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19.01.2010

10:26 Uhr

Venezuela

Chávez schließt weitere Banken

VonAlexander Busch

Der venezolanische Präsident Hugo Chávez hat drei private Banken unter Staatsaufsicht gestellt wegen „schwerer administrativer und betriebswirtschaftlicher Probleme“. Die sozialistische Regierung kritisierte die zögerliche Haltung bei der Kreditvergabe mit scharfen Worten und droht weitere Verstaatlichungen an.

Hugo Chávez: Weitere Verstaatlichungen sind möglich. Reuters

Hugo Chávez: Weitere Verstaatlichungen sind möglich.

HB SAO PAULO. Zwei der Institute sollen in die jüngst gegründete staatliche Bank Banco Bicentario überführt werden, die bereits über 367 Filialen verfügt. Insgesamt hat Chávez damit seit Mitte Dezember elf Institute dicht gemacht, die über rund ein Zehntel der Depositen des venezolanischen Bankensystems verfügten. Chávez verkündete, dass weitere Verstaatlichungen möglich seien. Der Präsident kritisierte vor allem die zögerliche Haltung der Banken bei der Kreditvergabe. „Wenn die privaten Banker keine Kredite geben wollen, dann empfehle ich ihnen, eine andere Beschäftigung zu suchen“, erklärte Chávez. „Ihre Banken können sie mir geben.“

Dennoch bezweifeln die meisten Banker, dass Chávez eine umfassende Verstaatlichung des venezolanischen Banksystems plant. „Chávez wird angesichts der vielen Probleme, die er zu lösen hat, nicht noch einen Run auf die Banken riskieren wollen“, sagt ein europäischer Banker in Caracas. Denn die Stromknappheit, fehlende Lebensmittel in den Läden, die steigende Kriminalität und die wachsende Inflation von über 25 Prozent bedrohen bereits die Popularität des Präsidenten, der sich im September Parlamentswahlen stellen muss. Mit einer Abwertung versuchte sich Chávez vor zehn Tagen Luft zu schaffen: Seitdem erhält er für jeden Öldollar die doppelte Menge Bolívar. „Doch das wird ihm nicht viel nützen, denn die Bolívar sind bald nichts mehr wert“, sagt der Oppositionspolitiker Julio Borges.

So ist der Finanzsektor bislang die Branche, die Chávez bei seinen Verstaatlichungen auf dem Weg zu seinem „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“ verschont hat – im Gegensatz zu den Branchen Telefon, Strom, Stahl, Zement, Lebensmittel, Agro sowie dem Einzelhandel, wo der Präsident radikal enteignet und verstaatlicht hat. Zusammen mit den jetzigen Bankenschließungen verkündete Chávez, dass er die lokale Tochter der französischen Einzelhandelskette Casino enteignen werde, weil in den Läden illegal die Preise erhöht wurden.

Bankensystem gilt noch als solide

Zwar verstaatlichte der Präsident Mitte letzten Jahres die Banco de Venezuela, welche der spanischen Santander gehörte. Doch die Ratenzahlungen der Entschädigung von rund einer Milliarde Dollar überweist Chávez regelmäßig. Auch gilt das venezolanische Banksystem weiterhin als solide: Nur rund ein Viertel der Depositen sind derzeit bei staatlichen Banken. Zehn Großbanken konzentrieren drei Viertel aller Aktiva. Insgesamt sind 40 Banken im Land aktiv. Bankexperten rechnen damit, dass die Schließungen für die führenden Institute sogar positiv sein könnten. Kunden werden die kleinen Institute meiden und ihr Geld bei den größeren Instituten einzahlen, was zu einer Marktbereinigung führen könnte.

In Caracas heißt es, dass Chávez mit seinen Bankschließungen vor allem korrupte Verbündete in seinen Reihen vorführen wollte und weniger ideologisch motiviert agierte. Ein Minister musste im Zusammenhang mit Korruptionsvorwürfen in seiner Familie vom Amt zurücktreten. Elf Banker sitzen im Gefängnis.

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