteur von Fergananews, hielt dagegen gegenüber dem Handelsblatt weiter an seiner Version fest. „Ich habe aus verlässlichen Quellen erfahren, dass er klinisch tot war“, sagte er. Inzwischen werde Karimow wohl nur noch künstlich am Leben gehalten. Dies könne vorerst so bleiben, aber eine Rückkehr Karimows auf seinen Posten schließe er aus, fügte Kislow hinzu. Es kursieren Gerüchte, dass der Schlaganfall zu einem Sturz und weiteren schweren Kopfverletzungen geführt habe. Seine jüngste Tochter sagte, er habe eine Gehirnblutung erlitten.

Mehr als ein Vierteljahrhundert hat Karimow die zentralasiatische Republik geführt, erst als regionaler kommunistischer Parteisekretär und nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion als zunehmend autoritärer Präsident. Die Opposition wurde ausgeschaltet, Regimegegner außer Landes getrieben, ins Gefängnis gebracht oder getötet. Bis zuletzt hatte der 78-Jährige alle Fäden selbst in der Hand.

Karimow regierte mit einer Schaukelpolitik – und blieb neutral gegenüber den drei Großmächten Russland, China und den USA. Nachdem er im Jahr 2005 Demonstrationen in Andischan, einer Großstadt im Ferganatal, blutig niederschlagen ließ, erntete er Kritik aus dem Westen. Sein Vorgehen rechtfertigte er als Kampf gegen militante Islamisten und wendete sich prompt Moskau zu.

Später dann wurde Karimow vom Weißen Haus als Verbündeter im Kampf gegen den Terrorismus wieder umworben und sogar mit Waffen beliefert. Im Gegenzug gewährte Usbekistan den USA einen militärischen Stützpunkt. Auch die Bundeswehr unterhielt bis Ende 2015 noch einen Stützpunkt für den Afghanistan-Einsatz im usbekischen Termez.

Kommentare (3)

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Herr Holger Narrog

02.09.2016, 10:45 Uhr

Ich vermute, dass das Land ähnlich wie in anderen Regionen der Welt nur autoritär regiert werden kann. Man kann für die Menschen nur hoffen, dass sich die Grossmächte, Russland, USA und China einig werden wer die Nachfolge übernimmt, andernfalls droht ein Bürgerkrieg und ein weiterer gescheiterter Staat.

¨Für Deutschland ist Usbekistan ein interessantes Land. Man könnte von dort aus Einwanderer aus Afghanistan, auch "Flüchtlinge", "Schutzsuchende" genannt, nach Deutschland einfliegen*. Die bereits Eingewanderten könnten ihre Urlaubsreisen in die Heimat über Usbekistan planen*.

*Es wurden/werden? sogenannte "Flüchtlingseinflüge" aus Beirut (Einwanderer aus Syrien und Libanon) und aus Maschad (Iran)(Einwanderer aus Afghanistan), durchgeführt.
**Eine Deutsche Fluggesellschaft mit grünem Markenauftritt ist sehr stark bei Ethnic Flights engagiert und fliegt die beiden obigen Flugplätze an. Einwanderergruppen können dann in der Heimat Urlaub machen.

Frau Annette Bollmohr

02.09.2016, 10:58 Uhr

"Es droht ein Machtkampf, der zu einer Destabilisierung der gesamten Region führen könnte."

Wir brauchen keine Machtkämpfe und keine Politiker mehr.

Wir sollten endlich anfangen mit der Schaffung von Institutionen, die es ermöglichen dass politische Entscheidungen von jedem Bürger direkt getroffen werden. Am besten dort, wo dies heute von den technischen und rechtlichen Voraussetzungen her heute schon möglich wäre.

Nur so werden die Bürger dazu gebracht, selbst nachzudenken statt auf andere zu hören (und zu streiten). Dadurch käme - gerade deshalb, weil jeder direkt mit den Konsequenzen sicher nicht ausbleibender Fehlentscheidungen (die sich aber auf dem gleichen Wege schnell korrigieren ließen, da ein solches System flexibel ist) konfrontiert würde. Wodurch ein steter und höchst konstruktiver Lernprozess in Gang und eine echte, zivilisierte Diskussionskultur zustande käme.


Und, glauben Sie mir, die Leute lernen schnell.

Besonders, wenn sie erst einmal gemerkt haben, welch große Vorteile sie selbst - und alle anderen auch - davon haben.

Herr Old Harold

02.09.2016, 12:26 Uhr

@ Frau Bollmohr

Ich bin Ihrer Meinung!

Der erste Schritt in diese Richtung könnte sein, dass wir nur noch Direktkandidaten, mit deren Zielen wir uns identifizieren können, in unsere Parlamente wählen und die Zweitstimme, mit der uns die Parteien ihren Schrott unterjubeln wollen, einfach verfallen lassen!

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