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12.01.2016

16:11 Uhr

„Viel falsch gemacht“

Putin geht deutlich zu Assad auf Distanz

Vor drei Jahren bezeichnete Wladimir Putin den Plan noch als „Witz“. Nun bringt Russlands Präsident selbst russisches Asyl für den syrischen Machthaber Baschar al-Assad ins Spiel. Hält Moskau noch am Assad-Regime fest?

Im Oktober führten Putin und Assad noch Gespräche. Nun geht der Kremlchef auf Distanz zu seinem syrischen Kollegen – russisches Asyl stellt er ihm dennoch in Aussicht. ap

Assad und Putin

Im Oktober führten Putin und Assad noch Gespräche. Nun geht der Kremlchef auf Distanz zu seinem syrischen Kollegen – russisches Asyl stellt er ihm dennoch in Aussicht.

BerlinDer russische Präsident Wladimir Putin ist zum syrischen Machthaber Baschar al-Assad deutlich auf Distanz gegangen. Assad habe im Laufe des Bürgerkriegs „viel falsch gemacht“, sagte Putin der „Bild“-Zeitung (Dienstagsausgabe). Die Zeit sei „noch nicht reif“, um über eine Asyl-Lösung für Assad zu sprechen. Zugleich schloss er aber Asyl für Assad im Falle eines Machtwechsels in Damaskus nicht aus.

Es sei „sicherlich schwieriger“ gewesen, dem ehemaligen US-Geheimdienstmitarbeiter Edward Snowden in Russland Asyl zu gewähren „als es im Fall von Assad wäre“, sagte Putin. Zunächst müsse aber die syrische Bevölkerung abstimmen. Danach werde sich zeigen, „ob Assad selbst bei einer Wahlniederlage sein Land verlassen müsste“.

Die einflussreichsten Rebellengruppen in Syrien

Islamische Front

Sie ist ein Zusammenschluss aus sechs großen islamistischen Gruppen. Die Islamische Front ist vermutlich die größte Rebellenallianz in Syrien und verfügt über 40.000 bis 50.000 Kämpfer. Ihre Mitglieder sind sunnitische Extremisten, die einen islamischen Staat in Syrien errichten wollen. Die Haltung der Islamischen Front gegenüber den Extremisten von IS ist ambivalent. Teile der Gruppe unterstützen aber den Kampf gegen sie.

Nusra-Front

In der einflussreichen Rebellengruppe sind sowohl syrische als auch ausländische Extremisten aktiv. Sie ist von Al-Kaida offiziell als Ableger in Syrien anerkannt. Die Nusra-Front hat als erste Gruppierung in Syrien Selbstmord- und Autobombenanschläge in Stadtgebieten verübt. Sie kämpft für einen islamischen Staat, hat zwischen 7000 und 8000 Anhänger und arbeitete bislang eng mit der Islamischen Front zusammen.

Islamischer Staat

Die Gruppe wurde von abtrünnigen Mitgliedern der Nusra-Front gebildet und vereinigte sich mit dem Al-Kaida-Ableger im Irak. Früher nannte sie sich Islamischer Staat im Irak und der Levante (Isil). Angeführt wird IS von Abu Bakr al-Baghdadi, der die Forderung der Al-Kaida ignorierte, den Schwerpunkt der Aktivitäten auf den Irak zu legen. Anfang des Jahres kappte Al-Kaida die Verbindungen zur IS, die als die militanteste Extremistengruppen in Syrien gilt.

Zunächst hatte die Gruppierung unter anderem wegen ihrer strikten Haltung gegen Plünderungen einen Großteil der syrischen Bevölkerung auf ihrer Seite. Dies änderte sich, als sie begann, Kritiker zu entführen und zu töten.

Derzeit kämpft IS an mehreren Fronten - gegen rivalisierende Rebellen in Syrien und gegen die Kurden im Nordirak. Die Gruppe soll über 6000 bis 7000 Kämpfer verfügen. Im Irak wird sie durch Zehntausende Kämpfer sunnitischer Stämme unterstützt, die von der Zentralregierung in Bagdad enttäuscht sind.

Syrische revolutionäre Front

Die Allianz aus weitgehend nicht ideologisch geprägten Rebellen-Einheiten formierte sich im Dezember. Das Rückgrat der Gruppe bildet die Syrische Märtyrer-Brigade, eine einst einflussreiche Gruppe aus der nördlichen Provinz Idlib unter Führung von Dschamal Maruf. Ihm war von rivalisierenden Rebellengruppen vorgeworfen worden, für den Aufstand bestimmtes Geld in die eigene Tasche gesteckt zu haben. Die Anhänger der revolutionären Front sind weitgehend moderate Islamisten. Finanziell unterstützt wird die Gruppe vermutlich von Golfstaaten wie Saudi-Arabien.


Mudschaheddin-Armee

Sie bildete sich zu Jahresbeginn aus acht syrischen Gruppen und startete eine Offensive gegen die Extremisten von IS. Die Allianz ist moderat islamistisch und hat nach eigenen Angaben rund 5000 Mitglieder.


