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01.10.2015

13:07 Uhr

Vabanquespiel in Syrien

Was sich Putin vom Militär-Einsatz erhofft

VonAndré Ballin

Mit den Luftangriffen nahe Homs hat sich Wladimir Putin in den Syrien-Konflikt manövriert. Ein zweites Afghanistan ist tabu. Was Putin mit dem Einsatz bezweckt. Und wie der Rückhalt der Bevölkerung schwinden könnte.

Kampf gegen IS

Internet-Videos von Putins Angriffen in Syrien aufgetaucht

Kampf gegen IS: Internet-Videos von Putins Angriffen in Syrien aufgetaucht

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MoskauDie russisch-orthodoxe Kirche gibt ihren Segen: Der Kreml habe den Militäreinsatz befohlen, „um das syrische Volk vor dem Elend zu schützen, das ihnen die Willkür der Terroristen gebracht hat. Wir verbinden mit dieser Entscheidung das Nahen von Frieden und Gerechtigkeit“, erklärte der Moskauer Patriarch Kyrill.

Jahrhundertelang hat sich die russische Orthodoxie als Staatskirche verstanden und stets alle Entscheidungen des Kremls begrüßt. Trotzdem ist der ausdrückliche Zuspruch des Kirchenoberhaupts für die russische Führung wichtig, hat doch die Geistlichkeit 25 Jahre nach Zusammenbruch der atheistischen Sowjetunion in der öffentlichen Meinung wieder ein gewaltiges Gewicht.

Der Krieg soll das Image Putins weiter heben und nach Ansicht des Moskauer Politologen Fjodor Lukjanow tut er das derzeit auch noch. „Die Mehrheit begrüßt die Angriffe“, sagte er dem Handelsblatt. Damit demonstriere Russland einerseits Stärke auf der internationalen Bühne, andererseits Bündnistreue gegenüber dem langjährigen Partner Baschar al-Assad. Russland müsse allerdings aufpassen, sich nicht in ein langes und zermürbendes Abenteuer einzulassen, warnt er.

Erfolge, Niederlagen und Terror des IS seit Ausrufung des „Kalifats“

IS

Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) ging aus einem Ableger des Terrornetzwerks Al-Kaida im Irak hervor. Ein Rückblick:

29. Juni 2014

Die sunnitischen Dschihadisten rufen in den von ihnen eroberten Gebieten in Syrien und im Irak ein „Kalifat“ aus. Erster „Kalif“ des neuen Gottesstaates sei Anführer Abu Bakr al-Bagdadi.

August 2014

8. August: Die USA fliegen erste Angriffe im Nordirak.

August: Die Enthauptung eines US-Journalisten schockt die Welt. In den folgenden Monaten verbreitet der IS im Internet weitere Videos mit der Ermordung zweier US-Bürger und zweier Briten.

19. September und Dezember 2014

19. September: Frankreich startet mit Hilfe arabischer Partnerländer erstmals Luftangriffe auf IS-Stellungen in Syrien.

Dezember: Kurdische Soldaten beenden mit Hilfe internationaler Luftangriffe die Belagerung des Sindschar-Gebirges nahe der IS-Hochburg Mossul. Im August waren Zehntausende Angehörige der jesidischen Volksgruppe vor den Dschihadisten in die Berge geflohen.

Januar und Februar 2015

Januar 2015: Nach monatelangen Kämpfen vertreiben kurdische Kämpfer den IS aus der nordsyrischen Stadt Kobane an der türkischen Grenze.

Februar: Ein Video zeigt, wie ein gefangener jordanischer Pilot bei lebendigem Leib verbrannt wird. Zuvor hatte die Terrormiliz bereits die Tötung zweier japanischer Geiseln zur Schau gestellt.

März und April 2015

März: Irakische Kräfte erobern die strategisch wichtige Stadt Tikrit zurück, die die Extremisten im Juni 2014 besetzt hatten.

April: IS-Kämpfer dringen in Ramadi 100 Kilometer westlich von Bagdad ein. Tausende Iraker fliehen vor dem Terror Richtung Bagdad, dürfen die Hauptstadt aber nicht betreten.

Mai und Juli 2015

Mai: Die Terrormiliz bringt Ramadi vollständig unter ihre Kontrolle. Kurden erobern IS-Gebiete in Nordsyrien.

Juni: Der IS verbreitet ein schockierendes Video über neue Hinrichtungsmethoden.

24. Juli und 6. August 2015

24. Juli: Nach einem dem IS zugeschriebenen Anschlag im türkischen Suruc fliegen türkische Kampfjets erstmals Angriffe auf IS-Stellungen in Syrien. Zudem öffnet Ankara wenig später den südtürkischen Nato-Stützpunkt Incirlik für US-Luftschläge gegen den IS.

6. August: Einer US-Bilanz zufolge hat das internationale Anti-Teror-Bündnis in einem Jahr mehr als 5900 Luftschläge gegen den IS im Irak und in Syrien geflogen. Außerdem sollen 10 000 IS-Kämpfer bei Angriffen getötet worden sein.

18. und 23. August 2015

18. August: Der IS enthauptet den früheren Chef-Archäologen der irakischen Oasenstadt Palmyra. Nach US-Angaben stirbt die Nummer zwei der Terrormiliz, Hadschi Mutas, bei einem Luftangriff im Irak.

23. August: Der IS sprengt den rund 2000 Jahre alten Tempel Baal Schamin in Palmyra. Einige Tage später zerstören die Extremisten auch den Baaltempel.

September 2015

Eine weitere Koalition bildet sich.  Russland bestätigt erstmals die Präsenz von Militärexperten in Syrien. Vorher waren Bilder russischer Soldaten in Syrien in den sozialen Netzwerken aufgetaucht. Russland und Iran unterstützen Syrien im Kampf gegen den IS, aber auch gegen andere Oppositionsgruppen.

November 2015

Nach den Anschlägen von Paris vom 13. November mit mindestens 129 Toten fliegt die französische Luftwaffe verstärkt Angriffe auf die Stadt Al-Raqqa, das inoffizielle Zentrum des vom IS kontrollierten Gebiet im Irak und Syrien. Frankreich fliegt bereits seit September 2014 Luftangriffe auf IS-Stellungen.

Der Kreml müht sich sichtlich, keine Parallelen zum Afghanistan-Krieg aufkommen zu lassen. Die zehnjährige Intervention war aufreibend und verlustreich. Am Ende wirkte sie politisch zersetzend. Diesmal betonte Putin daher bereits am ersten Tag, dass sich die russischen Militäraktivitäten in Syrien rein auf Luftangriffe beschränken werden.

Auch nach Afghanistan und dem Zerfall der Sowjetunion war Moskau in zahlreiche Konflikte verwickelt. Doch diese spielten sich entlang der eigenen Peripherie ab. Im ersten Tschetschenienkrieg – vom damaligen Präsidenten Boris Jelzin auch gestartet, um sein Image zu verbessern – ging es darum, den weiteren Zerfall des Landes zu stoppen. Der Krieg endete in einem blutigen Desaster. Für mehrere Jahre hatte Moskau die Kontrolle über Grosny verloren.

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