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02.05.2013

20:28 Uhr

Verurteilung wegen „feindlicher Akte“

Nordkorea schickt US-Bürger 15 Jahre ins Arbeitslager

Neuer Zündstoff zwischen Washington und Pjöngjang: Erneut wird ein US-Bürger in Nordkorea zu Zwangsarbeit verurteilt. Er soll das Regime zu stürzen versucht haben. Sorgen bereitet auch ein neuer Atomreaktor in Nordkorea.

Kim Jong Un und sein Militär verurteilen einen US-Touristen zu Arbeitslager. dpa

Kim Jong Un und sein Militär verurteilen einen US-Touristen zu Arbeitslager.

SeoulInmitten der schweren Spannungen um Nordkoreas Atomprogramm hat das oberste Gericht des Landes einen US-Bürger wegen angeblicher Umsturzversuche zu 15 Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Der vor sechs Monaten in Nordkorea festgenommene Amerikaner Pae Jun Ho wurde „feindseliger Handlungen gegen die Volksrepublik“ schuldig gesprochen, wie die Staatsmedien am Donnerstag berichteten. Unterdessen schilderten Experten, dass Nordkorea schon bald einen neuen Reaktor in seiner umstrittenen Atomanlage in Yongbyon in Betrieb nehmen könnte.

Der Fall Pae, der in den USA Kenneth Bae genannt wird, belastet zusätzlich die ohnehin angespannten Beziehungen zwischen beiden Ländern. Das US-Außenministerium forderte eine sofortige Amnestie für den Verurteilten. Dabei verwies Außenamtssprecher Patrick Ventrell auf mangelnde Transparenz in diesem Fall wie im gesamten nordkoreanischen Rechtssystem. Beobachter schlossen nicht aus, dass Pjöngjang den Amerikaner eventuell als Verhandlungskarte nutzen und den Besuch eines US-Gesandten erzwingen könnte.

Nordkorea und seine Rakete

Was deutet auf einen bevorstehenden Test hin?

Das südkoreanische Verteidigungsministerium hat Geheimdienstberichte bestätigt, wonach Nordkorea mindestens eine Mittelstreckenrakete mit dem Zug an die Ostküste des Landes transportiert habe. Die Rakete wurde demnach bereits auf eine mobile Abschussvorrichtung montiert. Südkoreanische Medien berichteten, dass zwei Raketen an die Küste gebracht wurden.

Um was für Raketen handelt es sich?

Dazu äußerte sich das südkoreanische Verteidigungsministerium nicht genau. Es sprach lediglich von einer Mittelstreckenrakete mit "erheblicher Reichweite". Südkoreanische Medien berichteten unter Berufung auf Militär- und Regierungsvertreter, es handele sich um Raketen des Typs Mudusan.

Was ist über die Mudusan-Rakete bekannt?

Dieser Raketentyp wurde erstmals im Oktober 2010 bei einer Militärparade in Pjöngjang präsentiert. Die Sicherheitsberatungsfirma IHS Jane's ist der Ansicht, dass es sich um eine Mittelstreckenrakete mit einem einzelnen Sprengkopf handelt, die auf der Straße transportiert werden kann und mit flüssigem Treibstoff betrieben wird. Sie basiere auf der russischen R-27 und nutze auch Technik von Raketen des Typs Scud.

Welche Reichweite und Tragfähigkeit hat die Rakete?

Den Sicherheitsexperten zufolge kann die Rakete 2500 bis 4000 Kilometer weit fliegen. Damit könnte sie von Nordkorea aus mindestens Südkorea und Japan erreichen, möglicherweise aber auch US-Militärstützpunkte auf der Pazifikinsel Guam.

Kann die Rakete Nuklearsprengköpfe transportieren?

Das ist theoretisch möglich. Die meisten Experten sind allerdings der Ansicht, dass Nordkorea bislang nicht über die nötige Technologie verfügt, um Nuklearsprengköpfe auf Raketen zu montieren.

Gibt es Experten, die diesen Beschreibungen widersprechen?

