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04.12.2013

15:49 Uhr

Verbraucherschutz in Frankreich

„Corned Beef oder Corned Horse?“

VonThomas Hanke

Paris ist sauer auf die EU-Kommission, weil sie eine klare Etikettierung mit Ursprungsangaben für Fleisch verhindere. Dass sich Länder bei der Kennzeichnung querstellen, hat einen einfach Grund.

Frisches Pferdefleisch ? Oder doch Rind? Frankreich beklagt sich über die EU, die beim Verbraucherschutz nicht vorwärts kommt. dpa

Frisches Pferdefleisch ? Oder doch Rind? Frankreich beklagt sich über die EU, die beim Verbraucherschutz nicht vorwärts kommt.

ParisDie französische Regierung ist mit ihrer Geduld am Ende. „Wenn die EU-Kommission ihre Verantwortung für den Verbraucherschutz nicht wahrnimmt, obwohl das ihre klare Kompetenz ist, muss man sich über wachsende Europa-Skepsis nicht wundern“, sagte am Mittwoch Benoît Hamon, Minister für Sozialwirtschaft und Verbraucherschutz im Gespräch mit deutschen und britischen Journalisten. „Die Leute wollen schließlich wissen, ob sie Corned Beef oder Corned Horse vorgesetzt bekommen“, amüsiert sich der Sozialist mit schwarzem Humor.

Im März dieses Jahres, auf dem Höhepunkt des Pferdefleischskandals, hatten fünf Regierungen, darunter Deutschland und Frankreich, die EU-Kommission aufgefordert, einen Bericht und einen Vorschlag zur besseren Kennzeichnung von Frischfleisch und von Fertiggerichten vorzulegen. Auf den wartet man noch immer: Die Behörde ist intern zerstritten. Einige Kommissare wollen mehr für den Verbraucherschutz tun, andere haben wohl eher ein offenes Ohr für den Fleischhandel, dem nicht an mehr Transparenz gelegen ist.

Wer alles Pferd gefunden hat

Aldi Nord

In „Tiefkühl Penne Bolognese 750 g“ und „Gulasch 540 g Dose, Sorte Rind“ hat Aldi Nord Anteile von Pferdefleisch nachgewiesen. Das Gulasch des Lieferanten Omnimax sei nur in den Regionalgesellschaften im Raum Magdeburg, im Raum Süd-Ost-Berlin, in Süd-Ost-Brandenburg und in Hoyerswerda vertrieben worden. Die „Tiefkühl Penne Bolognese“ eines anderen Lieferanten sei in allen deutschen Filialen von Aldi Nord verkauft worden.

Ende Februar nahm Aldi Nord zudem Zigeuner Hacksteaks des Lieferanten Wingert Foods aus dem Sortiment.

Aldi Süd

Aldi Süd nahm Dosen-Ravioli und -Gulasch aus den Regalen. Bei Analysen wurden bei den Produkten nach Angaben des Discounters "Anteile von Pferdefleisch" nachgewiesen. Es handelt sich demnach um "Ravioli, 800 g Dose (Sorte Bolognese)" der Eigenmarke "Cucina" vom Lieferanten BLM sowie um "Gulasch, 450 g Dose (Sorte Rind)" des Lieferanten Omnimax, das ausschließlich in Nordrhein-Westfalen verkauft wurde.

Edeka

Edeka stellte in Stichproben von Lasagne der Eigenmarke "Gut & Günstig" nach eigenen Angaben "geringe Pferdefleisch-Anteile" fest. Der Verkauf des Tiefkühlprodukts wurde gestoppt. Deutschlands größte Supermarktkette prüft weitere Artikel. Bei anderen Produkten liegen demnach aber bislang "keine Hinweise auf vergleichbare Probleme" vor. Laut Verbraucherzentrale Hamburg wurden auch Filialen der regionalen Supermarktkette Konsum Leipzig in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen mit der Edeka-Lasagne beliefert.

Eismann

Eismann stellte in zwei Lasagne-Produkten Pferdefleisch fest. Den Verkauf der betroffenen Ware stoppte der Tiefkühl-Heimservice nach einem ersten Verdacht. Verbraucher können die Ware Eismann-Verkäufern zurückgeben und bekommen das Geld zurück. Weitere Produkte neben der Lasagne sind laut Eismann nicht betroffen.

Ikea

Tschechische Behörden haben Ende Februar in gefrorenen Hackbällchen („Köttbullar“) Pferde-DNA nachgewiesen.

