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05.06.2015

17:19 Uhr

Varoufakis-Vorschlag

Merkel soll „Nachkriegsrede“ in Griechenland halten

VonKevin Knitterscheidt

Zur Lösung der Krise schlägt Finanzminister Varoufakis keine Reformen vor – sondern eine Rede von Angela Merkel. Er wünscht sich Worte, die so aufrüttelnd sind wie die des US-Außenministers Byrnes 1946 im Deutschland.

US-Außenminister James F. Byrnes spricht 1946 zu den Deutschen – und macht ihnen Mut. The LIFE Picture Collection/Getty Images

Rede in Stuttgart

US-Außenminister James F. Byrnes spricht 1946 zu den Deutschen – und macht ihnen Mut.

Geld gegen Reformen – das ist das Mantra der Institutionen von Internationalem Währungsfonds (IWF), Europäischer Zentralbank (EZB) und EU im Kampf gegen das griechische Schulden-Dilemma. In einem Gastbeitrag für die Non-Profit-Organisation „Project Syndicate“ dreht Griechenlands Finanzminister Yanis Varoufakis nun den Spieß um: Athen sei durchaus bereit, „ein Abkommen mit Europa zu schließen, das die Fehlentwicklungen beseitigt, die das Land 2010 als ersten Domino-Stein umfallen ließ.“

Allerdings brauche sein krisengeschütteltes Land dafür jetzt vor allem eines: „Hoffnung.“ Wie lässt sich die wohl wecken in einem Staat, in dem mehr als jeder vierte Erwerbsfähige ohne Arbeit ist (EU-Durchschnitt: 11,2 Prozent) und dessen Zukunft seit Jahren im Ungewissen liegt? Varoufakis’ verwegener Vorschlag: eine „Hoffnungsrede“ von Bundeskanzlerin Angela Merkel – so wie sie der ehemalige US-Außenminister James F. Byrnes im September 1946 in Stuttgart an das vom Krieg zerstörte Deutschland hielt.

Darin kündigte Byrnes eine Abkehr vom Plan des damaligen US-Finanzministers Henry Morgenthau an, der Deutschland nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs teilen, deindustrialisieren und in einen Agrarstaat umwandeln wollte („Morgenthau-Plan“). Stattdessen stellte Byrns den Deutschen damals eine moderate Re-Industrialisierung in Aussicht – und damit auch die Möglichkeit, statt eines Bauernstaats eine florierende Wirtschaft aufzubauen. Mit dem Wirtschaftswunder der Fünfzigerjahre als Happy End der Geschichte.

Gewinner und Verlierer der Euro-Schwäche

Der Euro auf Talfahrt

Die Geldflut der Europäischen Zentralbank (EZB) hat den Euro auf Talfahrt geschickt. Nach Einschätzung von Analysten könnte ein Euro schon bald weniger als ein US-Dollar kosten – erstmals seit mehr als zwölf Jahren. Wer profitiert von der Euro-Schwäche und wem tut sie weh? (Quelle: dpa)

Gewinner: Die Exporteure

Ein schwacher Euro hilft Firmen aus der Eurozone, die Waren außerhalb des Währungsraums verkaufen wollen. Denn ihre Autos oder Maschinen werden auf den Weltmärkten günstiger – etwa in wichtigen Märkten wie Asien oder Amerika. Die Nachfrage nach Produkten „Made in Germany“ oder anderen Euro-Staaten dürfte anziehen. In der Eurozone spielt der Wechselkurs aber keine Rolle.

Gewinner: Die Konjunktur

Mehr Exporte, mehr Produktion, mehr Arbeitsplätze. Ganz so einfach geht es in der Praxis nicht, aber der EZB-Kurs mit Nullzins und Geldschwemme zielt auch in diese Richtung. Allein über den Preis werden Unternehmen aus dem Euroraum dank des niedrigen Eurokurses wettbewerbsfähiger. Somit stehen die Chancen gut, dass sie mehr verkaufen und ihre Fabriken besser ausgelastet sind. Das könnte mittelfristig auch neue Arbeitsplätze schaffen.

Gewinner: Die DAX-Konzerne

Die lockere Geldpolitik der EZB könnte exportstarken deutschen Konzernen nach Berechnungen der Commerzbank im laufenden Jahr zwölf Milliarden Euro zusätzlich an Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) in die Kassen spülen – allein weil der Euro gegenüber dem Dollar an Wert verliert. Vom Euroverfall profitieren demnach vor allem jene Firmen, die Rechnungen und Löhne in Euro bezahlen, aber in Dollar abrechnen.

Verlierer: Importeure

Wichtige Rohstoffe wie etwa Öl werden international in Dollar gehandelt. Wenn der Euro im Vergleich zum Dollar an Wert verliert, werden solche Importe für Abnehmer im Euroraum tendenziell teurer. Deshalb sei ein schwacher Euro für die Exportnation Deutschland auch nur auf den ersten Blick erfreulich, kommentiert der Außenhandelsverband BGA: „Ohne die niedrigen Rohstoffpreise würde der schwache Euro tiefe Spuren in unserer Importrechnung hinterlassen und somit auch die Verkaufspreise im Export erhöhen.“

Verlierer: Die Urlauber

Urlaube in der Schweiz oder in die USA werden teurer, wenn der Euro gegenüber anderen wichtigen Währungen an Wert verliert. Ende Januar rechnete der Bundesverband deutscher Banken (BdB) vor: Die Kaufkraft eines Euro in der Schweiz betrage nur noch etwa 55 Cent. Das heißt: Waren und Dienstleistungen waren dort zu diesem Zeitpunkt im Schnitt fast doppelt so teuer wie in Deutschland. Für Touristen aus Amerika oder China wird ein Trip in die Eurozone aber attraktiver.

