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08.04.2015

13:35 Uhr

Verhältnis Russland-Griechenland

Ziemlich alte Freunde

VonKevin Knitterscheidt

EU-Sanktionen, Gas-Rabatte, Hilfskredite: Beim Besuch des griechischen Premiers Tsipras bei Kremlchef Putin dürften die Gesprächsthemen nicht ausgehen. Die Abhängigkeit Athens von Moskau hat eine lange Tradition.

Griechenland und Russland sind wirtschaftlich und kulturell eng verbunden. Getty Images

Handschlag

Griechenland und Russland sind wirtschaftlich und kulturell eng verbunden.

DüsseldorfGetrennt werden sie durchs Schwarze Meer und die Türkei. Sonst gibt es vieles, das Griechenland und Russland verbindet: christliche Orthodoxie, rege Handelsbeziehungen, auch politisch gibt es so einige Gemeinsamkeiten. Wenn Griechenlands Premier Alexis Tsipras an diesem Mittwoch und Donnerstag zum Staatsbesuch bei Kremlchef Wladimir Putin in Moskau weilt, treffen sich die Repräsentanten beider Länder als ziemlich alte Freunde.

Das hoch verschuldete Griechenland ist auf seine russischen Handelspartner angewiesen. Allein schon wegen der Energieversorgung: Rund zwei Drittel des griechischen Gasverbrauchs werden aus russischen Quellen gedeckt. Einst sollte sogar eine Gas-Pipeline von der russischen Küstenstadt Anapa bis nach Thessaloniki führen. Ministerpräsident Kostas Karamanlis setzt sich im Jahr 2008 dafür ein, Griechenland an das Projekt „South Stream“ anzuschließen. Doch die EU stoppte die Planung – jetzt soll das Gas als „Turkish Stream“ durch die Türkei geleitet werden.

Die internationale Gasleitung South Stream

Länge

Die Erdgasleitung South Stream bildet eine Gesamtlänge von 2380 Kilometern.

Unter Wasser

Das Herzstück ist ein 925 Kilometer langer Abschnitt im Schwarzen Meer durch russische, türkische und bulgarische Hoheitsgewässer.

Über Land

Vom bulgarischen Anlandepunkt in der Hafenstadt Warna sollte eine 1455 Kilometer lange Landleitung durch Serbien, Ungarn und Slowenien bis nach Norditalien führen.

Vom schwarzen Meer bis Italien

South Stream soll nach den bisherigen Plänen die russische Stadt Anapa am Schwarzen Meer mit dem italienischen Grenzort Tarvisio verbinden. Sie würde es ermöglichen, russisches Gas am Krisenland Ukraine vorbei nach Europa zu transportieren.

Haushalte

Bisherige russische Pläne gingen davon aus, dass durch die Leitung von 2019 an bis zu 38 Millionen Haushalte versorgt werden könnten.

Kosten

Die Kosten für das Vorhaben werden auf 16 Milliarden Euro geschätzt.

Gazprom und Eni

An der Firma South Stream Transport, die ihren Sitz in den Niederlanden hat, sind der russische Gasmonopolist Gazprom mit 50 Prozent und der teilstaatliche italienische Energieversorger Eni mit 20 Prozent beteiligt.

Wintershall und EDF

Die BASF-Tochter Wintershall und der mehrheitlich staatliche französische Energiekonzern EDF halten je 15 Prozent.

Auch sonst sind die die Verbindungen zwischen Griechenland und Russland traditionell eng. Im 19. Jahrhundert standen Russen den Hellenen im Befreiungskampf gegen die Osmanen bei. Auch an diesem Mittwoch, wenn Griechenlands Premier Alexis Tsipras zum Staatsbesuch in Moskau weilt, könnte dort eine Allianz geschmiedet werden: gegen Spardiktate und Sanktionen.

Denn Griechenland leidet unter dem russischen Verbot von West-Importen. Moskau hatte die Handelsbeschränkungen als Antwort auf die Sanktionen der Europäischen Union erlassen.

