Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

29.11.2013

20:04 Uhr

Vitali Klitschko

Der Mann mit der starken Linken

VonDésirée Linde

Er hat eine starke Linke und gibt nicht so schnell auf: Beim EU-Gipfel kämpft Vitali Klitschko auf politischem Parkett um eine Annährung der Ukraine an die EU. Sein Blick geht nach vorn. 2015 will er Präsident werden.

Am Dienstag in Kiew: Vitali Klitschko und seine Anhänger kämpfen um einen Annährung ihres Landes an die EU. ap

Am Dienstag in Kiew: Vitali Klitschko und seine Anhänger kämpfen um einen Annährung ihres Landes an die EU.

Kiew/Brüssel/DüsseldorfDas bekannteste Gesicht der ukrainischen Opposition hat seinen Kampf noch nicht aufgegeben. Gemeinsam mit weiteren Regierungskritikern ist Vitali Klitschko von der proeuropäischen Udar-Partei (passenderweise: Schlag) nach Vilnius zum EU-Ostpartnerschaftsgipfel gereist. Der Schwergewichtsweltmeister hat den Boxring gegen Rednerpult Verhandlungszimmer getauscht.

Austeilen kann der 42-Jährige, der zu aktiven Zeiten auch Doktor Eisenfaust genannt wurde, auch verbal. Klitschko erhebt schwere Vorwürfe gegen den ukrainischen Präsidenten. „Janukowitsch fürchtet sich vor europäischen Standards, denn sie würden ihn dabei stören, das Land weiter auszuplündern.“

Klitschko pflegt den Pathos und weiß seine Schläge, gerade gegen Amtsinhaber Viktor Janukowitsch, zu platzieren. Er kann zuspitzen, beherrscht die politische Rhetorik und schüttelt Statistiken aus dem Ärmel, die seine Empörung stützen. Etwa wie weit hinten die Ukraine im Korruptionswahrnehmungsindex von Transparency International liegt. 2012 fand sich das Land mit Platz 144 (von 176 untersuchten Ländern) in Gesellschaft von Staaten wie Bangladesch und Syrien.

Vitali Klitschko – Boxer, Ehemann und Politiker

Kindheit

Vitali Klitschko ist der ältere Bruder von Wladimir Klitschko. Der Vater, Wladimir Rodionowitsch Klitschko, war Offizier in der sowjetischen Armee, die Mutter, Nadeschda Uljanowna Klitschko, Pädagogin. Bis zum 13. Lebensjahr hatte Vladimir Klitschko mit Boxen kaum etwas zu tun gehabt. Erst als der Vater auf einen sowjetischen Militärstützpunkt in Hradčany, Tschechoslowakei, versetzt wurde, begann er erste Erfahrungen mit dem Boxsport zu machen.

Studium

Klitschko schloss an der Pädagogischen Universität „Hryhorij Skoworoda“ in Perejaslaw-Chmelnyzkyj (Ukraine) ein Sportstudium auf Lehramt mit Auszeichnung ab. 2000 folgte die Promotion in Sportwissenschaften. Das Thema seiner Dissertation: „Sportbegabung und Talentförderung“. Zu der Zeit war er schon seit vier Jahren Amateurboxsportler.

Kickboxen

Was viele wahrscheinlich nicht wissen: Vitali Klitschko begann seine Boxkarriere im Kickboxen. 1991 wurde er als Armeesportler Kickbox-Weltmeister in Paris. Es folgten fünf weiter Weltmeistertitel. Während seiner Karriere im Kickboxen erlitt er zudem die bisher einzig K.O.-Niederlage seiner gesamten Sportlerlaufbahn. Im bulgarischen Warna ging er 1992 gegen den Briten Pele Reid in der zweiten Runde nach einem Tritt ans Kinn zu Boden.

Amateurboxen

Zeitgleich zum Kickboxen bestritt Vitali Klitschko außerdem einige Amateurboxkämpfe. 1996 wollte er bei den Olympischen Sommerspielen in Atlanta für die Ukraine im Boxen antreten. Allerdings wurde ihm bei einer Dopingprobe die Einnahme des damals bei Sportlern beliebte Steroids Nandrolon nachgewiesen. Es folgte eine einjährige Sperre. Für Vitali wurde sein Bruder Wladimir nachnominiert, der bei den Spielen 1996 die Goldmedaille gewann.