Höchstes Militärkommando

Es handelt sich um eine moderate, nicht ideologische Gruppe. Sie wird von westlichen Ländern wie den USA unterstützt. Auch die Türkei und die arabischen Golfstaaten stehen auf ihrer Seite. Sie hat niemals den Eindruck ausräumen können, dass ihre Führung aus dem Ausland kommt.

Die Bundesregierung hatte bereits 2012 die Aufnahme Assads in Russland ins Spiel gebracht, doch hatte Moskau die Idee, ihm Asyl zu gewähren, damals als „Witz“ zurückgewiesen. Putin sagte nun, er sei der Meinung, „dass Präsident Assad viel falsch gemacht hat im Laufe dieses Konflikts“. Der Konflikt hätte aber „niemals eine solche Größe gewonnen, wenn er nicht von außerhalb Syriens befeuert würde – mit Waffen, Geld und Kämpfern“.

Damit der Konflikt in Syrien nicht so ende wie die im Irak und in Libyen, sollte alles daran gesetzt werden, „die legitimen Machthaber in Syrien zu stützen“, sagte Putin, der seit Beginn des Bürgerkriegs 2011 eine der wichtigsten Stützen Assads ist. Dennoch könne nicht „alles beim Alten bleiben“, räumte Putin ein und sprach sich für eine Verfassungsreform und vorgezogene Präsidentenwahlen aus. Zugleich bekräftigte er, das syrische Volk solle entscheiden, „wer das Land in Zukunft regieren soll“.

Wer kämpft gegen wen in Syrien?

Bürgerkrieg in Syrien

Seit mehr als vier Jahren tobt in Syrien ein Bürgerkrieg. Dem Regime in Damaskus steht eine Vielzahl von Gegnern gegenüber, die Lage ist unübersichtlich. Längst werden die Rebellen von islamistischen und radikalen Gruppen dominiert.

Regime

Die Armee kontrolliert noch immer die meisten großen Städte wie Damaskus, Homs, Teile Aleppos sowie den Küstenstreifen. Unterstützt werden Assads Anhänger von der libanesischen Schiiten-Miliz Hisbollah sowie von iranischen Kämpfern.

Islamischer Staat (IS)

Die Terrormiliz ist die stärkste Kraft in Syrien. Sie kontrolliert im Norden und Osten riesige Gebiete. Allerdings mussten die Extremisten in diesem Jahr mehrere Niederlagen gegen die syrischen Kurden einstecken.

Dschaisch al-Fatah

Dabei handelt es sich um ein Bündnis verschiedener moderater und radikaler Gruppen, darunter die radikale Al-Nusra-Front, die islamistische Miliz Ahrar al-Scham und Brigaden, die sich als Teil der moderaten Freien Syrien Armee (FSA) sehen. Das Bündnis beherrscht im Nordwesten Syriens die Provinz Idlib.

Al-Nusra-Front

Der Ableger des Terrornetzwerkes Al-Kaida vertritt eine ähnliche Ideologie wie IS, beide Gruppen sind aber miteinander verfeindet. Die Nusra-Front ist vor allem im Nordwesten des Landes stark, kämpft aber auch im Süden.

Ahrar al-Scham

Die islamistische Miliz ist neben der Nusra-Front die wichtigste Kraft des Rebellenbündnisses Dschaisch al-Fatah. Sie gibt sich pragmatischer und weniger radikal als der Al-Kaida-Ableger.

Freie Syrische Armee

Die FSA ist keine Armee im eigentlichen Sinne, es gibt auch keine einheitliche Führung. Mehrere moderate Gruppen rechnen sich ihr jedoch zu. Stark sind diese im Nordwesten, wo sie auch zu dem Rebellenbündnis gehören, sowie im Süden.

Kurdische Volksschutzeinheiten

Mit Hilfe der US-Luftwaffe konnte die YPG den IS aus großen Gebieten im Norden Syriens zurückschlagen. Dort haben die Kurden eine Selbstverwaltung aufgebaut. Sie kooperieren mit dem Regime, aber auch mit dessen Gegnern. Zuletzt kam es jedoch zu Zusammenstößen mit Rebellengruppen in Aleppo.

„Assad bekämpft nicht die eigene Bevölkerung, sondern diejenigen, die bewaffnet gegen die Regierung vorgehen“, sagte Putin. Russland hatte Ende September begonnen, mit Luftangriffen massiv auf der Seite Assads in den Bürgerkrieg einzugreifen.

Der UN-Sicherheitsrat beschloss im Dezember einen Friedensfahrplan für Syrien. Er sieht Friedensverhandlungen und eine Feuerpause möglichst bereits ab Januar vor. Verhandlungen von „Vertretern der syrischen Regierung und der Opposition“ über einen politischen Übergangsprozess sollen innerhalb von 18 Monaten in Wahlen münden. Seit Beginn des Bürgerkriegs in Syrien wurden rund 260.000 Menschen getötet.

Von

afp

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