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17.09.2014

03:44 Uhr

Vermeintliche Geldwäsche

Russischer Milliardär unter Hausarrest gestellt

Krimineller oder Opfer politisch motivierter Machenschaften? Der russische Milliardär Wladimir Jewtuschenkow, Gründer und Mehrheitseigentümer des Konzerns Sistema, steht wegen Verdachts auf Geldwäsche unter Hausarrest.

Wladimir Jewtuschenkow, russischer Milliardär sowie Gründer und Mehrheitseigentümer des Mischkonzerns Sistema, steht unter dem Verdacht, Geldwäsche betrieben zu haben. Der Fall erinnert Beobachter an Michail Chodorkowski, einst reichster Mann Russlands. Reuters

Wladimir Jewtuschenkow, russischer Milliardär sowie Gründer und Mehrheitseigentümer des Mischkonzerns Sistema, steht unter dem Verdacht, Geldwäsche betrieben zu haben. Der Fall erinnert Beobachter an Michail Chodorkowski, einst reichster Mann Russlands.

MoskauDer russische Milliardär Wladimir Jewtuschenkow ist wegen Verdachts auf Geldwäsche unter Hausarrest gestellt worden. Wie die Ermittlungsbehörde des Landes mitteilte, soll der Gründer und Mehrheitseigentümer des Mischkonzerns Sistema in illegale Machenschaften um Ölanlagen in der Provinz Baschkiria verwickelt sein. Demnach wurde Jewtuschenkow am Dienstag festgenommen und unter Hausarrest gestellt.

Sein Unternehmen hält dort Anteile am Ölkonzern Baschneft. Sistema wies die Vorwürfe als „total gegenstandslos“ zurück und kündigte an, in Berufung zu gehen. Medienberichten zufolge erwog Russlands größte staatliche Ölgesellschaft Rosneft im Juni den Kauf von Baschneft. Einen Monat später wurden Baschneft-Aktien im Zuge von Ermittlungen wegen Geldwäsche eingefroren. Rosneft-Chef Igor Setschin gilt als einflussreicher Vertrauter von Kremlchef Wladimir Putin.

Der Fall Chodorkowski

2003

Der Vorstandsvorsitzende des Ölkonzerns Jukoas, Michail Chodorkowski, wird am 23. Oktober spektakulär bei einer Zwischenlandung seines Privatjets in Nowosibirsk festgenommen. Dem Multimilliardär werden Betrug und Steuerhinterziehung vorgeworfen. Sein Geschäftspartner Platon Lebedew war bereits im Juli verhaftet worden.

2004

In Moskau beginnt am 16. Juni der erste Prozess gegen Chodorkowski und Lebedew. Die Verteidigung wirft dem Kreml eine Steuerung des Verfahrens vor, weil der Jukos-Chef in Opposition zum damaligen Präsidenten Wladimir Putin gegangen sei. Im Dezember wird die größte Jukos-Tochter Yuganskneftegas wird zwangsversteigert.

2005

Chodorkowski und Lebedew werden am 16. Mai unter anderem wegen schweren Betrugs und Bildung einer kriminellen Vereinigung schuldig gesprochen. Am 31. Wird die Strafe verhängt: je neun Jahren Gefängnis verurteilt. Ein Berufungsgericht reduziert die Strafe im September 2005 auf je acht Jahre Haft. Am 18. verabschiedet der US-Senat eine Erklärung, in der er den Prozess gegen Chodorkowski und Lebedew als politisch motiviert kritisiert.

2007

Die Staatsanwaltschaft leitet am 5. Februar eine zweite Anklage gegen Chodorkowski und Lebedew ein - wegen Geldwäsche. Im November wird der Jukos-Konzern wird nach seiner Zerschlagung und dem Verkauf der Teile aus Russlands Handelsregister gelöscht.

2008

Bundeskanzlerin Angela Merkel spricht sich im März bei einem Treffen mit Putin in Moskau für Chodorkowskis Begnadigung aus. Auch andere deutsche Politiker hatten Russland wiederholt zum rechtsstaatlichen Umgang mit den beiden Unternehmern aufgefordert.

2009

In Moskau beginnt am 31. März der zweite Prozess gegen Chodorkowski und Lebedew. Die Verteidigung nennt die Vorwürfe der Unterschlagung von Millionen Tonnen Erdöl „absurd und unlogisch“.

2010

Vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg beginnt die Anhörung ehemaliger Jukos-Eigentümer. Sie fordern von Russland rund 70 Mrd. Euro Schadensersatz, da sie den Verkauf des Konzerns als Betrug ansehen. Im Dezember werden Chodorkowski und Lebedew schuldig gesprochen und zu 14 Jahren Haft verurteilt.

2011

Ein Moskauer Berufungsgericht kommt zu dem Schluss, dass Chodorkowski nur 90 Millionen statt 128 Millionen Tonnen Rohöl unterschlagen habe. Deshalb reduzieren die Richter die Haftstrafe um ein Jahr. Chodorkowski kommt demnach frühestens 2016 frei. Im Dezember gehen Zehntausende nach den Manipulationsvorwürfen bei der Parlamentswahl auf die Straße und fordern den Rücktritt von Regierungschef Putin und die Freilassung politischer Gefangener wie Chodorkowski.

2012

Nach der Wahl Putins zum russischen Präsidenten kündigt der amtierende Staatschef Dimitri Medwedjew im März überraschend an, die Urteile gegen Chodorkowski und andere Oppositionelle überprüfen zu lassen. Doch schon im April lehnt er das Begnadigungsgesuch ab.

2013

Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte verurteilt Russland wegen des Vorgehens gegen Chodorkowski. Wegen eines neuen Gesetzes wurde die Haftstrafe Chodorkowskis um zwei Jahre verringert, weshalb er Mitte 2014 frei gekommen wäre. Chodorkowski selbst sagte Anfang Dezember in einem Interview, er wolle kein Gnadengesuch stellen und forderte weiter einen fairen Prozess. Am 20. Dezember unterschreibt Putin dennoch ein Gnadenerlass. Noch am selben Tag kommt Chodorkowski frei und fliegt nach Deutschland.

2014

Am 5. Januar 2014 wird bekannt, dass Chodorkowski in die Schweiz ausgereist ist. Seine Söhne gehen dort zur Schule. Das Land hat ihm ein Visum für drei Monate ausgestellt. Am 20 September pröäsentiert er in Paris seine „Open Russia“-Initiative, die mit Internetseiten und Aktionen gegen das autoritäre Putin-Russland mobil macht.

Vor diesem Hintergrund zogen einige Beobachter Parallelen zum Fall Michail Chodorkowski. Der einst reichste Mann Russlands saß wegen mutmaßlichen Steuerbetrugs und Geldwäsche mehr als zehn Jahre in Haft, sein Ölkonzern Yukos wurde zerschlagen. Kritiker bezeichneten die Verurteilung des Kremlkritikers jedoch als politisch motiviert. Setschin gilt als Drahtzieher der Festnahme Chodorkowskis im Jahr 2003. Im vergangenen Dezember wurde Chodorkowski überraschend von Putin begnadigt.

Jewtuschenkows Verhaftung „sehe ohne Zweifel nach Yukos Nr. 2 aus“, sagte der Chef der russischen Gewerkschaft der Industriellen, Alexander Schochin laut der Nachrichtenagentur Interfax. Doch Putins Sprecher Dmitri Peskow wies dies als „unrichtig und unbegründet“ zurück.

Von

ap

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