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02.07.2015

17:13 Uhr

Verzweifelter Brief eines Griechen

„Mir fehlt die Kraft, gegen den Wahnsinn zu kämpfen“

Er weiß nicht weiter, sorgt sich um seine Familie und sein Land: Ein Grieche schreibt in seinem Brief über seine Verzweiflung – und greift seine Regierung scharf an. Das Handelsblatt veröffentlicht den bewegenden Appell.

In Griechenland und Deutschland aufgewachsen ringt der Autor um die Zukunft seines Landes.

Verzweifelte Worte

In Griechenland und Deutschland aufgewachsen ringt der Autor um die Zukunft seines Landes.

Vor einigen Jahren ging der in Deutschland und Griechenland aufgewachsene M. A. zurück in seine Heimat, um sich dort eine Existenz als Anwalt aufzubauen. Mit seiner griechischen Ehefrau hat er einen kleinen Sohn. Aus einem am Donnerstag an seine Freunde gesandten Brief spricht große Sorge um die Zukunft seines Landes. Handelsblatt Online veröffentlicht den bewegenden Appell. Der Verfasser hat sich aber ausbedungen, anonym zu bleiben: „Sonst wird es gefährlich für mich und meine Familie.“

„Ich bin wirklich verzweifelt und weiß nicht mehr weiter. Ich habe gestern Nacht viele SMS an meine Freunde geschickt, um sie zu motivieren, zu den Pro-Europa-Demonstrationen zu gehen. Aber es scheint alles nichts zu helfen. Ich will wirklich kämpfen. Aber mir fehlt gerade die Kraft, gegen den Wahnsinn anzugehen.

Als Demokrat und Europäer, als Vater und Ehemann, als Mensch zwischen Kampfgeist und Verzweiflung – wie viele Menschen in diesem Land – erlebe ich, was gerade passiert. Es kommt mir vor wie ein nebulöser Traum. Aber es ist Wirklichkeit.

So positionieren sich die griechischen Medien politisch

„Ta Nea“

Das Traditionsblatt ist die auflagenstärkste Tageszeitung in Griechenland. Politisch lässt es sich eher der Mitte zuordnen. In der Krise ist ihre Auflage stark gesunken, auf zuletzt rund 24 000 landesweit. Viele Menschen lesen ihre Schlagzeilen und Angebote - wie auch die anderer Zeitungen - nur noch im Internet sowie an den zahlreichen Zeitungskiosks, die es vor allem in der Hauptstadt Athen gibt. „Ta Nea“ gehört zum größten Verlag in Griechenland, Lambrakis.

„Kathimerini“

Die Tageszeitung ist seit etwa 100 Jahren das Organ der Konservativen. Wie auch andere Blätter in Griechenland leidet sie seit der Krise unter Verlusten bei den Werbeeinnahmen. Sie gehört der Reederfamilie Alafouzos und wird von dieser finanziert. In ihren Kommentaren bezieht sie teils eindeutig Position gegen Ministerpräsident Alexis Tsipras.

„Avgi“

Als Sprachrohr des regierenden Syriza-Linksbündnisses gilt die Tageszeitung „Avgi“. In ihren Kommentaren wettert sie in teils drastischen Worten gegen die Sparmaßnahmen. Am Donnerstag titelte sie „Nein zu Schäuble und der Inlands-Troika“ und zeigte Fotos der Oppositionsführer der konservativen Nea Demokratia, der sozialistischen Pasok und der pro-europäischen Partei „To Potami“ („Der Fluss“).

„Efimerida ton Syntakton"

Die linksgerichtete Tageszeitung „Efimerida ton Syntakton“ (Zeitung der Redakteure) steht inhaltlich ebenfalls dem regierenden Linksbündnis nahe. Sie wurde während der Finanzkrise von Redakteuren gegründet, die zuvor großteils für die wegen finanzieller Probleme geschlossene links-liberale Zeitung „Eleftherotypia“ gearbeitet hatten.

