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05.02.2015

18:50 Uhr

Varoufakis, Griechenland und der Euro

Ist dieser Mann wirklich cool?

VonLaura Waßermann

Ohne Krawatte, dafür in Lederjacke: So schlägt Finanzminister Yanis Varoufakis bei politischen Terminen auf. Ewig wird er das nicht machen können. Erfordert ernste Politik am Ende ein ernstes Auftreten? Eine Stilkritik.

England trifft Griechenland: Der britische Finanzministern George Osborne begrüßt Yanis Varoufakis, den Newcomer unter den politischen Finanzchefs. AFP

In Latz und Leder

England trifft Griechenland: Der britische Finanzministern George Osborne begrüßt Yanis Varoufakis, den Newcomer unter den politischen Finanzchefs.

Düsseldorf„Schlag ein, Bruder.“ So in der Art begrüßte Yanis Varoufakis, der coole Newcomer unter den europäischen Finanzpolitikern, den britischen Allstar George Osborne am Montag. Schwarze Lederjacke, robuste Schnürschuhe, entspannter Blick. Nicht ganz so lässig zeigte sich der Grieche beim Treffen am Donnerstag mit Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble.

Eine Einigung habe es nicht gegeben, so hieß es in der Pressekonferenz seitens Varoufakis – noch nicht mal einmal einem „We agree to disagree“ (zu deutsch: „Wir sind uns einig, dass wir uns uneinig sind“), wie es Schäuble wenige Minuten vorher behauptet hatte, konnte er zustimmen. Ein Seitenhieb in Richtung Bundesregierung?

In Berlin gab sich Yanis Varoufakis nicht so entspannt, wie sonst. Denn eigentlich – trotz aller Verantwortung – ist der 53-Jährige, wie es scheint, nicht aus der Ruhe zu bringen. Seine Outfits sind stets lässig-modern, Krawatten trägt er nie. Auch nicht bei wichtigen Terminen. Als wolle er mit seiner Kleiderordnung sagen: 'Seht her, ich bringe Griechenland auf Kurs. Und trotzdem bin ich ein cooler Typ.'

Damit repräsentiert er das griechische Kabinett zwar nicht in Gänze; trotzdem wirkt die neue Regierung der Hellenen verwandelt. Selbst Alexis Tsipras, Chef der Syriza-Partei trägt ungern Krawatten, weshalb der italienische Ministerpräsident Matteo Renzi ihm erst kürzlich eine geschenkt hat. Er solle diese tragen, wenn Griechenland die Finanzkrise überwunden hat. Der Premier hat sie dankend angenommen, wenn auch etwas irritiert.

Die wichtigsten Player bei den Verhandlungen mit Griechenland

Wer sind die wichtigsten Gesprächspartner?

Wer sind die wichtigsten Gesprächspartner in der Griechenland-Krise? Seit dem Sieg von Syriza ist das Verhandeln mit dem Staat von der Größe Brandenburgs komplizierter geworden...

Jean-Claude Juncker

Der 60-Jährihe gilt als Europäer aus Leidenschaft. Er war und ist eine der Schlüsselfiguren bei der Euro-Rettung. Acht Jahre lang (von 2005 bis 2013) war der Luxemburger Vorsitzender der Eurogruppe, der die Finanzminister der Staaten mit Euro-Währung angehören. In dieser Funktion hat Juncker seit 2010 maßgeblich die Rettungsprogramme für Krisenstaaten wie Griechenland ausgehandelt. Der Christsoziale war 18 Jahre lang (bis Ende 2013) Premierminister in Luxemburg – inzwischen ist er Präsident der EU-Kommission.

Mario Draghi

Der 67 Jahre alte italienische Bankmanager und Wirtschaftswissenschaftler ist seit November 2011 Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB). Unter seiner Führung pumpte die Notenbank billiges Geld in das Bankensystem, schaffte die Zinsen im Euroraum quasi ab und schuf ein Kaufprogramm, um notfalls unbegrenzt Anleihen von Euro-Krisenstaaten zu erwerben. Kritiker werfen ihm vor, die Befugnisse der Notenbank überdehnt zu haben.

Christine Lagarde

Die französische Politikerin steht seit Juli 2011 an der Spitze des Internationalen Währungsfonds (IWF). Zuvor war sie Wirtschafts- und Finanzministerin in Paris. Die 59 Jahre alte Juristin erwarb sich während der Finanzmarkt- und Euro-Turbulenzen einen Ruf als umsichtige Krisenmanagerin. Auf ihr lastet jedoch, dass die französische Justiz gegen sie in einer Affäre um mutmaßliche Veruntreuung öffentlicher Mittel aus ihrer Zeit als Ministerin ermittelt.