Verlierer: Die Unternehmen

Für den Ausbau ihrer Geschäfte außerhalb des Euroraums müssen Unternehmen aus dem Euroraum tendenziell mehr Geld in die Hand nehmen. Wer etwa eine Fabrik in China oder in den USA errichten will und dies in der jeweiligen Landeswährung bezahlt, legt in Euro gerechnet künftig drauf.

Verlierer: Die Nicht-Eurostaaten

Während die US-Notenbank Fed ihre Geldschleusen absehbar wieder schließen will, fährt die EZB einen genau entgegengesetzten Kurs. Das erhöht die Gefahr, dass es zu einem „Währungskrieg“ kommt. Mit ihren milliardenschweren Anleihenkäufen habe die EZB „eine Tür geöffnet, hinter der die Gefahr eines Abwertungswettlaufes lauert“, kritisierte BGA-Präsident Anton F. Börner.

So in etwa stellt sich Varoufakis das nun für Griechenland vor – auch, wenn das freilich nicht unter Besatzung steht: „Damals musste man moralisierende Einwände beiseite schieben und leidenschaftslos auf ein Land blicken, das in Umständen gefangen war, die auf dem Kontinent langfristig nur Streit und Spaltung erzeugt hätten“, so der Finanzminister. „Heute ist mein Land in solchen Umständen gefangen. Und es braucht Hoffnung.“

Reformen gegen warme Worte? Varoufakis geht sogar noch weiter: „Eine ‚Hoffnungsrede‘ für Griechenland würde jetzt den entscheidenden Unterschied machen – nicht nur für uns, sondern auch für unsere Gläubiger.“ Denn einmal ausgerufen, könne eine „griechische Wiedergeburt“ deren Sorge um einen baldigen Zahlungsausfall des Landes nicht nur mindern – sondern sogar völlig „beseitigen“.

Das ist natürlich praktisch: Denn damit wäre das ursprüngliche Problem – mangelndes Vertrauen der Kapitalmärkte – auch ohne Reformen gelöst. Hoffnung bräuchten dann nur noch die Gläubiger. Und die lässt sich bekanntlich nicht in Geld aufwiegen.

Zahlen und Fakten zum griechischen Schuldendrama

Zwei Rettungspakete

Ausgezahlt wurden bis Anfang Februar: aus dem ersten Paket bilaterale Kredite der Europartner über 53 Milliarden Euro, aus dem zweiten Paket 141 Milliarden Euro.

Schuldenberg

Trotz eines Schuldenschnitts 2012 umfasste er nach zuletzt verfügbaren Zahlen immer noch rund 315 Milliarden Euro. Gemessen am Bruttoinlandsprodukt sollen die Schulden von bislang über 170 Prozent bis auf 112 Prozent im Jahr 2022 gedrückt werden.

Laufzeiten

Die Hilfskredite unter dem Euro-Rettungsschirm EFSF haben jetzt schon eine durchschnittliche Laufzeit von rund 32 Jahren. Die ohnehin niedrigen Zinsen werden erst von 2022 an fällig. Auch die Tilgung beginnt beim EFSF erst 2022.

Verlängerung

Das laufende Kredithilfsprogramm der Europäer wurde bereits bis Ende Februar verlängert. Eine weitere Verlängerung müsste von Athen beantragt werden. Parlamente einiger Staaten müssten aber zustimmen. Es stehen im Programm noch 1,8 Milliarden Euro bereit.

Weitere Hilfen

Eine angedachte vorbeugende Kreditlinie von rund 11 Milliarden Euro soll es bislang nur dann geben, wenn das laufende Rettungsprogramm abgeschlossen ist, also die Spar- und Reformauflagen erfüllt werden. Seit kurzem dürfen griechische Banken keine Staatsanleihen des Landes mehr als Sicherheiten für Geld der Europäischen Zentralbank (EZB) hinterlegen. Vorerst bekommen die Banken noch Notkredite (ELA) der griechischen Notenbank. Dem Vernehmen nach hat der EZB-Rat bislang ein ELA-Volumen von bis zu 65 Milliarden Euro bewilligt.

Kommentare (7)

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Herr Peter Spiegel

05.06.2015, 15:52 Uhr

Merkel soll „Nachkriegsrede“ in Griechenland halten

Was für ein Spinner, 2015 eine Nachkriegsrede,

Herr John-Olof Bauner

05.06.2015, 17:45 Uhr

Die USA hat nach dem Krieg Überschüsse gehabt. Japan und Westeuropa haben amerikanisches Geld bekommen um investieren zu können. Varoufakis meint dass der Hegemon, Deutschland, ähnlich agieren muss. Alle können nicht Überschüsse haben. KfW existiert noch und wir haben ausserdem EIB und EBRD. Die Chinesen agieren so. Wer baut Windkraft- und Solaranlagen in Jordanien, Eisenbahn in Nigeria, etc. Wenn die Europäer nicht investieren dann wird die europäische Industrie dichtmachen. Nur das Wolfahrtsmuseum bleibt noch eine Weile.

Ich empfele Yanis Varoufakis Buch "The Global Minotaur".

Account gelöscht!

05.06.2015, 18:00 Uhr

Kakerlaken muss man zertreten. Nur so löscht man Kakerlaken aus.

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