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07.08.2015

16:50 Uhr

Vernichtungsaktion westlicher Produkte

„Die Schweinchen sind dagegen“

Der Kreml gerät wegen der Vernichtung von Tonnen westlicher Lebensmittel unter Druck. Der Widerstand gegen die Aktionen wächst. Ein Kremlsprecher rechtfertigt das Vorgehen mit der Sorge um die Volksgesundheit.

Zwei Abgeordnete der oppositionellen Partei Jabloko baten Kremlchef Wladimir Putin in einem Brief, das verbotene West-Essen an Kinder- und Altenheime zu geben Reuters

Zerstörung illegaler Lebensmittel

Zwei Abgeordnete der oppositionellen Partei Jabloko baten Kremlchef Wladimir Putin in einem Brief, das verbotene West-Essen an Kinder- und Altenheime zu geben

MoskauMehr 310.000 Menschen haben in Russland einen Aufruf an Präsident Wladimir Putin unterschrieben, die Vernichtung westlicher Lebensmittel einzustellen. Die Petition war bereits vor einer Woche gestartet worden, aber Zulauf fand sie vor allem in den letzten Tagen, als Bilder von Bulldozern, die Äpfel und Tomaten plattwalzen, und Berichte über mobile Krematorien zur Verbrennung von Fleischwaren die Runde machten.

„Diese Produkte sind von höchster Qualität“, schrieben dwei Abgeordnete der oppositionellen Partei Jabloko im Stadtrat von St. Petersburg in dem Aufruf und baten Kremlchef Wladimir Putin darin, den umstrittenen Erlass aufzuheben und das verbotene West-Essen an Kinder- und Altenheime zu geben.

Derweil gehen weiter aus dem ganzen Land Erfolgsmeldungen der Landwirtschaftsaufsichtsbehörde RosSelChosNadsor über die Liquidierung von illegalen Lebensmitteln ein. Allein am Donnerstag rapportierte die Behörde die Vernichtung von 319,3 Tonnen an Nahrungsmitteln. Am Freitag setzten sich die „Strafmaßnahmen“ gegen die sanktionierten Produkte fort.

Die Auswirkungen der Russland-Sanktionen auf deutsche Branchen

Maschinenbau

Der wichtige Industriezweig leidet besonders stark unter dem Einbruch des Russland-Geschäfts – denn die Branche ist für mehr als ein Fünftel (2014: 22 Prozent) aller deutschen Ausfuhren in das Riesenreich verantwortlich. 2014 brachen sie um 17 Prozent ein. Damit ging Geschäft im Volumen von 1,3 Milliarden Euro verloren. Russland fiel damit in der Rangliste der wichtigsten Abnehmerländer auf Rang zehn zurück. 2013 war das Land noch der viertgrößte Absatzmarkt für den deutschen Maschinenbau. In diesem Jahr setzt sich der Trend fort: Allein bis Mai gingen die Exporte um 30 Prozent zurück.

Elektroindustrie

Die deutsche Elektroindustrie hat 2014 soviel Waren ins Ausland geliefert wie nie. Insgesamt kletterten die Exporte um 4,9 Prozent auf den Rekordwert von 165,5 Milliarden Euro. Und das, obwohl das Russland-Geschäft um 1,2 Milliarden Euro geringer ausfiel als 2013 – und damit die mit Abstand größte Belastung des Exportwachstums der Branche war.

Auto

Der russische Automarkt brach im vergangenen Jahr um zehn Prozent ein. Das trifft nicht alle deutschen Hersteller gleichermaßen. Für Daimler ist Russland nur ein vergleichsweise kleiner Markt. Europas größter Autobauer Volkswagen muss dagegen spürbare finanzielle Einschnitte in Kauf nehmen. Der Autobauer Opel stellt wegen der Absatzkrise sein Geschäft auf dem einstigen Hoffnungsmarkt bis zum Jahresende komplett ein.

Textilien

Gelitten hat auch die deutsche Textilindustrie. Der Gesamtverband Textil und Mode spricht von einem Exportminus von zwölf Prozent. Für den Hemdenhersteller Olymp ist Russland inzwischen nur noch der zweitgrößte Markt. Dem Hemdenhersteller macht unter anderem der schwache Rubel zu schaffen, der seine Produkte vergleichsweise teurer macht.

