Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

28.08.2011

13:23 Uhr

Vizepremier und Finanzminister

"Wir müssen Libyen den Menschen zurückgeben"

VonMartin Gehlen

Ali Abdussalam Tarhouni, Vizepremierminister der nationalen Übergangsregierung, ist seit März Finanzminister und seit kurzem auch Ölminister. Im Interview spricht er über die Aufgaben der neuen Machthaber Libyens.

Ali Abdussalam Tarhouni (60) ist Vizepremierminister der nationalen Übergangsregierung. Der Politiker arbeitete seit 1995 Wirtschaftsprofessor an der US-Universität von Washington. dapd

Ali Abdussalam Tarhouni (60) ist Vizepremierminister der nationalen Übergangsregierung. Der Politiker arbeitete seit 1995 Wirtschaftsprofessor an der US-Universität von Washington.

TripolisWas sind die größten Herausforderungen für Libyens Zukunft nach Gaddafi?

Wir müssen möglichst rasch die Polizei zurück auf die Straße bringen. Wir werden 90 Prozent der Polizisten behalten. Verhandlungen darüber laufen schon. Wir werden aber alle entlassen, die Blut an den Händen haben. Dasselbe gilt auch für die Armee. Wir werden nicht den Fehler machen, der im Irak gemacht wurde.

Zum zweiten wollen wir eine große Anstrengung unternehmen, eine wirkliche nationale Armee aufzubauen. Wir werden allen Rebellenkämpfern anbieten, in die Polizei einzutreten oder in die Armee. Unser Ziel ist es, alle Kämpfer wieder einzugliedern, damit keine wilden Milizen entstehen.

Drittens: Wir müssen die Bevölkerung so schnell wie möglich wieder entwaffnen. Es sind sehr viele Waffen unterwegs, Gaddafi hat Unmengen Gewehre und Pistolen ausgegeben.

Die 40-jährige Herrschaft Gaddafis in Libyen

1969

Als 27-Jähriger führt Muammar al Gaddafi einen weitgehend friedlichen Putsch an, mit dem die erst seit 1951 bestehende Monarchie gestürzt wird, und etabliert sich bald als unangefochtener Herrscher im Land.

1970

Gaddafi leitet sozialistische Reformen ein, viele Unternehmen werden verstaatlicht.

1979

Gaddafi tritt vom Amt des Generalsekretärs des Allgemeinen Volkskongresses zurück, als „Revolutionsführer“ bleibt er de facto Staatsoberhaupt.

80er Jahre

Gaddafi unterstützt zunehmend Gruppen, die im Westen als terroristisch eingestuft werden, einschließlich der nordirischen IRA sowie radikaler Palästinenserorganisationen. Nach einem Anschlag auf die bei Amerikanern beliebte Diskothek „La Belle“ in Berlin, hinter der das libysche Regime vermutet wird, greifen US-Flugzeuge 1986 Ziele in Libyen an und töten dabei nach Angaben des Regimes die neugeborene Adoptivtochter Gaddafis.

1988

Bei einem Anschlag auf ein Flugzeug über der schottischen Kleinstadt Lockerbie werden 270 Menschen getötet, die meisten von ihnen Amerikaner. Der Verdacht fällt schnell auf Mitarbeiter des libyschen Geheimdienstes. Das Land gerät international zunehmend in die Isolation.

1992

Der UN-Sicherheitsrat verhängt Sanktionen gegen Libyen, weil das Land sich weigert, zwei wegen des Attentats verdächtigte Männer auszuliefern.

1999

Erste Zeichen einer Annäherung an den Westen: Gaddafi schwört dem Terrorismus ab und liefert die beiden Männer aus, die für den Lockerbie-Anschlag verantwortlich gemacht werden.

2001

Einer der beiden wegen des Lockerbie-Anschlags Angeklagten wird in Schottland zu lebenslanger Haft verurteilt, der andere kommt wieder frei.

2003

Libyen übernimmt offiziell die Verantwortung für den Lockerbie-Anschlag. Gaddafi verspricht großzügige Entschädigung für die Angehörigen der Opfer. Zudem erklärt er sich zum Verzicht auf Massenvernichtungswaffen bereit. Der UN-Sicherheitsrat hebt die Sanktionen auf. Gründung der Afrikanischen Union, als deren Initiator Gaddafi gilt.

2004

Mehrere westliche Regierungschefs besuchen Libyen - unter anderen Bundeskanzler Gerhard Schröder. Gaddafi besucht die EU-Kommission in Brüssel.

2008

Fünf bulgarische Krankenschwestern und ein Arzt palästinensischer Abstammung werden nach achtjähriger Haft in Libyen freigelassen. Sie waren beschuldigt worden, Kinder vorsätzlich mit dem HI-Virus infiziert zu haben. Sie gestanden die Tat unter Folter und wurden zum Tode verurteilt.

2009

Nachdem zunehmend Migranten aus ganz Afrika von Libyen aus mit Booten nach Europa übersetzen, tritt ein erstes Abkommen mit Italien über gemeinsame Meerespatrouillen in Kraft. Der 40. Jahrestag des Putsches wird in Libyen groß gefeiert. Der verurteilte Lockerbie-Attentäter wird wegen einer schweren Erkrankung in Schottland aus der Haft entlassen und in der Heimat als Held empfangen.

2010

Nach fast zwei Jahren Haft in Libyen kommen zwei Schweizer frei. Die beiden Männer waren wegen angeblicher Verstöße gegen Visa-Vorschriften und illegaler Einreise verurteilt worden, nachdem die Schweizer Polizei im Jahr 2008 einen Sohn von Gaddafi festgenommen hatte. Libyen zog außerdem Investitionen aus der Schweiz ab.

