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14.08.2013

17:41 Uhr

Viele Tote

Blutiges Chaos in Ägypten

Bei blutigen Zusammenstößen von Polizei und Mursi-Anhängern, die ihr Protestcamp verteidigen wollten, sind zahlreiche Menschen ums Leben gekommen. Jetzt weiten sich die Straßenschlachten auf andere Städte aus.

95 Tote bei Protestcampräumung

Ausnahmezustand in Ägypten

95 Tote bei Protestcampräumung: Ausnahmezustand in Ägypten

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KairoNeue Gewalt mit Toten und Verletzten in Ägypten: Die Polizei hat am Mittwoch kurz nach Sonnenaufgang die beiden Protestlager von Islamisten in Kairo gestürmt. Dabei kamen zahlreiche Menschen ums Leben. Die Angaben über die genauen Zahlen weichen stark voneinander ab. Ein Reporter der Nachrichtenagentur AFP berichtete, er habe alleine auf dem Rabaa-al-Adawija-Platz 124 Leichen gezählt. Nach ersten Angaben von Beamten des Innenministeriums wurden sieben Demonstranten und zwei Polizisten getötet. Andere Augenzeugen verschiedener Nachrichtenagenturen sprechen von mindestens 30 Toten.

Angesichts der landesweiten Gewalteskalation in Ägypten hat die Übergangsregierung für die Millionenstadt Kairo und zehn weitere Provinzen eine nächtliche Ausgangssperre verhängt. Betroffen sind vor allem regionale Hochburgen der Islamisten, darunter Bani Suef, Assiut and Minja. In diesen drei Provinzen waren am Mittwoch im Zuge der Ausschreitungen unter anderem auch christliche Kirchen attackiert worden. Übergangspräsident Adli Mansur verhängte zudem einen einmonatigen Ausnahmezustand und ordnete an, dass das Militär die Polizei unterstützen soll. Danach darf sich in Kairo und elf anderen Provinzen zwischen 19 und 6 Uhr niemand auf den Straßen bewegen.

Die Armee hatte ihren Einsatz am frühen Mittwochmorgen mit einem Großaufgebot gestartet. Zeitgleich ging sie gegen zwei Protestcamps vor, darunter auch das größte seiner Art im Nordosten der Hauptstadt. Dort hatten Tausende Demonstranten bei der berühmten Moschee Rabaa al-Adawija seit sechs Wochen ausgeharrt und mit Mahnwachen und Sitzblockaden die Wiedereinsetzung des Anfang Juli vom Militär entmachteten Mursi gefordert. Über dem Gebiet kreisten Polizeihubschrauber. Aus den Lagern stiegen schwarze Rauchwolken auf, Schüsse waren zu hören. Demonstranten flüchteten, während Bulldozer die Zelte dem Erdboden gleichmachten.

Nach Mursis Sturz: Blutiger Machtkampf in Ägypten

3./4. Juli:

Nach Massenprotesten setzt das Militär Mursi ab und stellt ihn unter Arrest. Der oberste Verfassungsrichter Adli Mansur wird Übergangspräsident. Mursi-Anhänger beginnen einen Dauerprotest. Bei gewaltsamen Zusammenstößen mit dem Militär sterben viele Menschen.

26./27. Juli:

Mursi wird des Landesverrats beschuldigt und kommt in Untersuchungshaft. Landesweit demonstrieren Hunderttausende für und gegen ihn. Seine Gegner folgen einem Aufruf der Armee, Kundgebungen zu organisieren, um der Militärführung ein „Mandat zur Bekämpfung des Terrors“ zu geben. Bei Zusammenstößen von Islamisten und Sicherheitskräften sterben mindestens 80 Menschen.

3. August:

Die Muslimbrüder lehnen die Forderung der neuen Führung ab, ihre Protestlager in Kairo zu räumen und die Übergangsregierung anzuerkennen. Sie bestehen darauf, dass Mursi wieder Präsident wird.

7. August:

Ägypten erklärt die Bemühungen internationaler Diplomaten zur Beilegung der Krise für gescheitert. Die Übergangsregierung kündigt erneut an, die Protestlager mit tausenden Mursi-Anhängern gewaltsam räumen zu lassen.

8. August:

Zum Ende des Fastenmonats Ramadan fordern Zehntausende Islamisten die Wiedereinsetzung Mursis. Vor den Protestlagern errichten die Muslimbrüder Betonwände und Sandsack-Barrikaden. Die Regierung gibt den Sicherheitskräften grünes Licht, zwei große Protestlager zu räumen.

10. August:

Die ägyptischen Sicherheitskräfte wollen den Dauerprotest von Islamisten durch eine Blockade beenden. Es heißt, man wolle die Zugänge sperren und keine Lebensmittel mehr in die Zeltstadt lassen.

12. August:

Die Untersuchungshaft für Mursi wird um weitere 15 Tage verlängert. Islamisten ziehen in einem Protestmarsch zum Justizgebäude in Kairo.