Das traf vor allem hellenische Bauern: Im vergangenen Herbst blieben die Griechen auf rund 600.000 Tonnen Obst und Gemüse sitzen, die sonst nach Russland geliefert worden wären, berichtete damals die „Zeit“. Andere Abnehmer fanden die Bauern nicht. Das Gemüse und Obst – vor allem Pfirsiche, Erdbeeren und Kiwis – verfaulte.

Zahlen und Fakten zum griechischen Schuldendrama

Zwei Rettungspakete

Ausgezahlt wurden bis Anfang Februar: aus dem ersten Paket bilaterale Kredite der Europartner über 53 Milliarden Euro, aus dem zweiten Paket 141 Milliarden Euro.

Schuldenberg

Trotz eines Schuldenschnitts 2012 umfasste er nach zuletzt verfügbaren Zahlen immer noch rund 315 Milliarden Euro. Gemessen am Bruttoinlandsprodukt sollen die Schulden von bislang über 170 Prozent bis auf 112 Prozent im Jahr 2022 gedrückt werden.

Laufzeiten

Die Hilfskredite unter dem Euro-Rettungsschirm EFSF haben jetzt schon eine durchschnittliche Laufzeit von rund 32 Jahren. Die ohnehin niedrigen Zinsen werden erst von 2022 an fällig. Auch die Tilgung beginnt beim EFSF erst 2022.

Verlängerung

Das laufende Kredithilfsprogramm der Europäer wurde bereits bis Ende Februar verlängert. Eine weitere Verlängerung müsste von Athen beantragt werden. Parlamente einiger Staaten müssten aber zustimmen. Es stehen im Programm noch 1,8 Milliarden Euro bereit.

Weitere Hilfen

Eine angedachte vorbeugende Kreditlinie von rund 11 Milliarden Euro soll es bislang nur dann geben, wenn das laufende Rettungsprogramm abgeschlossen ist, also die Spar- und Reformauflagen erfüllt werden. Seit kurzem dürfen griechische Banken keine Staatsanleihen des Landes mehr als Sicherheiten für Geld der Europäischen Zentralbank (EZB) hinterlegen. Vorerst bekommen die Banken noch Notkredite (ELA) der griechischen Notenbank. Dem Vernehmen nach hat der EZB-Rat bislang ein ELA-Volumen von bis zu 65 Milliarden Euro bewilligt.

Die wirtschaftliche Abhängigkeit Griechenlands von Russland geht zurück auf eine lange Tradition. Schon seit den späten Siebzigerjahren haben griechische Premierminister regelmäßig die Nähe zu Moskau gesucht. So traf sich etwa Antonis Samaras, Vorgänger des griechischen Premiers Alexis Tsipras, im Januar 2014 mit Putin in Brüssel – und handelte einen Gas-Rabatt von 15 Prozent aus.

Kommentare (5)

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Herr peter Spirat

08.04.2015, 13:46 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte achten Sie auf unsere Netiquette: „Nicht persönlich werden“ http://www.handelsblatt.com/netiquette

Herr never mind

08.04.2015, 14:01 Uhr

also, wenn ich das richtig verstehe ist die EU sauer weil Herr Tsipras Russland besucht um evtl. Hilfe zu bekommen. Na wenn mich meine Bank sitzen lässt, dann gehe ich eben zu einer anderen bank. Und wenn die andere Bank mir, trotz meiner vielleicht miserablen kreditwürdigkeit, trotzdem einen Kredit gibt, ja dann nehme ich den. Auch wenn meine "normale" Bank dann sauer ist.

Frau Annette Bollmohr

08.04.2015, 14:14 Uhr

Vor gerade mal ein paar Wochen waren Viele wohl noch einigermaßen gespannt, was uns nach den Wahlen in Griechenland denn nun konkret erwarten würde.

Da sind wir aber inzwischen doch schon ein ganzes Stück schlauer.

Wenn man nicht jedesmal nur dazulernen könnte, müsste man wohl sagen:
Leider.

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