Kaiser's Tengelmann

Kaiser's Tengelmann nahm Lasagne der Eigenmarke A&P aus dem Verkauf. Die Supermarktkette rechnet inzwischen fest damit, dass das Tiefkühl-Produkt neben Rindfleisch auch Pferdefleisch enthält. Kaiser's Tengelmann wurde eigenen Angaben zufolge vom französischen Hersteller Comigel offiziell informiert, dass die von ihm für seine Kunden hergestellten Fertiggerichte "durchgängig Anteile von Pferdefleisch enthalten". Kaiser's Tengelmann hat auch eigene Tests beantragt, deren Ergebnis noch nicht bekannt ist.

Lidl

Lidl stoppte in Deutschland den Verkauf von Rindfleisch-Tortelloni der Eigenmarke Combino, nachdem Kontrolleure in Österreich darin Anteile von Pferdefleisch gefunden hatten. Der Hersteller der Nudelprodukte, Hilcona aus dem Fürstentum Liechtenstein, erklärte, er verarbeite selbst kein Frischfleisch, sondern beziehe dieses von Lieferanten. Das mit Pferdefleisch durchsetzte Rindfleisch für die Tortelloni lieferte demnach die Firma Vossko aus Ostwestfalen. Sie wiederum prüft nun, welcher ihrer Lieferanten rohes Pferdefleisch als Rindfleisch verkaufte.

Real

Real rief "TiP Lasagne Bolognese, 400g, tiefgekühlt" zurück. Bei Laboruntersuchungen mit dem Produkt der Eigenmarke war in "einzelnen Stichproben" Pferdefleisch gefunden worden.

Rewe

Rewe nahm sowohl Produkte aus dem Sortiment, welche die Supermarktkette unter ihrem eigenen Namen verkaufte, als auch Produkte eines Markenherstellers. Betroffen sind "Rewe Chili con Carne" und "Rewe Spaghetti Bolognese", die laut Rewe vom Unternehmen SGS Geniesser Service hergestellt wurden, sowie "Mou Lasagne Bolognese" und "Mou Cannelloni Bolognese" der Marke Tulip. Bei den Produkten der Eigenmarke und des Markenherstellers konnten die Produzenten Rewe zufolge nicht ausschließen, dass diese Anteile von Pferdefleisch enthalten.

Nestlé

Bei Tests sei Pferde-DNA in zwei Nudel-Produkten nachgewiesen worden, für die ein deutsches Unternehmen Fleisch geliefert habe, teilte der Schweizer Konzern in einer Erklärung mit. Die in Italien und Spanien verkauften Sorten Buitoni-Rindfleischravioli und Rindfleisch-Tortellini seien daraufhin sofort freiwillig vom Markt genommen worden. In Deutschland würden diese Gerichte nicht vertrieben.

„Deutschland und Frankreich ziehen an einem Strang“, stellt Agrarminister Stéphane Le Foll fest. Er freut sich darüber, dass im Koalitionsvertrag sogar ausdrücklich mehr Transparenz und eine bessere Etikettierung gefordert würden. Nun sei es an der Kommission, endlich zu liefern. Die Bevölkerung fordere in allen EU-Ländern mit erdrückender Mehrheit, den Verbrauchern mehr Informationen an die Hand zu geben. „Wir wissen, dass damit nicht jeder Betrug vermieden werden kann, aber ja exakter die Informationspflichten, desto schwieriger wird es, die Herkunft zu verschleiern und mit Fleisch zu betrügen“, stellt Hamon fest.

Anfang des Jahres war der Skandal um Pferdefleisch aufgeflogen. In Lasagne und anderen Fertiggerichten wurde statt Rindfleisch das Fleisch von Reittieren gefunden. Nach einigen Wochen stellten die Ermittler fest, dass Fleisch vor allem aus Rumänien über Zypern durch die halbe EU geschickt wurde, bis zum Unternehmen Spanghero in Südfrankreich. Dort erfuhr es die wundersame Umwandlung in Rindfleisch und wurde als solches an die Hersteller von Fertiggerichten weiter geliefert. „Die Verantwortlichen sitzen hinter Gitter, das Unternehmen wurde abgewickelt – wir haben ganze Arbeit geleistet“, lobt Hamon seine Regierung. Nun sei aber Brüssel am Zug.

Kommentare (1)

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04.12.2013, 19:44 Uhr

Hoffentlich kommt die EU in diesem Thema bald voran.
Gegen mehr Transparenz beim Fleisch kann doch niemand etwas haben? Der Bundesverband der Deutschen Fleischwarenindustrie ist sicherlich auch dieser Meinung.

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