13. August:

Vor Mansur legen 20 Gouverneure ihren Amtseid ab. Die meisten von Mursi ernannten Gouverneure wurden abgesetzt. Islamisten demonstrieren vor mehreren Ministerien in Kairo. Einen Tag später gibt es bei der gewaltsamen Räumung der Protestlager gibt es Tote und Verletzte.

Die Unruhen griffen auch auf andere Teile des Landes über: Nach Beginn der Räumung kam es am Mittwoch in mehreren Provinzen zu gewalttätigen Übergriffen radikaler Islamisten. Auf dem Sinai stürmten bewaffnete Männer mehrere öffentliche Gebäude. In Alexandria und Port Said toben Straßenschlachten.

In Kairo setzten die Sicherheitskräfte bei ihrem Einsatz im Rabaa-al-Adawija-Camp auch Tränengas und Gummigeschosse ein, wie mehrere Korrespondenten berichteten. „Tränengas fiel wie Regen vom Himmel. Es sind keine Krankenwagen im Lager. Sie haben die Eingänge verschlossen“, sagte der 20-jährige Demonstrant Chaled Ahmed. Tränen liefen ihm über das Gesicht. „Frauen und Kinder sind da drinnen. Gott stehe ihnen bei. Das ist eine Belagerung, ein Militärangriff auf ein Protestlager von Zivilisten.“

Das Innenministerium ordnete zugleich die Einstellung des Zugverkehrs von und nach Kairo an, offensichtlich um die Bewegungsfreiheit möglicher Protestgruppen einzuschränken. Zudem wurden Straßensperren auf den Straßen rund um den internationalen Flughafen errichtet. Dies sei eine Vorsichtsmaßnahme nach der gewaltsamen Räumung der Protestlager der Islamisten in der Stadt, teilte ein Mitarbeiter der Flughafengesellschaft mit.

Kommentare (4)

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Torsten_Steinberg

14.08.2013, 08:26 Uhr

Von den 18 neu eingesetzten Gouverneuren sind, wie el-Ahram schreibt, 7 dem islamistischen Lager zuzurechnen. Zu einer ausgewogenen Berichterstattung gehört es, auch das zu erwähnen anstatt nur hervorzuheben, dass die Hälfte der neuen Gouverneure Generäle im Ruhestand seien.

dschungelmann

14.08.2013, 09:41 Uhr

Wie man dem Artikel gut entnehmen kann, geht die "Demokratisierung" durch Einsetzung von alten Kadern in Schluesselpositionen voran. Schlimmer kann man nicht provozieren. Diese "Interimsregierung" hat keinerlei Legitimation solche massgebenden Schritte einzuleiten. Das wird zu noch mehr Widerstand und Blutvergiessen fuehren. SISSI kennt halt nichts anderes als Gewalt. Nun droht der offene Buergerkrieg. Der eher ein Geurilla Krieg werden wird. Es ist nur eine Frage der Zeit, nbis Waffen ihren Weg aus Libyen finden und erfahrene Kaempfer dazu. Die Agressionen muessen umgehend eingestellt und alle politischen Gefangenen, die bereits in Tausende gehen , umgehend freigelassen werden. Bleibt SISSI hart , wird das Land explodieren. [...]

Beitrag von der Redaktion editiert. Bitte bleiben Sie sachlich.

KJes

14.08.2013, 19:54 Uhr

So dramatisch die Zustände in anderen Ländern auch sein mögen, und so sehr man sich auch wünschte, die gewalttätigen Konflikte mögen umgehend beendet werden, das sinnlose Blutvergießen möge sofort eingestellt werden: es wird nicht so schnell geschehen.
Handelt es sich aber um Desinteresse, die Forderung zu stellen, die Medien mögen sich deshalb bitte für eine kurze Zeit verstärkt um innenpolitische Fragestellungen kümmern? Immerhin ist ja bald Wahl und es könnte in D auch von Bedeutung sein, 18 Mio. Nichtwähler vom Gang an die Wahlurne zu überzeugen.
Die derzeitige Praxis nutzt lediglich der amtierenden Regierung, da deren Wähler traditionell zur Wahl gehen. Sie ist also Nutznießer, wenn die Blicke der deutschen Öffentlichkeit immer und immer wieder auf das Ausland, zumal noch das außereuropäische gerichtet werden.
Am Tag nach der Wahl kann der Blick dann gern wieder im üblichen Maße nach Syrien, Ägypten, Libyen, Irak, Iran, Russland, die U.S.A. (was sage ich: in die ganze Welt gehen), damit ein deutscher Staatsbürger sich immer vor Augen führen kann, wie gut es ihm doch geht.
Ich befürchte allerdings, dass dieser Wunsch ein frommer bleibt. Dafür werden die Herren Westerwelle, Niebel, Rösler und Brüderle gewiss sorgen. Denn schwindelig spielen konnten uns die Truppen dieser Koalition schon immer, auch wenn der Nutzen sehr zweifelhaft ist.
Also, voran ihr Neoliberalen. Es geht schließlich um eure Existenz. Beschmeichelt die Medien mit außenpolitischer Medizin, auch die, die euch nicht unbedingt traditionell nahestehen. Das Heer der Nichtwähler wartet.

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