Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

21.05.2015

07:38 Uhr

Varoufakis soll Euro-Gespräche mitschneiden

Vorsicht, Mikrofon

VonGerd Höhler

Der umstrittene Finanzminister Varoufakis soll heimlich Tonaufnahmen von Treffen der Eurogruppe gemacht haben. Jetzt droht dem Minister der „Varoufexit“. Dennoch prüft die EU die Verlängerung der Hilfen für Griechenland.

Der New York Times soll Varoufakis gestanden haben, die Aussagen seiner Kollegen heimlich mitzuschneiden. ap

Heimliche Aufnahmen?

Der New York Times soll Varoufakis gestanden haben, die Aussagen seiner Kollegen heimlich mitzuschneiden.

AthenHeute diskutiert der EU-Gipfel in Riga den Fall Griechenland. Ein Diskussionspunkt: Die Verlängerung des laufenden Rettungsprogramms für das Land über den Sommer hinaus. Die Euro-Länder prüfen diesen Schritt offenbar. Das sei „die beste Option“, um Griechenland vor der Pleite und einem versehentlichen Ausscheiden aus der Währungsunion zu retten, zitiert die „Sueddeutsche Zeitung“ einen hochrangiger Beamter der Eurogruppe.

Bevor die Gespräche in Riga beginnen, sorgt eine Meldung über Griechenlands exzentrischen Finanzminister Yanis Varoufakis erneut für Wirbel: Wenn der Athener Kassenwart mit seinen Kollegen in der Eurogruppe am Konferenztisch teilnimmt, hat er offenbar ein Aufnahmegerät dabei – Varoufakis schneidet mit. Schon bisher hat es der 54-Jährige nicht leicht im Kreis seiner Euro-Kollegen. Varoufakis neige zu langatmigen, belehrenden ökonomischen Grundsatzvorträgen, sei ständig gereizt, streitsüchtig und komme selten auf den Punkt, hört man aus Kreisen der Eurogruppe. Beim jüngsten Treffen der Finanzminister Ende April in Riga habe es sogar richtig Zoff gegeben, berichten Eingeweihte: Varoufakis sei von einigen seiner Kollegen als „Spieler“, „Zeitverschwender“ und „Amateur“ beschimpft worden.

Auf die denkwürdige Sitzung wurde Varoufakis jetzt in einem Interview mit dem New York Times Magazine angesprochen – und er dementierte heftig: „All diese Berichte, dass man mich beschimpft habe als Zeitverschwender und all das – lassen Sie mich sagen, dass ich dies mit jeder Faser meines Körpers bestreite.“

Und dann verrät Suzy Hansen, die Autorin des ausführlichen Porträts, das seit Mittwoch auf der Webseite der New York Times nachzulesen ist, etwas, das ihr Varoufakis möglicherweise unter dem Siegel der Verschwiegenheit anvertraute, oder es ist ihm nur so herausgerutscht – jedenfalls steht der Satz in Klammern: „Er sagte, er habe das Treffen mitgeschnitten, könne die Aufnahme aber wegen der Regeln zur Vertraulichkeit nicht veröffentlichen.“

Wann Griechenland die nächsten Milliarden überweisen muss

Die griechische Regierung...

... steht mit dem Rücken zur Wand. In den kommenden drei Monaten müssen erhebliche Summen an die internationalen Geldgeber überwiesen werden. Es ist unklar, ob Athen den Verpflichtungen nachkommen und eine Staatspleite noch abwenden kann. Das sind die wichtigsten Termine…

Im Mai...

… hatte die Regierung in Athen zur Rückzahlung von 750 Millionen Euro an den internationalen Währungsfonds auch auf 650 Millionen von einem eigenen IWF-Konto zurückgegriffen. Unklar ist, wann sie dieses Geld wieder auf das Konto einzahlen muss. In der Regierung war damals von "einigen Wochen" die Rede.

Dem IWF...

… muss Griechenland besonders im Juni viel überweisen. In dem Monat werden insgesamt gut 1,5 Milliarden Euro fällig.

Auf vier Tranchen...

…verteilt sich laut IWF die Summe auf vier Tranchen.

5. Juni

298 Millionen Euro

12. Juni

335,2 Millionen Euro

16. Juni

558,8 Millionen Euro

19. Juni

335,2 Millionen Euro

Im Juli...

… am 13., ist eine weitere Zahlung an den IWF in Höhe von 447 Millionen Euro fällig.