Angela Merkel und Wolfgang Schäuble

Bundeskanzlerin Merkel hatte mit Beginn der dramatischen Finanzkrise in Griechenland auf die Bremse gedrückt. Die eiserne Devise von Merkel und Finanzminister Wolfgang Schäuble: Keine Leistung ohne Gegenleistung, europäische Solidarität gegen griechische Anstrengung. In Athen wurde Merkel dann bei einem Besuch mit Plakaten begrüßt, auf denen sie mit Hitler-Bart zu sehen war. Nach dem Regierungswechsel in Athen ist Berlin für Kompromisse offen: Ein verlängertes Hilfsprogramm oder nochmalige Krediterleichterungen. Ein weiterer Schuldenschnitt wird aber abgelehnt.

Als FDP-Verschnitt alias Philipp Rösler ist Alexis Tipras lange nicht so lässig wie sein Finanzminister. Egal, wo er hingeht: Er trägt Anzug. Egal, was er sagt: Er wirkt beherrscht, streng und ehrgeizig. Trotzdem: Für die Griechen ist er jetzt schon ein Held, doch das muss nicht so bleiben. Denn das Aushängeschild für außenpolitische Angelegenheiten ist Varoufakis – Charmebolzen sticht Spießer, wenigstens optisch.

Also schwingt sich der Minister, der bereits als George Clooney Athens gilt – finden jedenfalls die Medien – auf sein Motorrad und besucht die europäischen Finanzchefs. London, Rom, Paris, Berlin. Er ist eine Schlüsselfigur der Euro-Krise. Doch: Wer ist Varoufakis eigentlich?

Von seinem Privatleben weiß man nicht viel. Außer, dass er eine Tochter aus erster Ehe hat, die in Australien lebt. Er selbst hat zwei Heimatländer im Pass stehen: Australien und Griechenland. Dort lebt er seit einigen Jahren, war Chefökonom von großen Firmen – zuletzt bei Valve Corporation, einem Software-Entwickler für Spiele. Er hat mehrere Bücher über die Spieltheorie geschrieben sowie von 1988 bis 2014 an Universitäten weltweit gelehrt. Er spricht perfekt Englisch. Varoufakis ist nicht unbekannt und doch ein Newcomer. Ein cooler Newcomer.

Michael Klemm, Experte für Auftreten und Wirkung von Politikern, sieht in dem Style einen klaren Bruch mit der bisherigen Politik in Griechenland – symbolisch wie optisch. Er nennt die Attitüde von Varoufakis „ein Verdeutlichen der Ablehnung einer Anzug-Krawatte-Politik, auch anti-elitär, wie es einer Links-Partei ja gut steht, hemdsärmelig, zupackend, fast proletarisch.“

Motorrad und Lederjacke würden Klemm eher an Marlon Brando, einen US-amerikanischen Schauspieler des frühen 20. Jahrhunderts erinnern. Mehr als an einen Bittsteller eines Schuldenstaates zumindest. „Spannend wird zu beobachten, wann die beiden doch zu Anzug und Krawatte greifen. Auf Dauer wird das Anti-Elitäre auch schal.“ Noch scheine es zu funktionieren, „ein Großteil der europäischen Politiker lehnt den Kurswechsel nicht rundweg ab.“

Kommentare (35)

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Herr Daniel Huber

05.02.2015, 19:08 Uhr

Der Mann ist mir sehr sympathisch, weil er authentisch dass lebt, was er vertritt. Völlig anders als der ganze Eurokraten-Haufen von Karrieristen und machtverliebten Selbstdarstellern, eben die erfrischende Ausnahme. Ich wünsche dem Mann von Herzen, dass er sich und seiner Linie treu bleibt. Meine volle Solidarität hat er.

Account gelöscht!

05.02.2015, 19:17 Uhr

Warum eine Zeit verschwendende und total unnütze Diskussion zur Unzeit über Oberflächlichkeiten?! Das ist vielleicht nach dem Geschmack des Boulevard, sollte aber nicht bei seriösen Politik- und Wirtschaftsmedien bestimmend sein. Als griechischer Finanzminister hat er die Aufgabe Griechenlands Finanzen vom Kopf auf die Beine zu stellen und das beurteilen wir mal frühestens in einem Jahr. Für das Desaster waren seit Jahrzehnten die korrupten und veruntreuenden Schlips-träger zuständig, also Gemach liebe obrigkeitsgläubigen Systemmedien. Schauen wir mal wie er Deutschland über den Tisch ziehen wird und den Griechen “Luft“ zum Atmen verschafft!

Herr Daniel Huber

05.02.2015, 19:19 Uhr

@ Frau Merker > Genau, habe ich auch gerade gedacht. Was soll dass???

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