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10.02.2006

08:11 Uhr

Versorgungssicherheit

Gas-Engpass alarmiert Europäer

Führende Industriestaaten erhöhen den Druck auf Russland, zusätzliche Garantien für eine sichere Energieversorgung zu geben. Auf dem morgen beginnenden G8-Finanzministertreffen in Moskau wollen sie den Kreml dazu drängen, die 1998 in Kraft getretene Energiecharta zu ratifizieren. Sie regelt unter anderem einen verlässlichen Gastransfer durch Pipelines.

Lieferanteil an der Russichen Leitung. Für eine größere Ansicht klicken Sie bitte auf das Pluszeichen.

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HB MOSKAU. Anlass für die Initiative sind neu aufgeflammte Ängste in Westeuropa, dass Russland nicht genügend Gas liefert. Der größte deutsche Importeur, Eon Ruhrgas, bestätigte gestern, dass es bei den Lieferungen erneut Engpässe gibt. Der Versorger Eni stellt sich darauf ein, für den italienischen Gasmarkt die höchste Alarmstufe auszurufen.

Ein Sprecher des französischen Finanzministers Thierry Breton sagte dem Handelsblatt, die G7-Staaten Frankreich, Großbritannien, Italien und Deutschland wünschten eine Ratifizierung der Energiecharta durch Moskau, weil damit „auch eine Öffnung des russischen Gasnetzes verbunden wäre“. Die inzwischen von rund 50 Ländern unterzeichnete Charta verpflichtet die Mitglieder, für einen freien Energietransit zu sorgen. Reichen die Transportkapazitäten nicht aus, dürfen die Mitglieder ausländische Investoren, die neue Pipelines bauen wollen, nicht behindern. Außerdem soll ein Schiedsgericht über Konflikte wie den zum Jahresbeginn eskalierten Preisstreit zwischen Russland und der Ukraine entscheiden.

Russlands Finanzminister Alexej Kudrin zeigte sich vor dem G8-Treffen zwar bereit, in Moskau über Infrastrukturprojekte wie den Bau neuer Pipelines oder Flüssiggas-Terminals zu diskutieren. Außerdem regte er an, die Förderländer sollten ein einheitliches Messsystem für ihre Erdöl- und Erdgasvorkommen vereinbaren, um die Prognosen auf den Energiemärkten zu verbessern. Obwohl Moskau die Energiesicherheit zum wichtigsten Thema seiner G8-Präsidentschaft erklärt hat, rechnen Experten aber nicht damit, dass Russland am Wochenende seinen Widerstand gegen eine Ratifizierung der Energiecharta aufgibt. Die Ratifizierung würde bedeuten, dass Moskau seine Kontrolle der Gasförderstaaten Kasachstan, Turkmenistan und Usbekistan aufgibt. Diese zentralasiatischen Staaten können ihre Energie wegen mangelnder Pipeline-Alternativen nur an Russland liefern. „Diesen Wettbewerbsvorteil wird Russland von sich aus nicht aufgeben“, sagte Alexander Dynkin vom Moskauer Institut für Weltwirtschaft und internationale Beziehungen. Präsident Wladimir Putin erklärte gestern nur: „Wir sind ein zuverlässiger Lieferant und haben nie europäischen Abnehmern die Lieferungen gekürzt.“

Tatsächlich aber hat der Gasstreit zwischen Moskau und Kiew bereits Anfang dieses Jahres auch in Westeuropa zu Liefereinschränkungen geführt. Kanzlerin Angela Merkel und führende Politiker forderten die Konfliktparteien damals auf, ihre Liefer- und Transportverpflichtungen einzuhalten. Obwohl Russland und die Ukraine den Streit beigelegt haben, zapft die Ukraine auf ihrem Territorium wieder deutlich mehr russisches Transitgas ab, als dem Land vertraglich zusteht – das räumt auch der ukrainische Energieminister Iwan Platschkow ein. Diese Sonderabzweigungen und die neue Kältewelle sind die entscheidenden Gründe für die aktuellen Lieferengpässe in Westeuropa.

Eon Ruhrgas teilte am Donnerstag mit, der Konzern habe die Gaslieferungen an Kraftwerke und industrielle Großkunden gedrosselt, die ihre Anlagen auch mit Öl betreiben könnten. Diese „Vorsorgemaßnahme“ sei notwendig, um auch künftig eine zuverlässige Versorgung der Kunden zu gewährleisten. Gleichzeitig wies das Unternehmen Berichte als „übertrieben“ zurück, wonach bei Eon Ruhrgas das Gas knapp werde.

Während der Essener Konzern die Lage in Deutschland wegen ausreichender Speichervorräte noch nicht für kritisch hält, spitzt sich die Situation auf dem italienischen Gasmarkt dramatisch zu. Dort bleiben die Importe aus Russland seit Wochen hinter den Bestellungen zurück. Zuletzt meldete der größte italienische Versorger, Eni, ein Minus von 13,5 Prozent. In der Nacht zu heute erwartet das Unternehmen sogar ein Minus von 16,5 Prozent. „Wenn die Kälteperiode noch weitere 15 Tage lang anhält, muss für Italiens Gasmarkt die ,Alarmstufe rot’ ausgegeben werden“, sagte Eni-Chef Paolo Scaroni. Italiens Regierung hat die Bürger bereits aufgefordert, die Heizungen eine Stunde am Tag auszuschalten.

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