Profiboxen

Nach den Olympischen Spielen führt der Weg der beiden Boxer Vitali und Wladimir nach Deutschland. Sie beginnen ihre Profikarriere. Gerade einmal drei Jahre, 1999, später wurde Vitali zum ersten Mal Weltmeister der WBO im Schwergewicht. Besonders in Erinnerung bleiben wird der Kampf gegen Lennox Lewis, den der ältere Klitschko nach einer umstrittenen Entscheidung des Ringarztes verloren hatte. Der Arzt ließ den Kampf aufgrund einer Platzwunde im Augenbereich Klitschkos abbrechen. Zu diesem Zeitpunkt lag Vitali auf allen Punktzettel der Punktrichter klar vorne.

Auszeit

Nach 2004 folgte eine Zwangspause. Mehrere Verletzungen – unter anderem ein Meniskusriss im rechten Knie, ein Kreuzbandriss und ein Bandscheibenvorfall – zwangen Vitali zu diesem Schritt. Erst vier Jahre später kehrte er in den Ring zurück. Während der Zeit begann sein erste politischen Engagement.

Bürgermeisterwahlen

Während der Zwangspause engagierte sich Vitali zunehmen für die Orange Revolution in der Ukraine. 2006 trat er zum ersten Mal bei der Wahl zum Bürgermeister Kiews an und erhielt 29 Prozent der Stimmen. Bei den vorzeitigen Wahlen 2008 trat er mit dem nach ihm benannten Wahlbündnis „Blok Witalij Klytschko“ ein weiteres Mal an und kam hinter Amtsinhaber Tschernowezkyj und Olexandr Turtschynow auf den dritten Platz. Zwei Jahre später wurde Klitschko zum Vorsitzenden der neu gegründeten Partei Ukrainische demokratische Allianz für Reformen (Ukrajinskij demokratitschnij aljans sa reformy) UDAR gewählt.

Parlamentswahlen

2012 trat Klitschko für die ukrainischen Parlamentswahlen als Spitzenkandidat an. Erklärtes Ziel war es, mindestens 15 Prozent der Stimmen zu bekommen. Am Ende reichte es nur für 13,9 Prozent. Dennoch wurde die Klitschko-Partei drittstärkste Fraktion im Parlament.

Privates

Seit 18 Jahren ist Vitali Klitschko mit seiner Frau Natalia verheiratet. Sie haben drei Kinder.

Sein Auftritt in Vilnius sollte da ein gehöriger Schritt nach vorne werden. Die Ukraine sollte beim zweittägigen EU-Gipfel eigentlich ein Abkommen über Assoziierung und freien Handel mit der EU unterzeichnen. Doch in der vergangenen Woche setzte die Regierung in Kiew die Vorbereitungen auf das Assoziierungsabkommen aus. Stattdessen soll der Handel mit Russland wiederbelebt werden.

Auch eine Reise der inhaftierten und schwer erkrankten Ex-Regierungschefin Julia Timoschenko zur Behandlung nach Deutschland lehnte das Parlament ab. Eine Zustimmung hatte die EU aber zur Bedingung für weitere Gespräche über das Assoziierungsabkommen gemacht. Doch Russland mischte sich ein und drohte der Ukraine mit Handelsstrafen. Jetzt scheint es als würde sich das Land unter Janukowitsch tatsächlich weiter an den östlichen statt die westlichen Nachbarn binden.

Genau dagegen kämpft Vitali Klitschko, der ältere Bruder vom Mehrfach-Champion Wladimir. „Wir, die Ukrainer, wollen einen Wandel", sagte Klitschko am Donnerstag vor Journalisten in der litauischen Hauptstadt. „Wir wollen Teil der europäischen Familie werden.“ Tage bevor er in die litauische Hauptstadt gereist war, war er selbst noch auf die Straße gegangen und hatte Stimmung gegen die Regierung von Janukowitsch und für eine EU-Annäherung der Ukraine gemacht. „Heute gibt es in der Ukraine keinerlei Perspektiven“, rief Klitschko dabei der Menge zu.

Tausende Studenten aus allen Teilen des Landes zogen mit ihm durch das Zentrum der ukrainischen Hauptstadt, wie der oppositionsnahe 5. Kanal berichtete. In Sprechchören appellierten sie an Janukowitsch, das Abkommen über eine engere Zusammenarbeit mit der EU und freien Handel doch noch zu unterzeichnen. Und mittendrin: der Box-Champion. Klitschko und seine Mitstreiter wollen an die Macht – und dann alles verändern.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×