Ja, und zwar zwei deutsche Experten. Markus Schiller und Robert Schmucker aus München sind der Ansicht, dass es die Mudusan-Rakete gar nicht gibt. Das im Oktober 2012 vorgeführte Modell sei lediglich eine Attrappe gewesen. Zwar sei ein Raketentest durchaus vorstellbar, meinen die beiden Experten. Doch dann würde höchstwahrscheinlich ein ausländisches Modell verwendet und kein in Nordkorea hergestelltes.

In den vergangenen Jahren hatte es wiederholt Festnahmen von US-Bürgern in dem weithin abgeschotteten Land gegeben. Sie wurden nach Vermittlungen durch hochrangige amerikanische Gesandte wieder freigelassen.

Was dem Amerikaner koreanischer Herkunft im Detail zur Last gelegt wird, blieb unklar. Südkoreanische Medien hatten berichtet, Pae arbeite als Reiseleiter. Bei seiner Einreise mit einer Gruppe europäischer Touristen im vergangenen November in Rason im nördlichen Teil Nordkoreas sei er festgenommen worden. Bei der Gruppe sei eine Computer-Festplatte gefunden worden.

Auch wurde berichtet, Pae habe bettelnde Kinder im verarmten Nordkorea gefilmt. Laut US-Medienberichten hatte er Verbindungen zu einer Bewegung protestantischer Christen.

Ex-Präsident Jimmy Carter stehe bereit, um erneut als Vermittler nach Pjöngjang zu reisen, berichtete die südkoreanische Nachrichtenagentur Yonhap unter Berufung auf Diplomaten in Washington. Dabei wolle Carter sich nicht nur für die Freilassung von Bae einsetzen, sondern auch auf eine Wiederaufnahme des Dialogs beider Länder hinarbeiten.

Im August 2010 hatte Carter bei einem Besuch in Nordkorea die Freilassung eines inhaftierten Landsmannes erreicht, der wegen unerlaubter Einreise zu acht Jahren Zwangsarbeit verurteilt worden war. Im Juni 1994 hatte Carter mit Billigung der US-Regierung Nordkorea besucht, um im Atomkonflikt zu vermitteln.

Nordkoreas Verbündete

China

Die Volksrepublik ist mit Abstand Nordkoreas größter Exportpartner. Nicht in den Statistiken tauchen umfangreiche Nahrungsmittel- und Energiehilfen auf. Peking hat mehr Einfluss auf Pjöngjang als jeder andere Staat. Allerdings hat auch China Nordkoreas dritten Atomtest verurteilt und den jüngsten Sanktionen des UN-Sicherheitsrats zugestimmt - das zeigt die Verärgerung über den jungen Machthaber Kim Jong Un.

Als Gastgeber organisierte Peking mehrere Runden der Sechs-Parteien-Gespräche zwischen Nordkorea, China, den USA, Südkorea, Japan und Russland. Für ein Ende des Atomwaffenprogramms standen diplomatische Zugeständnisse und Wirtschaftshilfen in Aussicht. Doch Nordkorea ließ die Verhandlungen 2009 platzen und setzt bis heute allein auf Konfrontation.

Iran

Nordkorea ist seit Jahren ein wichtiger Waffenlieferant für Teheran. Nach Angaben der Vereinten Nationen exportierte Pjöngjang auch für Atom-Sprengköpfe geeignete Raketen in den Iran. 2012 vereinbarten das Mullah-Regime und die kommunistische Diktatur eine noch engere Zusammenarbeit. Zu diesem Zweck unterzeichneten Vertreter beider Länder mehrere Kooperationsabkommen im Technologiebereich. Konkret geht es um Energie, Umwelt, Landwirtschaft und Lebensmittel, eine engere Zusammenarbeit bei der Forschung sowie um Austauschprogramme für Studenten.

Russland

Pjöngjang steht in Moskau noch aus sowjetischer Zeit mit rund elf Milliarden US-Dollar in der Kreide. Das Verhältnis der einst engen Verbündeten hat sich in den vergangenen Jahren deutlich abgekühlt. Noch im Sommer 2011 wollten der damalige Kremlchef Dmitri Medwedew und der bereits von Krankheit geschwächte nordkoreanische Machthaber Kim Jong Il neuen Schwung in die Beziehungen bringen. Sie kündeten zahlreiche gemeinsame Projekte an, doch blieb es meist bei Absichtserklärungen. So scheiterte auch der Bau einer Pipeline, die russisches Erdgas über nordkoreanisches Gebiet nach Südkorea transportieren sollte.