Nahrungsmittel

Russland galt lange als wichtigster Absatzmarkt für deutsche Agrar- und Lebensmittelexporteure außerhalb der EU. Schon vor den Sanktionen erschwerten nach Angaben des Verbandes BVE aufwendige Einfuhrvorschriften sowie Handelshemmnisse und Betriebssperrungen das Exportgeschäft. Nun schätzt der Präsident des Deutschen Bauernverbandes, Joachim Rukwied, den Schaden durch die Sanktionen allein für die deutsche Landwirtschaft auf 600 bis 800 Millionen Euro. „Russland war einer unserer drei größten Exportmärkte, und der ist praktisch weggebrochen“, sagte Rukwied dem „Tagesspiegel“ (Donnerstag).

Der russische Verbraucherschutz sah sich zu einer öffentlichen Rechtfertigung genötigt. Die umstrittene Maßnahme entspreche weltweiter Praxis, meinte die Behördenleiterin Anna Popowa in der Zeitung „Rossijskaja Gaseta“ (Freitag). Russland hatte am Vortag begonnen, Hunderte Tonnen Lebensmittel zu verbrennen, die unter ein Embargo für Essen aus der EU und den USA fallen. Am ersten Tag wurden nach Angaben der Agraraufsicht insgesamt mehr als 300 Tonnen Fleisch, Fisch, Milchprodukte, Obst und Gemüse zerstört.

Popowa verwies auf den Lebensmittelkodex der Welternährungsorganisation, wonach Nahrung beim Import in ein Land mit umfassenden Informationen ausgestattet sein muss. „Sanktionierte Produkte mit Dokumenten einzuführen, die ihre Qualität und Sicherheit bestätigen, ist unmöglich“, sagte sie. Ohne Zertifikate und Papiere ins Land geschmuggeltes Essen werde vernichtet, denn es stelle eine Gesundheitsgefährdung dar, behauptete sie.

Ähnlich äußerte sich auch Kremlsprecher Dmitri Peskow: „Zweifellos sieht das äußerlich nicht besonders angenehm aus, aber bei näherer Betrachtung geht es um reine Schmuggelware ohne Zertifikate. Niemand garantiert, dass die Produkte, die sogar appetitlich aussehen können, nicht gesundheitsgefährdend sind“, sagte er. Für den Kreml sei die Sorge um die Gesundheit der Bürger bei der Vernichtung der Schmuggelwware mindestens ebenso wichtig wie die Durchsetzung der wirtschaftlichen Interessen Russlands, versicherte er.

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Teure Milch, leere Regale, russischer Parmesan: „Die Produkte im Laden sehen gut aus – bis du sie probierst“, sagt Eva Mala. Die Bloggerin hat 365 Tage Importstopp dokumentiert – und wurde auf ihrer Reise oft überrascht.

Die Vernichtungsaktion war von der russischen Regierung beschlossen worden, nachdem westliche Lebensmittel weiterhin in den russischen Regalen zu finden gewesen waren. Trotz Einfuhrstopps, den Putin als als Antwort auf die vom Westen verhängten Sanktionen, in Kraft gesetzt hatte.

Kommentare (2)

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Herr walter danielis

07.08.2015, 15:41 Uhr

Hallo Herr Osstendorf, noch nichts von unseren Biogasanlagen gehört?
Millionen Tonnen Weizen, Mais , usw. werden verheizt. Da machen wir unseren Biostrom.Da fallen die paar Tonnen in Rußland nicht ins Gewicht.

Herr Vitto Queri

07.08.2015, 16:56 Uhr

>> „Diese Produkte sind von höchster Qualität“, schrieben zwei Abgeordnete der oppositionellen Partei Jabloko >>

Wie kann eine Schmuggelware, die keinerlei Zertifizierungspflichten obliegt , höchster Qualität sein ?

Die Russen machen es absolut richtig : Lebensmittel, die keiner Kontrolle unterzogen sind und dazu noch Schmuggelware darstellen, gehören VERNICHTET !

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