Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

30.10.2013

13:21 Uhr

Verbale Aufrüstung

Europa will digitale Weltherrschaft der USA brechen

CSU-Generalsekretär Dobrindt warnt vor einer „digitalen Weltherrschaft“ der USA. Frankreich will die Amerikaner bei der Wirtschaftsspionage übertrumpfen. Der alte Kontinent rüstet auf – zumindest verbal.

Die EU-Berichterstatter zur NSA-Affäre Elmar Brok (links) und Claude Moraes (rechts) bei einer Pressekonferenz in Washington: Der Ton zwischen den USA und Europa wird rauer. AFP

Die EU-Berichterstatter zur NSA-Affäre Elmar Brok (links) und Claude Moraes (rechts) bei einer Pressekonferenz in Washington: Der Ton zwischen den USA und Europa wird rauer.

Berlin/WashingtonEuropa rüstet sich in der NSA-Abhöraffäre zum Gegenangriff. Als Konsequenz aus den mutmaßlichen Lausch- und Spähattacken des amerikanischen Geheimdienstes fordern immer mehr prominente Politiker, Europa müsse die technologische Vorherrschaft der USA brechen und sich im IT-Bereich unabhängig machen. "Die Digitalisierung der Welt darf nicht zu einer digitalen Weltherrschaft führen, die sich die Vereinigten Staaten von Amerika und China teilen", sagte CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt der "Welt" vom Mittwoch. Frankreich hat bereits verstärkte Anstrengungen angekündigt, um die USA in der Wirtschaftsspionage zu übertrumpfen. Erst Anfang der Woche hatte EU-Justizkommissarin Viviane Reding den Aufbau eines europäischen Geheimdienstes als Gegengewicht zur NSA gefordert.

In Washington bemüht sich unterdessen eine hochrangige Delegation des Bundeskanzleramtes um Aufklärung. Der außenpolitische Berater der Kanzlerin, Christoph Heusgen, und Geheimdienst-Koordinator Günter Heiß sollten sich am Mittwoch im Präsidialamt um Klarheit über die Abhöraktivitäten der NSA in Deutschland bemühen, hieß es in Regierungskreisen. Dabei dürfte es zum einen um die Vorwürfe gehen, dass das Handy von Bundeskanzlerin Angela Merkel seit Jahren vom US-Geheimdienst abgehört wurde. Zur Sprache kommen dürften aber auch die Vorwürfe, dass aus der US-Botschaft in Berlin das Regierungsviertel ausspioniert wird.

Wo die NSA im Ausland spioniert hat

Frankreich

Für Empörung sorgt diese Woche ein Bericht der französischen Tageszeitung „Le Monde“, wonach die NSA allein innerhalb eines Monats – zwischen dem 10. Dezember 2012 und dem 8. Januar 2013 – 70,3 Millionen Telefonverbindungen in Frankreich überwachte. Bereits Anfang Juli hatte der britische „Guardian“ berichtet, der Geheimdienst habe unter anderem Frankreichs diplomatischen Vertretungen in Washington und bei den Vereinten Nationen in New York ausgespäht. Im September berichtete der „Spiegel“ auch von Spähangriffen gegen das französische Außenministerium in Paris.

USA

Die „Washington Post“ und der „Guardian“ berichten Anfang Juni, die NSA und die US-Bundespolizei FBI würden auf Serverdaten der großen Internetkonzerne wie Yahoo, Facebook, Google und Microsoft zugreifen. Der Name des geheimen Überwachungsprogramms: Prism.

Großbritannien

Der „Guardian“ berichtet Mitte Juni unter Berufung auf die Snowden-Dokumente, der britische Geheimdienst habe vor vier Jahren Delegierte von zwei in London stattfindenden G-20-Treffen ausgespäht. Ziele waren demnach die Delegationen Südafrikas und der Türkei. Die NSA soll bei der Gelegenheit versucht haben, ein Satelliten-Telefongespräch des damaligen russischen Präsidenten Dmitri Medwedew nach Moskau abzuhören.

EU und Uno

In seiner Ausgabe vom 1. Juli berichtet der „Spiegel“, die NSA habe in EU-Vertretungen in Washington, New York und Brüssel unter anderem Wanzen installiert. Auch sollen interne Computernetzwerke infiltriert worden sein. Ende August berichtet der „Spiegel“, die NSA habe auch die Zentrale der Vereinten Nationen in New York ausspioniert. Dem Geheimdienst gelang es demnach, in die interne Videokonferenzanlage der Uno einzudringen.