Kuba

Nordkorea und Kuba kooperieren unter anderem in den Bereichen Energie, Landwirtschaft und Biotechnologie. Seit 1960 gibt es diplomatische Beziehungen zwischen Havanna und Pjöngjang. Auf den Tod des „Genossen Kim Jong Il“ im Dezember 2011 reagierte Kubas Regierung mit einer dreitägigen Staatstrauer.

Der Streit um Nordkoreas Atomprogramm hatte sich zuletzt zugespitzt. Angesichts der Ausweitung von UN-Sanktionen wegen seines dritten Atomtests im Februar hatte Pjöngjang den USA mit einem Atomschlag gedroht und den „Kriegszustand“ mit Südkorea ausgerufen.

Das US-Korea-Institut an der Johns-Hopkins-Universität vermutet, dass der nordkoreanische „experimentelle Leichtwasserreaktor“ (ELWR) in Yongbyon kurz vor der Fertigstellung steht. Satellitenbilder hätten gezeigt, dass die letzten Außenarbeiten an dem Reaktor ausführt werden, hieß es auf der Website „38 North“ des Instituts.

Die wichtigsten Fragen zu den Provokationen von Nordkorea

Wann ist rote Linie für Südkorea überschritten?

Militärisch dürfte das der Fall sein, wenn Nordkorea das Nachbarland mit Waffengewalt provozieren sollte. Südkoreas Präsidentin Park Geun Hye hat die Streitkräfte angewiesen, „ohne Rücksicht auf politische Erwägungen“ auf Provokationen des Nordens prompt und strikt zu reagieren. Sie wolle sich dabei ganz auf das Urteilsvermögen des Militärs verlassen.

Wo könnte es zur militärischen Konfrontation kommen?

Als Spannungsgebiet gilt etwa die umstrittene Seegrenze im Gelben Meer, wo es schon in den vergangenen Jahren zu Gefechten zwischen Kriegsbooten beider Länder gekommen ist. Auch an der schwer bewachten Landesgrenze kam es seit dem Ende des Korea-Kriegs (1950-53) immer wieder zu Zwischenfällen. Als denkbare Auslöser einer militärischen Konfrontation gelten das Eindringen nordkoreanischer Marineschiffe in die von Südkorea beanspruchten Gewässer oder etwa der Aufmarsch nordkoreanischer Soldaten in der sogenannten gemeinsamen Sicherheitszone im Waffenstillstandsort Panmunjom an der Grenze.

Wann ist die rote Linie für Nordkorea überschritten?

Das ist schwer zu sagen. Das Land hat bereits den „Kriegszustand“ im Verhältnis zu Südkorea ausgerufen. Ein Angriffsbefehl blieb bisher aus. Das Regime erklärte angesichts laufender südkoreanisch-amerikanischer Militärübungen, man werde im Falle einer Provokation sofort zurückschlagen. Die Raketeneinheiten seien in ständiger Bereitschaftsstellung. Als Ziele wurden das US-Festland, amerikanische Militärstützpunkte in Hawaii und Guam sowie in Südkorea genannt. Auch drohte Nordkorea mit einem atomaren Präventivschlag.

Was kann passieren, wenn die Spannungen sich verschärfen?

Die größte Sorge ist, dass ein lokal begrenzter militärischer Zwischenfall sehr schnell zu einem Krieg in der Region eskalieren könnte. Die Wahrscheinlichkeit dafür ist heute höher als noch vor einigen Jahren. So warnt etwa die Konfliktforschungsorganisation International Crisis Group: „Nordkorea hat zuletzt eine Reihe von Schritten unternommen, die das Risiko von Fehleinschätzungen, unbeabsichtigter Eskalation und eines tödlichen Konflikts erhöhen.“

Wie wird die militärische Stärke Nordkoreas eingeschätzt?

Nordkorea verfügt nach Ansicht von Experten nicht über die technischen Mittel, das US-Festland mit Langstreckenraketen anzugreifen. Doch ein Angriff mit Mittelstreckenraketen etwa auf die US-Truppen in Südkorea oder Militärstützpunkte in Japan läge durchaus im Bereich des Möglichen. Ferner kann das Land mit seinen Raketen Ziele in ganz Südkorea erreichen. Als besonders gefährdet gilt dabei die Millionenmetropole Seoul, die nur etwa 50 Kilometer von der Grenze entfernt und damit in Reichweite Tausender von nordkoreanischen Artilleriegeschützen liegt.

