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09.06.2015

08:37 Uhr

Verschwendung in Frankreich

Für 19.000 Euro zum Plausch mit Platini

VonThomas Hanke

Der Leidenschaft nachgegeben, nicht nachgedacht - und erwischt: Manuel Valls stolpert nicht etwa über eine Amour Fou. Die Franzosen fragen sich, warum ihr Premier im Regierungsjet zum Champions League-Finale flog.

Angeregte Gespräche vor einem wichtigen Fußballspiel: Uefa-Präsident Michel Platini (links) mit dem französischen Premierminister Valls (zweiter von rechts). Die Franzosen fragen sich: War das ein offizieller Termin für den Premier oder ein Spaßausflug auf Staatskosten? Reuters

UEFA Champions League Final

Angeregte Gespräche vor einem wichtigen Fußballspiel: Uefa-Präsident Michel Platini (links) mit dem französischen Premierminister Valls (zweiter von rechts). Die Franzosen fragen sich: War das ein offizieller Termin für den Premier oder ein Spaßausflug auf Staatskosten?

Paris„Seien wir stolz darauf, links zu sein, seien wir stolz darauf, Sozialisten zu sein“, rief der französische Premier Manuel Valls am vergangenen Samstag seinen Parteifreunden beim Kongress in Poitiers zu – und stieg kurz darauf in einen Falcon Business-Jet, um zum Champions League Finale nach Berlin zu düsen.

Dort schaute der Fußballfan aus Frankreich nicht nur das Endspiel zwischen Juventus Turin (Italien) und FC Barcelona (Spanien), das die Katalanen 3:1 gewannen. Er traf zudem auf einen weiteren wichtigen Franzosen, der aktuell nach Höherem strebt: Michel Platini, der schon Präsident des europäischen Fußballverbandes Uefa ist und als Nachfolgekandidat für Fifa-Präsident Sepp Blatter gilt.

Da gilt es natürlich, Unterstützung unter Franzosen zu signalisieren. Das Problem dieses Kurztrips war jedoch: Das Executive-Flugzeug, mit dem der französische Premier flog, gehört der Regierung. Und weder Valls noch seine Berater haben sich die Frage gestellt, wie diese Reise wohl bei den einfachen Franzosen ankommt.

Finale der Champions League: Promis, Privatjets, letzte Tickets

Stadion-Besucher

Im Olympiastadion sitzen jeweils etwa 20 000 Fans aus Barcelona und Turin. Weitere 6000 Eintrittskarten gingen in den freien Verkauf und wurden verlost. 25 000 Besucher erhielten ihre Karten direkt von der Uefa. Dazu gehören internationale Fußball-Funktionäre, Manager der Sponsorfirmen, deutsche Sportfunktionäre und Politiker. (Quelle: dpa)

Eintrittskarten

Im Internet wurden am Donnerstag noch Karten für Preise zwischen 1000 und rund 4000 Euro angeboten. Zwei Karten inklusive Hotelübernachtung gab es für 15 000 Euro. Alle Eintrittskarten gelten als Fahrkarten für S- und U-Bahnen.

Prominente

Bundespräsident Joachim Gauck ist einer der hochrangigsten Zuschauer. Berlin wird vom Regierenden Bürgermeister Michael Müller (SPD) vertreten. Unter den Prominenten ist auch der Startenor Jose Carreras, der ein Fan seines Heimatclubs FC Barcelona ist und mit seinem Sohn Albert nach Berlin kommt. „Da mein nächstes Konzert erst in acht Tagen ist, kann ich ruhig auch einmal laut jubeln”, wird Carreras zitiert. Sein Tipp: 3:1 für Barcelona. Auch die Pop-Sängerin Shakira wird erwartet. Sie ist die Ehefrau von Barcelona-Abwehrspieler Gerard Piqué und lässt sich kaum ein wichtiges Spiel entgehen.

Linienflüge

Mit Sonderflügen aus dem Ausland kommen etwa 25 000 Besucher des Fußballspiels nach Berlin. Von Donnerstag bis Samstag landen etwa 180 zusätzliche Flüge auf den Berliner Flughäfen.

Privatjets

Zusätzlich werden zahlreiche weitere Charter- und Firmenjets erwartet. Eine Charterfirma für Privatjets hat allein 40 Flüge nach Berlin angekündigt. Die meisten dieser teuren Flüge für reiche Privatkunden oder Firmen-Manager starten nicht in Turin oder Barcelona, sondern in London und Moskau. Der Flughafen Schönefeld fungiert besonders am Samstag als großer Flugzeugparkplatz.

Übertragung

Zahlreiche Berliner Kneipen und Biergärten übertragen das Spiel. Darunter so bekannte Fußballtreffpunkte wie die Magnet Bar in der Veteranenstraße in Mitte oder das Lido in Kreuzberg, wohin das Magazin „Elf Freunde” einlädt. 700 Zuschauerplätze gibt es beim Berliner Fanclub vom FC Barcelona, der Penya Barcelonista Berlín Culé (PBBC), der in und am Kino Zukunft in Berlin-Friedrichshain feiert.