Brasilien

Der brasilianische Sender „Globo“ berichtet Anfang September, die NSA habe Telefonate und Internetkommunikation von Staatschefin Dilma Rousseff und ihren Mitarbeitern überwacht. Auch Unternehmen wie der Ölkonzern Petrobras und Millionen brasilianischer Bürger sollen ausgespäht worden sein. Verärgert verschiebt Rousseff einen für Oktober geplanten Staatsbesuch in den USA auf unbestimmte Zeit.

Mexiko

Der „Spiegel“ berichtet diese Woche, schon 2010 sei es einer NSA-Spezialabteilung gelungen, in das E-Mail-Konto des damaligen mexikanischen Präsidenten Felipe Calderón einzudringen. Calderóns Nachfolger Enrique Peña Nieto forderte Anfang September Erklärungen von den USA, nachdem Globo berichtet hatte, die NSA habe ihn während des Wahlkampfs 2012 ausgespäht.

China

In einem Interview mit der Zeitung „South China Morning Post“ aus Hongkong gibt Snowden an, die NSA hätten chinesische Mobilfunk-Konzerne gehackt und Millionen von SMS ausgespäht. Demnach verübte die NSA auch Cyber-Attacken auf die Tsinghua-Universität in Peking. Dort sind sechs zentrale Netzwerk-Schaltstellen untergebracht, über die Chinas gesamter Internetverkehr läuft.

Dobrindt sagte, Europa müsse Wissen und Geld bündeln und einen "Technologiesprung" schaffen, wenn es noch als Partner ernst genommen werden wolle. Er griff damit eine Idee auf, über die bereits im Sommer in Deutschland diskutiert wurde. "Wir brauchen ein politisches Projekt, wie Franz Josef Strauß es bei Airbus formuliert hat", sagte er. Die europäische Politik hatte damals gezielt den multinationalen Konzern EADS geschaffen, um ein europäischen Gegengewicht zu dem US-Unternehmen Boeing zu schaffen, das den Markt für Verkehrsflugzeuge dominierte. Das Projekt gilt als Erfolgsgeschichte: Heute ist die EADS-Tochter Airbus der schärfste Konkurrent von Boeing, die beiden Firmen liefern sich in vielen Bereichen ein Kopf-an-Kopf-Rennen.

"Wirtschaftsspionage ist eine Realität", sagte die französische Handelsministerin Nicole Bricq Reuters. "Da nützt kein Jammern. Ich denke, wir müssen besser sein und besser organisiert."

Kommentare (10)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

30.10.2013, 14:03 Uhr

Zwergenaufstand - das wird nie was.

Eine Gemeinschaft von qualifizierten Stümpern. lol

Account gelöscht!

30.10.2013, 14:14 Uhr

@real.ist
"Zwergenaufstand - das wird nie was.
Eine Gemeinschaft von qualifizierten Stümpern. lol"

Völlig richtig. Wir können den Amis wirklich dankbar sein, ein so offenes Internet entwickelt zu haben. Was auch nur möglich war, weil es sich relativ plötzlich aus der wissenschaftlichen Uni-Schiene in die private Wirtschaft verbreitet hat.

Ein EU-Airbus-Internet dürfte mit hyperkomplexen und nicht-öffentlichen Standards statt einfachen und leicht zu lesenden RfCs verbunden sein.

EU-Internet nein danke...

Zu Airbus kann man auch nur sagen, das Deutschland dort doch auch nur von Frankreich und England mit minderwertigen Aufgaben wie Kabinenbau und Klosets betraut wird. Für Franzosen ist Airbus eine reine französische Firma.

yoski

30.10.2013, 14:39 Uhr

Dazu brauchte man erstmal eine eigene Halbleiterindustrie um nicht mehr auf "Made in USA", samt NSA Hintertuer, angewiesen zu sein. Da hat man Jahrzehnte lang gepennt, das geht nicht von heute auf morgen. Wo sollen die technisch versierten Mitarbeiter fuer die Halbleiterindustrie und Spionage herkommen? Leiharbeiter aus Indien und China? Die gehen dann schon lieber in die USA wo entsprechend bezahlt wird. Fuer die deutschen Hungerloehne wird es schwer werden geeingnete Talente zu finden.
Was soll man von Leuten die schon beim Bahnhofs- und Flughafenbau scheitern erwarten wenn technisch anspruchsvolle Aufgaben gestellt werden?
Ausserdem ist davon auszugehen das Russen und Chinesen genauso viel schnueffeln wie die Amis, nur haben unsere Koryphaeen das noch nicht mitbekommen, sind doch alles unsere Freunde, oder?
Man sollte sich auf Aufgaben beschraenken von denen man was Versteht, zum Beispiel Windmuehlen, Klimarettung, Euro/Banken Rettung, Multi-Kulti, Fussball und Dummschwaetzen.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×