Wie groß ist der Einfluss Chinas?

Er wird zunehmend kleiner. Trotz der historischen Freundschaft sehen Experten eine spürbare Entfremdung. China ist frustriert, dass Nordkorea seine politische und wirtschaftliche Schützenhilfe nicht zu schätzen weiß. Es herrscht Verärgerung über den neuerlichen Atomtest, den Nordkorea trotz massiver chinesischer Intervention vorgenommen hat. Anders als Kim Jong Un hatte der frühere Militärmachthaber Kim Jong Il zumindest noch Respekt gegenüber China gezeigt. Peking empfindet den jungen Führer als schwierig, hat ihn bisher auch nicht zu einem Besuch eingeladen.

Hat sich Chinas Politik gegenüber Nordkorea geändert?

Indem China die UN-Resolutionen mit Sanktionen gegen Nordkorea unterstützt hat, verstärkt Peking den Druck auf Pjöngjang. Trotzdem ist eine grundsätzliche Kehrtwende in Chinas Nordkoreapolitik noch nicht erkennbar. Der große Nachbar leistet weiter wirtschaftliche Unterstützung für das verarmte Land und will es von notwendigen Reformen überzeugen.

Welche Beweggründe hat Peking?

China fürchtet, dass ein Zusammenbruch Nordkoreas zu einer Destabilisierung der Lage auf der koreanischen Halbinsel führen könnte – oder gar zu einem Krieg. Die Konsequenz wären große Flüchtlingsströme. Außerdem gibt es Sorgen um die Atomanlagen. Für China dient Nordkorea auch als eine Art strategischer Puffer, weil bei einer Wiedervereinigung oder Übernahme Nordkoreas durch den Süden amerikanische Truppen an Chinas Nordgrenze stehen könnten.

Wie reagiert Russland auf die Vorgänge im Nachbarland Nordkorea?

Seine Truppenpräsenz an der Grenze mit Nordkorea hat Russland bereits demonstrativ verstärkt. Eine militärische Lösung des Konflikts lehnt Moskau aber ab. Vielmehr will das Riesenreich die Verhandlungen der Sechser-Gruppe (Nord- und Südkorea, China, Japan, Russland und die USA) wieder anschieben und das Problem diplomatisch lösen. Moskau fordert von Pjöngjang die Beendigung des Atomprogramms und die Rückkehr in den Atomwaffensperrvertrag. „Der Atomstatus Nordkoreas ist für uns unannehmbar“, betont Kremlchef Wladimir Putin.

Zwar scheine es, dass der Reaktor in erster Linie der Stromerzeugung dienen solle. Doch sei auch die Produktion von Plutonium zum Bau von Atomwaffen möglich. Falls Nordkorea über den nötigen Kernbrennstoff verfüge, könnte die Startphase bereits in den nächsten Wochen beginnen. In der Anlage zur Urananreicherung in Yongbyon könnte Nordkorea bereits ausreichend niedrig angereichertes Material produziert haben, um den Reaktor damit mehrere Jahre zu betreiben. Das sei jedoch unklar.

Von

dpa

Kommentare (5)

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Frank3

02.05.2013, 07:08 Uhr

Nordkorea VERSTEHT SCHACHSPIELEN .

Frank Frädrich

jonas

02.05.2013, 07:46 Uhr

Dort hat man ja jetzt als Tourist auch nichts verloren. Es gibt doch wirklich sicherere und vor allem auch schönere Tourismusziele.

Heidi

02.05.2013, 08:49 Uhr

Och - wahrscheinlich eh ein CIA-Agent den man gezielt bei den Nordkoreanern zwischengelagert hat damit die USA nach einem entsprechenden "Befreiungsdeal" als die großen Humanitären dastehen...
Ein normalintelligenter Mensch macht doch sowo nicht Urlaub - außer vielleicht er ist Mitglied der Linkspartei, der Grünen oder einer vergleichbaren Partei...

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