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10.07.2016

10:04 Uhr

Venezuela in der Krise

Ein Land verhungert

Venezuela hat die größten Ölreserven der Welt. Trotzdem liegt es wirtschaftlich am Boden. Viele Einwohner lassen Mahlzeiten ausfallen, um über die Runden zu kommen und immer mehr Städter bauen wieder selbst Gemüse an.

Vor einem Supermarkt in Caracas suchen Menschen in Abfällen nach Lebensmitteln. AP

Venezuela hungert

Vor einem Supermarkt in Caracas suchen Menschen in Abfällen nach Lebensmitteln.

CaracasKelly Vega hat fast 14 Kilo in drei Monaten verloren, während sie ihre sechsjährige Tochter satt zu bekommen versucht. „Wir essen zwei Mahlzeiten am Tag“, erzählt sie. „Wenn wir Frühstücken, gibt es kein Mittagessen. Und wenn wir Lunch haben, dann fällt das Abendessen aus.“ Sie arbeitet als Haushaltshilfe in einem luxuriösen Viertel im Südwesten der Hauptstadt Caracas. Ihr wöchentliches Salär von umgerechnet 22 Euro reiche für viele Lebensmittel nicht mehr, sagt sie.

Venezuela verfügt über die größten Ölreserven der Welt. Doch das Land leidet unter einer schweren Wirtschaftskrise, für die Kritiker das jahrelange Missmanagement der regierenden Sozialisten verantwortlich machen. Die Regierung gibt konservativen Unternehmern die Schuld für Engpässe bei Lebensmitteln und anderen Gütern. Sie wirft ihnen vor, Güter zu horten, um Chaos zu stiften.

Am Abgrund: Warum Venezuela ein Pulverfass ist

Ölpreis

Nach 17 Jahren „Karibik-Sozialismus“ steht die Ölmacht Venezuela nahe am Abgrund. Wie konnte es dazu kommen? Ein Grund ist der Ölpreis. Inzwischen erholt sich der Erdölpreis wieder etwas – aber für das Land mit den größten Reserven der Welt hat der Absturz auf unter 30 Dollar je Barrel die Krise massiv verschärft. Ein Beispiel: Hatte Venezuela im Januar 2015 noch 850 Millionen Dollar eingenommen, waren es im Januar 2016 nur noch 77 Millionen. Dadurch können die teuren Sozialprogramme der Sozialisten kaum noch finanziert werden, ebenso wird es immer schwieriger, Güter aus dem Ausland einzuführen.

Drohende Pleite

In der zweiten Jahreshälfte müssen die Regierung und der staatliche Ölkonzern PDVSA nach Angaben des „Economist“ weitere sechs Milliarden US-Dollar an internationalen Krediten zurückzahlen. Für Analysten ist eine Pleite daher derzeit im Bereich des Möglichen.

Inflation

Unternehmen fehlen wegen der staatlichen Geldpolitik Devisen wie Dollar, um Produkte aus dem Ausland bezahlen zu können. Der Bolívar ist wegen der weltweit höchsten Inflation quasi wertlos. Der größte Bierbrauer Polar konnte zeitweise kein Gerstenmalz mehr einführen und stoppte die Produktion. Das Land ist von Lebensmittel- und Medizinimporten sehr stark abhängig, kann vieles aber nicht mehr bezahlen. Plünderungen und Schwarzmarkthandel nehmen überall zu.

Misswirtschaft

Durch den Mangel an Grundstoffen sinkt die Produktion rapide. Hinzu kommt, dass die hohe Inflation zu Minusgeschäften führt – der Staat legt sehr niedrige Preise fest, etwa für Mehl und Milch, die decken oft nicht mal mehr die Produktionskosten. Es kommt zu Rationierungen; die Nummer auf dem Ausweis entscheidet, an welchen Tagen in Supermärkten eingekauft werden darf. In Krankenhäusern fehlen Medikamente, teils bis hin zum Sauerstoff für Beatmungsgeräte.

Sozialisten versus Mud

Bei der Parlamentswahl im Dezember siegte das Bündnis „Mesa de Unidad Democrática“ (MUD) – Präsident Nicolás Maduro stemmt sich aber vehement gegen eine Abkehr vom Sozialismus-Projekt. Die Opposition will Maduro rasch per Referendum absetzen lassen. Er antwortet mit Dekreten, die ihm und dem Militär mehr Macht geben. Viele Beobachter fürchten, dass der Konflikt blutig enden könnte.
(Quelle: dpa)

Zur selben Zeit liegen Importe sowie die Produktion von Lebensmitteln flach, die Inflation galoppiert im dreistelligen Bereich und der Ölpreis ist eingebrochen. Einige Venezolaner hatten die Produktion von Lebensmitteln einst als unbezahlbaren Luxus aufgegeben. Doch jetzt kehren so manche Städter zur Landwirtschaft im eigenen Garten zurück, um wieder etwas Gemüse auf den Tisch zu bekommen.

Die Regierung unterstützt eine entsprechende Kampagne. Lorena Freitez, Ministerin des neu gegründeten Ministeriums für Städtische Landwirtschaft, will schon für 2019 erreichen, dass bis zu 20 Prozent des Angebots aus solchen Gärten kommen. „Urbane Landwirtschaft wird die Effekte der Engpässe abfedern“ sagt sie optimistisch. „Die Städte werden nicht so stark auf Importe angewiesen sein. Und wir werden große Schritte machen in puncto Lebensmittelsouveränität“.

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Wer in Venezuela einkaufen gehen will, braucht Taschen voller Geld. Die Inflation steigt rapide, dem Finanzsystem droht der Kollaps. Beobachtungen aus einem Land, in dem Geldnoten kaum noch etwas wert sind.

Inmitten der engen Straßen und maroden Hütten eines der größten Slums in Südamerika erspäht das wachsame Auge bereits etwas Unerwartetes: eine sorgfältig gepflegte Tomatenpflanze und ein Busch Basilikum. Die stolze Eigentümerfamilie hofft, dass sie in wenigen Monaten wieder etwas Gemüse essen kann.

Wissenschaftler von drei örtlichen Universitäten haben in einer Studie herausgefunden, dass etwa zwölf Prozent der Einwohner von Caracas Mahlzeiten ausfallen lassen. Dies stehe in scharfem Kontrast zu der Situation vor wenigen Jahren, als der Ölpreis noch nicht eingebrochen war und viele Venezolaner keine Probleme hatten, alle nötigen Lebensmittel zu bekommen, heißt es.

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