Härtemonat Juli

In dem Monat werden außerdem Zinsen und Tilgung für Staatsanleihen fällig, die im Bestand der Europäischen Zentralbank (EZB) sind. Die Summe beläuft sich auf rund 3,5 Milliarden Euro. Griechenlands Finanzminister Yanis Varoufakis hat gefordert, die Rückzahlungstermine dieser Papiere zu verschieben. Die genauen Daten sind bisher nicht bekannt.

Auch im August...

… steht Griechenland vor enormen Herausforderungen, weil weitere 3,2 Milliarden Euro für die EZB fällig werden.

Zinsen

Dem IWF stehen zudem Zinsen in Höhe von rund 165 Millionen Euro zu. Dafür ist jedoch kein Datum festgelegt.

Es ist nicht das erste Mal, dass Varoufakis Pech hat mit der Presse. Er genießt die Rolle des Polit-Stars, gibt häufig und gerne Interviews. Allein im März sollen es rund 40 gewesen sein, habe griechische Journalisten gezählt. Aber manchmal gehen die Geschichten nach hinten los. Wie jene denkwürdige Homestory in der französischen Illustrierten Paris Match, die ihm international Spott und Häme eintrug. Die Fotoserie des Lifestyle-Magazins präsentierte in aufwendig inszenierten Posen Varoufakis und seine Frau Danae in ihrem Penthouse in einem der teuersten Wohnviertel Athens an der Akropolis.

Ein Foto zeigte Varoufakis im körperbetonten schwarzen T-Shirt beim Klavierspiel, ein anderes bei der Lektüre eines Buches – etwas peinlich: Es ist sein eigenes. Mal posiert das Paar eng umschlungen auf der Dachterrasse, mal prostet es sich an einem opulent gedeckten Mittagstisch mit Weißwein zu. „So sieht die humanitäre Krise in Griechenland aus“, spotteten Twitter-Nutzer. Varoufakis hatte bei seinem Amtsantritt die Griechen zu einem „einfachen Leben“ angehalten.

Und nun das Riga-Gate. Ob Varoufakis nur das Treffen in Riga mitschnitt oder routinemäßig Tonaufnahmen von allen Finanzministertreffen anfertigt, an denen er teilnimmt, bleibt offen. Seine Kollegen werden jedenfalls in Zukunft vorsichtig sein, was sie in Anwesenheit des Griechen sagen.

Aber vielleicht sind seine Tage als Finanzminister ja ohnehin gezählt. Hat er wirklich die angeblichen Tonaufnahmen gemacht, ist er kaum zu halten. In den Verhandlungen mit den Gläubigern zog Premier Alexis Tsipras seinen kontroversen Finanzchef bereits in die zweite Reihe zurück, die Gespräche werden jetzt von Vize-Außenminister Euclid Tsakalotos koordiniert. Griechische Medien sprechen bereits von einem „Varoufexit“.

Das ließ Varoufakis auch im Gespräch mit dem New York Times Magazine anklingen: „Früher oder später werde ich gehen.“ Wer kurz vor dem Abgang steht, kann sich offenbar dann auch ein ehrliches Urteil leisten. Auf die Frage der Reporterin, ob er besorgt sei angesichts des Zustands der griechischen Wirtschaft, sagte Varoufakis: „Ich bin entsetzt – entsetzt und entgeistert.“

Yanis Varoufakis

Der griechische Bruce Willis

Yanis Varoufakis: Der griechische Bruce Willis

Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.


Kommentare (19)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Herr Klaus Hofer

20.05.2015, 19:42 Uhr

Nun ja - bei Varoufakis handelt es sich eben um einen echten Vollblutsozialisten, der selbst gern Champagner schlürft und ansonsten Wassertrinken predigt. Eine Regierung, die einen solchen eitlen Politclown mit dem Amt des Finanzministers betraut, desavouiert sich selbst. Aber was kann in Griechenland eigentlich noch überraschen...

Herr Peter Kokot

20.05.2015, 19:48 Uhr

Na und ? Wer sagt, dass er dieses nicht darf. Die Amerikaner machen das bei jedem Geschäftsmitting.

Herr Horst Hamacher

20.05.2015, 20:17 Uhr

Der New York Times soll Varoufakis gestanden haben, die Aussagen seiner Kollegen heimlich mitzuschneiden.(Foto: ap). Und; "Früher oder später werde ich gehen!"
----------------------------------------------------------------------------------------------------------------------
Ja, Varoufakis, geh doch endlich!

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×