„Ethnos“

Die Boulevardzeitung „Ethnos“ gehört einem der größten Bauunternehmer in Griechenland. Politisch lässt sie sich grob der Mitte zuordnen.

„Eleftheros Typos“

Das konservative Blatt war einst ein Flaggschiff der konservativen Partei Nea Dimokratia. In den 1980er Jahren hatte sie eine Auflage von rund 300 000. Mittlerweile hat sie deutlich an Auflage und Bedeutung verloren.

Wir gleiten mit einem hübsch lächelnden Regierungschef, der uns von frischer Luft und sonnigen Tagen erzählt und von kleinen Problemen, die bis kommende Woche mit absoluter Sicherheit überwunden sein würden, in die wirtschaftliche und gesellschaftliche Katastrophe.

Seine Minister können gar nicht aufhören, von sonnigen Tagen frei von Problemen zu sprechen. Es gebe überhaupt kein Problem, sagen viele sogar. Ohne mit der Wimper zu zucken, lügen sie uns ins Gesicht. Wenn ich die Menschen darauf anspreche, sagen einige: „Er ist doch unser Ministerpräsident. Soll ich denn den Fremden glauben?“

Griechenland vor dem Referendum: Propaganda-Schlacht um Athen

Griechenland vor dem Referendum

Propaganda-Schlacht um Athen

Tsipras‘ Anhänger und Euro-Gegner kleben eifrig Plakate und verteilen Flugblätter. Sie werben für ein „Nein“ beim Referendum. Wahlhilfe kommt sogar aus Venezuela. Aber auch die „Ja“-Kampagne hat prominente Unterstützer.

Andere werden sofort rabiat und beginnen jeden, der nicht der Regierungsmeinung folgt, als Germanozolias – als Deutschenhure – oder Vaterlandsverräter zu beschimpfen. Für viele reicht es dafür schon, wenn man ein kleines Schild nach einer Demonstration nach Hause trägt, auf dem „Greece belongs to Europe“ steht. Oder wenn Mitbürger ihre Sorge über die Situation ausdrücken und Angst um ihre Familien haben.

Sehr bald wird es nicht einmal mehr 20 Euro an den Geldautomaten geben – und dann gar nichts mehr. Außer ein kleines Lächeln seitens der Regierung.

Aber es sind ja nette demokratische Menschenfreunde, die all das tun. Diejenigen, die es wagen, sich ernsthafte Sorgen zu machen oder gar eine andere Ansicht haben, werden von den Fanatikern als Verräter beschimpft.
Wir taumeln mit unserem lächelnden, jungen und fotogenen Ministerpräsidenten in einen Abgrund jenseits meiner bisherigen Vorstellungskraft.

Kommentare (121)

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Herr Walter Helbig

02.07.2015, 17:26 Uhr

Mit Blick auf Griechenland habe ich die Befürchtung, dass die politische Instabilität, die gerade herrscht, möglicherweise das griechische Militär auf den Plan ruft. Was wäre, wenn das griechische Militär putscht und die Regierung kurzerhand absetzt, um die Ordnung im Land wieder herzustellen? Um dann einen Wirtschaftskurs einzuschlagen, der Griechenland langsam aus dem Chaos führt. Wäre das nun ein Traum oder Alptraum?

Herr walter danielis

02.07.2015, 17:33 Uhr

Wer diesen Brief ,zu diesem Zeitpunkt ,wohl geschrieben haben mag?

Herr Paul Ginor

02.07.2015, 17:36 Uhr

In der Ukraine tobt ein Krieg mit echten Toten. In Afrika sterben täglich Menschen weil es an Wasser oder Nahrung fehlt. In Nepal sind Hunderttausende obdachlos nach dem verheerenden Beben.
Die gr. Führungsspitze spricht von humanitärer Katastrophe. 50 % der Meldungen der Presse beschäftigen sich mit Griechenland. Es widert mich an.

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