Fan-Feste

Je 25 000 Barcelona- und Juve-Fans werden am Samstag tagsüber am Breitscheidplatz und am Alexanderplatz zum Vorfeiern erwartet. Am Abend werden viele von ihnen die S-Bahnen stürmen, um zum Stadion zu fahren. Ein Teil der Sieger-Fans fliegt nach dem Spiel schnell zurück in ihre Heimatländer. Die anderen feiern die Nacht in Berlin.

Sicherheit

Die Berliner Polizei will besonders die Juventus-Fans im Auge behalten. Einige Gruppierungen gelten als Ultras, besonders fanatisch auftretende Anhänger, die auch Feuerwerkskörper zünden und vor Schlägereien nicht zurückschrecken. Insgesamt sind mehr als 1000 Polizisten im Einsatz.

Fernsehen

Der Bezahlsender Sky will nach der erfolgreichen Übertragung des DFB-Pokalendspiels auch das Champions-League-Finale im besonders scharfen Ultra-HD übertragen. Dafür werden mehr als ein Dutzend Sportbars mit Ultra-HD-fähigen Fernsehgeräten in Bildschirmdiagonalen von 65 und 78 Zoll ausgestattet. Bei Ultra-HD bietet das Bild viermal mehr Bildpunkte. Das Stadion wurde dafür mit elf entsprechenden Kameras ausgestattet. Das ZDF überträgt als öffentlich-rechtlicher Sender die Partie ebenfalls live. Ein offizielles Public Viewing gibt es in der Hauptstadt nicht.

Radio

Als einziger deutscher Radiosender überträgt das Berliner RBB-Inforadio das Endspiel live. Die Reporter Nikolaus Hillmann und Dirk Walsdorff melden sich um 20.00 Uhr aus dem Olympiastadion.

Verkehr

Besonders rund um den Kudamm und das Brandenburger Tor sind wegen der Fan-Feste und der Uefa-Meile Straßen gesperrt. Staus sind programmiert.

Medien

1800 TV-Mitarbeiter sorgen für die Übertragungen. 550 schreibende Journalisten sind akkreditiert, dazu 200 Fotografen.

Sie hätten es wissen können, und inzwischen bedauern sie wohl ihre Ignoranz. Valls und Co. haben nicht in Rechnung gestellt, dass Frankreich sich ändert. Früher interessierte es niemanden, ob ein Politiker mit dem Staatsflieger zu einem Krisentreffen oder in den Urlaub flog.

Als Bernadette Chirac, die Frau des früheren Staatspräsidenten Jacques Chirac, bei einem Essen in Berlin von einem deutschen Politiker darüber aufgeklärt wurde, dass auch der Bundeskanzler keine Privatreisen mit der Luftwaffe machen oder seine Familien gratis mitnehmen darf, rief sie empört aus: „Aber das ist ja unglaublich, das müssen sie ändern!“

Geändert hat sich etwas, allerdings in Frankreich. Schon am Samstag fragten französische Kollegen den Premier, warum er denn nach Berlin fliege. „UEFA-Präsident Michel Platini hat mich eingeladen, und außerdem sehe ich mir ein schönes Spiel an“, plauderte Valls ganz unbefangen los.

Parteitag der PS: Orkan Valls fegt über Frankreichs Sozialisten

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Die französischen Sozialisten sind in Katerstimmung. Doch Premier Valls schafft es mit einem bemerkenswerten Auftritt, den Kleinmut wegzublasen. Damit bringt er sich bereits als Hollande-Nachfoger in Stellung.

Erst als die Frage kam, wer denn bezahle, fiel wohl der Groschen bei ihm. „Das ist eine unnötige Diskussion, die werde ich nicht führen,“ fertigte der Sozialist den Frager ab. Doch so einfach ist es nicht mehr. Valls‘ Reise, die den Steuerzahler rund 19.000 Euro gekostet haben soll, ist zum Politikum geworden. Am Montag war sie in allen großen Nachrichtensendungen eine der Top-Meldungen.

Kommentare (6)

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Herr Jürgen Bertram

09.06.2015, 09:14 Uhr

typisch für Sozialisten: bezahlen müssen immer die Anderen

Account gelöscht!

09.06.2015, 10:50 Uhr

Valls gesamter Werdegang war mit krummen Geschäften verbunden. Das ist bei den ROTEN Socken in D auch der Fall.

Herr Manfred Zimmer

09.06.2015, 11:04 Uhr

Zugegeben, 19.000 € sind zuviel. Aber was sind 19.000 € gegen 100 Millionen € für ein Schwätzchen zum "G7-Gipfel".

Ich hoffe, dass wir uns einig sind, dass dieser sogenannte "G7-Gipfel" zwar "der Gipfel" aber kein Gipfel war. Das kann man ja sehen wie man will. Aber man muss sich auch in die Position der Polizisten denken, die dahin beordert wurden, Zusatzschichten schoben und das für "Ergebnisse", die die dort tagenden Politiker der Generation aufbürdeten, die noch nicht einmal geboren wurden.

Frau Merkel sprach u.a. vom Ende des Jahrhunderts!

Leeren konnten die Phrasen nicht formuliert werden.

Wenn Medien in den Ergebnissen anderes lesen (wollen), dann sollten sie sich mit dem Vorwurf "Lügenpresse" und der Herkunft dieses Spruchs mehr auseinandersetzen.

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