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22.03.2011

15:52 Uhr

„Viele Missverständnisse“

Atom-Hysterie in Österreich

In Österreich ist Atomkraft ein sensibles Thema - obwohl es dort keine AKWs gibt. Während die Medien Horror-Schlagzeilen zur Japan-Katastrophe bringen, beschließt die Regierung einen Aktionsplan zum Atomkraft-Ausstieg.

Österreich: Das Land kommt ohne eigene Atomkraftwerke aus. Quelle: Reuters

Österreich: Das Land kommt ohne eigene Atomkraftwerke aus.

Wien„Todeswolke über Tokio“, „Das nukleare Desaster“ oder „Welt in Atom-Angst“: In Österreich überschlagen sich die Medien mit hysterischen Schlagzeilen zu den Reaktorunfällen in Japan. Selbst die gewöhnlich zurückhaltende konservative Zeitung „Die Presse“ spricht vom „Wettlauf gegen den Super-GAU“.  

„Ich sehe mir hier keine Nachrichten mehr an“, sagt Sabine, eine junge Frau, entschieden. Die Wienerin mit japanischen Wurzeln will ihren vollen Namen nicht nennen. Sie ist tief betroffen von den Ereignissen in der fernen Heimat - und irritiert von dem Bild, das die österreichischen Medien zeichnen.  

In der Alpenrepublik, die keine eigenen Atommeiler betreibt, aber Atomstrom aus Nachbarländern bezieht, ist Kernkraft ein hoch emotionales Thema. Die Politik greift die Stimmung bereitwillig auf. „Es ist an der Zeit, unser Wort international zu erheben und auf einen Atomausstieg zu drängen. Wir müssen Schulter an Schulter gegen die Atomindustrie kämpfen“, sagte Bundeskanzler Werner Faymann. Er kündigte einen gemeinsamen Plan mit den deutschen Sozialdemokraten für eine EU-Bürgerinitiative gegen Atomkraft an.

Am Dienstag beschloss die Koalitionsregierung in Wien einen Aktionsplan, um gemeinsam den internationalen Ausstieg aus der Atomkraft zu fördern. „Das ist so hysterisch, und die Katastrophe wird für eigene Interessen benutzt“, sagt Yuriko aus dem Süden Japans. Die Frau, die seit 26 Jahren in Wien lebt, mag ihren richtigen Namen nicht nennen. „Es wird so viel übertrieben“, findet sie. „Aber ich habe den Eindruck, viele wissen gar nicht, wovon sie reden.“ In Japan seien die Menschen viel besser informiert. „Das ist eine Reaktion auf die historische Erfahrung mit den Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki“, erklärt sie. „Ich habe schon als Kind sehr viel über Radioaktivität, die Wirkung und die Gefahren in der Schule gelernt. Hier in Österreich ist viel mehr Angst, aber auch viel mehr Unwissen.“

Sabine verspürt ein großes Unbehagen, wenn sie Berichte in europäischen Medien liest und sieht. Die Tochter eines österreichisch-japanischen Ehepaars arbeitet als Pressesprecherin in Wien und hat viel Zeit in der Heimat ihrer japanischen Mutter verbracht. „Was mich stört, sind die kulturellen Missverständnisse“, hält sie fest. „Ich habe oft den Eindruck, es wird den Menschen dort fast vorgeworfen, dass sie nicht hysterisch zusammenbrechen“, sagt sie. „Dass es auch helfen kann, selbst in einer solchen Situation die Haltung zu bewahren, dass diese Beherrschung und der Zusammenhalt eine soziale Leistung sind, die hilft, die schreckliche Situation zu überwinden, das kommt mir zu kurz.

Von

dpa

Kommentare (5)

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oesi

22.03.2011, 16:33 Uhr

>>Atom-Hysterie in Österreich

-Geht´s bei ihnen noch?

>> In Österreich ist Atomkraft ein sensibles Thema - obwohl es dort keine AKWs gibt.

-Nennt sich das seriöse Berichterstattung? In AT gibt es mindestens 2 Reaktoren und DUTZENDE umliegende da Österreich regelrecht von Meilern umzingelt ist. Die Dichte ist im Süden wesentlich höher als z.B. Hamburg!

>> Es ist an der Zeit, unser Wort international zu erheben und auf einen Atomausstieg zu drängen. Wir müssen Schulter an Schulter gegen die Atomindustrie kämpfen“, sagte Bundeskanzler Werner Faymann.

-und was bitte ist hier anders als in DE? Oder wie man ihrer Schlagzeile entnehmen kann "hysterisch" Alle Politiker auch unsere Grinsekatze möchte doch nur auf Stimmenfang gehen.

>> Ich habe oft den Eindruck, es wird den Menschen dort fast vorgeworfen, dass sie nicht hysterisch zusammenbrechen“

das Gegenteil ist in den "seriösen" Medien der Fall. Was eine Krone, Heute, News. usw. schreiben liegt ungefähr auf Bildzeitungs niveau.

Ziegler

22.03.2011, 16:43 Uhr

Dem kann ich nur beipflichten. In Ergänzung: die Schlagzeilen in Abendzeitung und tz in Bayern war nicht minder "hysterisch", von der Reaktion der deutschen Bundesregierung, unreflektiert 7 AKWs abzuschalten ganz zu schweigen.
Dem HB stünde es gut zu Gesicht, seine in den letzten Jahren immer tendenziösere Berichterstattung wieder auf das Niveau zu bringen, das es für sich in Anspruch nimmt: fundierte Informationen und Analysen für Entscheider.

Hermann

22.03.2011, 18:38 Uhr

Nun ja in Wahrheit beschränkt sich diese Hysterie auf vielleicht 1000 Leute (Politiker und Journalisten) - habe noch nicht gehört, dass das sonst noch jemanden aufregt.

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