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11.12.2015

20:45 Uhr

Vier Wochen nach Pariser Terror

„Das Ziel? Die Gesellschaft in Angst zu versetzen“

VonThomas Hanke

Vor vier Wochen wurde Frankreich von den Anschlägen in Paris erschüttert. Nach dem Schockzustand wurden harte Maßnahmen zur Anti-Terror-Bekämpfung ergriffen. Für Sicherheitsexperte Jean-Pierre Pochon noch viel zu wenig.

Ein Fußgänger hält vor dem Denkmal auf dem Platz der Republik in Paris inne. 130 Menschen wurden vor vier Wochen getötet, mehrere hundert weitere verletzt. dpa

Nach den Anschlägen von Paris

Ein Fußgänger hält vor dem Denkmal auf dem Platz der Republik in Paris inne. 130 Menschen wurden vor vier Wochen getötet, mehrere hundert weitere verletzt.

ParisDer französische Sicherheitsexperte Jean-Pierre Pochon sieht kein einfaches Mittel, um den Terror dschihadistischer Gruppen in Europa kurzfristig zu beenden. Er erwartet einen lange Jahre währenden Kampf: „Es gibt keinen Schlüssel, den Sie in die Hand nehmen können, um das Problem zu lösen“, sagte er dem Handelsblatt bei einem Gespräch in Paris. Das militärische Vorgehen einer Koalition von Staaten unter Führung der USA gegen den Islamischen Staat hält er für sinnvoll: „Wir können das Risiko verringern, indem wir Daesh (IS auf Arabisch) militärisch zerstören.“
Das würde bestehende Netzwerke zerreißen, „die Terroristen destabilisieren, desorganisieren und zumindest zu einer Pause zwingen“, erwartet der Mann, der Jahrzehnte in den französischen Geheimdiensten gearbeitet hat. Jean-Pierre Pochon unterrichtet heute über Geheimdienste und Terrorismus an der Pariser Universität Sciences Po. Bis 2004 hat er in verschiedenen französischen Geheimdiensten in der Terrorbekämpfung und Informationsbeschaffung gearbeitet, zuletzt leitete er die Aufklärung im Auslands-Spionagedienst DGSE.

Die Auslandseinsätze des des französischen Militärs

Vor allem in Afrika aktiv

Frankreich schickt sein Militär häufig auf Auslandseinsätze, vor allem in Afrika ist die ehemalige Kolonialmacht sehr präsent. Derzeit sind fast 7000 französische Soldaten für die Friedenssicherung und den Kampf gegen den Terror abgestellt.

Quelle: dpa

Irak, Operation Chanmal

Seit Herbst 2014 beteiligt sich die Luftwaffe an Schlägen der US-geführten Koalition gegen die Terrormiliz Islamischer Staat. 700 Soldaten und 13 Flugzeuge sind im Einsatz, das Engagement ist auf längere Frist angelegt.

Sahelzone, Operation Barkhane

3500 Soldaten kämpfen gegen Terrorgruppen. In Mali unterstützen 85 Soldaten die EU-Ausbildungsmission und den UN-Einsatz Minusma.

Zentralafrikanische Republik, Operation Sangaris

Gut 900 Militärs sind in dem krisengeschüttelten Land, sie sollen die UN-Mission Minusca unterstützen. Der Einsatz stand zuletzt wegen Missbrauchsvorwürfen gegen französische Soldaten in den Schlagzeilen.

Indischer Ozean

Insgesamt 570 Soldaten sind am Kampf gegen Piraten am Horn von Afrika beteiligt, meist als Teil der EU-Mission Atalanta.

Libanon, Operation Daman

900 französische Soldaten beteiligen sich an der UN-Mission Unifil an der Grenze zu Israel.

Weitere Einsätze

Weitere Einheiten sind unter anderem im Golf von Guinea, in der Demokratischen Republik Kongo und in der Elfenbeinküste eingesetzt.

Seine Erwartung, dass es keinen schnellen Sieg über die Dschihadisten geben wird, begründet er mit dem veränderten Charakter des Terrors. Der ideologisch begründete Terror linker Gruppen der 70er und 80er-Jahre in Europa sei völlig anders gewesen: „Die französische Action Directe oder die Baader-Meinhof-Gruppe in Deutschland hatten politische Ziele, nun aber besteht das Ziel darin, die gesamte Gesellschaft durch Terror in Angst zu versetzen.“
Pochon sieht die Anfänge des heutigen Terrors im algerischen Bürgerkrieg der späten 80er, frühen 90er-Jahre: „In Algerien gab es einen Staatsstreich nach dem Wahlsieg der Islamistischen Heilsfront (FIS), aus dem ein komplexer Bürgerkrieg entstanden ist.“ Die Rolle der Kämpfer mit Erfahrungen aus dem Krieg in Afghanistan gegen die Russen und zwischen den aufständischen Gruppen dort sei damals noch recht gering gewesen. Seit 1994 sei der radikal-islamistische Terror aus Algerien herausgegangen und in Frankreich angekommen. „Frankreich als die alte Kolonialmacht war für sie der Satan“, urteilt Pochon.

1995 kam es zu Bombenanschlägen auf die RER (S-Bahn) in Paris. 1996 habe sich in Roubaix in Nordfrankreich eine Gruppe von Islamisten in einem Haus verschanzt. „Sie leisteten extrem harten Widerstand, hatten aber keinerlei Forderungen.“ Das Bild wiederholte sich am 13. November im Musikklub Bataclan: Zwei Mitglieder des Kommandos wollten mit der Polizei über Telefon verhandeln, sie stellten aber keinerlei erfüllbare Forderungen, drohten allein damit, sich mit ihren Geiseln in die Luft zu sprengen.

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