Februar 2011

Wie in anderen Ländern der arabischen Welt gehen in Libyen Demonstranten mit Forderungen nach politischen Reformen auf die Straße. Regimetreue Kräfte gehen gewaltsam gegen die Proteste vor und schießen auf friedliche Demonstranten. Wenige Tage später warnt ein Sohn Gaddafis, Saif al Islam, angesichts der Proteste gegen seinen Vater vor einem Bürgerkrieg.

17. März

Der UN-Sicherheitsrat verabschiedet eine Resolution zur Einrichtung einer Flugverbotszone über Libyen. Für den Entwurf stimmen zehn Mitglieder des Gremiums, fünf enthielten sich, darunter Deutschland, Russland und China. Die Resolution ermächtigt die Mitgliedsstaaten, „alle notwendigen Maßnahmen zu treffen“, um die Zivilbevölkerung in dem nordafrikanischen Land vor den Truppen von Machthaber Mummar al Gaddafi zu schützen. Eine Bodenoffensive wird jedoch ausgeschlossen.

18. März

Nur wenige Stunden nach der Verhängung einer Flugverbotszone über Libyen durch den Sicherheitsrat ruft die libysche Regierung nach Aussage von Außenminister Mussa Kussa eine Waffenruhe aus und erklärt die Kampfhandlungen für beendet.

19. März

Beginn der Luftangriffe auf libysche Truppen. Französische Kampfjets fliegen bei Bengasi Einsätze, um ein weiteres Vorrücken der Regierungskräfte auf die Rebellenhochburg zu verhindern.

7. Juni

Der libysche Machthaber kündigt an, „bis zum Tod“ kämpfen zu wollen. In einer im nationalen Fernsehen ausgestrahlten Rede teilt er mit, er werde nicht kapitulieren.

27. Juni

Der Internationale Strafgerichtshof (IStGH) in Den Haag erlässt Haftbefehl gegen Gaddafi, seinen Sohn Saif al Islam und den libyschen Geheimdienstchef Abdullah al Sanussi. Ihnen werden Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorgeworfen.

1. Juli

Gaddafi droht mit Anschlägen in Europa, sollte die NATO ihre Luftangriffe gegen sein Regime fortsetzen. Wenn die Angriffe nicht eingestellt würden, „können wir beschließen, euch ähnlich zu behandeln“, erklärt der Diktator in einer vor tausenden Anhängern in Tripolis veröffentlichten Audiobotschaft. „Wenn wir es beschließen, können wir ihn (den Kampf) auch nach Europa bringen.“

22. August

Nach sechsmonatigem Krieg bringen die Rebellen weite Teile der Hauptstadt Tripolis unter ihre Kontrolle. Noch am Vortag hatte Gaddafi die Bewohner von Tripolis zur Verteidigung der Hauptstadt aufgerufen. „Jetzt ist es an der Zeit, für eure Politik, euer Öl, euer Land zu kämpfen“, rief er in einer vom staatlichen Fernsehen gesendeten Audiobotschaft.

10. September

Nach Ablauf eines Ultimatums beginnt der Sturm auf die Gaddafi-Hochburgen Sirte und Bani Walid.

21. September

Die NATO-Staaten verlängert das Mandat für den Libyen-Einsatz bis zum Jahresende.

17. Oktober

Libysche Revolutionsstreitkräfte erobern den Großteil von Bani Walid.

20. Oktober

Nach zunächst unbestätigten Berichten wurde Gaddafi getötet, seine Heimatstadt Sirte wurde erobert.

Wie kann das Ausland helfen, Libyen nach dem Bürgerkrieg zu stabilisieren?

Das Wichtigste ist es, dass wir schnell den vollen Zugriff auf unser Staatsvermögen bekommen. Das ist unser Geld. Ich betone es: Dieses Geld gehört uns. Es gibt keinen Grund mehr, das Vermögen einzufrieren. Aber bei dieser Gelegenheit möchte ich die internationale Unterstützung loben: Man hat uns im Gegensatz zu anderen internationalen Interventionen geholfen, ohne an den eigenen Nutzen zu denken. Zum Beispiel Frankreich: Wir haben keine besondern Beziehungen, Frankreich ist kein wichtiger Handelspartner Libyens, wir kaufen auch keine Waffen dort. Das gilt auch für Qatar oder die Vereinten Arabischen Emirate. Und für die USA: Sie hätten abwarten können, um sich dann an die Seite des Siegers zu stellen. Präsident Obama aber hat seinen Kopf aus der Deckung gestreckt, obwohl er das nicht hätte tun müssen. Er ist ein ehrlicher Mann und steht zu seinen Überzeugungen. Das wissen wir zu schätzen.

Anders Deutschland - sind Sie noch enttäuscht über die mangelnde Unterstützung aus Berlin?

Enttäuschung ist ein persönliches Gefühl. Gefühle haben zwischen Nationen keinen Platz. Die Deutschen haben das getan, was sie damals für richtig hielten und sie haben sich später etwas korrigiert. Das Ganze ist erledigt. Wir sollten uns nach vorne wenden.

Könnte ein Land, das Gaddafi Exil gewährt, normale Beziehungen zum neuen  Libyen haben? Etwa Algerien?

Kein Land wird Gaddafi Exil geben. Auch bei Algerien bezweifele ich das.

Kommentare (2)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

terrone

28.08.2011, 13:56 Uhr

Al-Tahuni und Dschibril, die beiden CIA-Schergen, die haben 30 Jahre in den USA gelebt, was wissen die von Libyen. Das werden die ersten sein, die "weggesaeubert" werden (falls die Clinton nicht die 1st Cav schickt, um die Libyer auf Dauer niederzuhalten).

Pendler

28.08.2011, 15:45 Uhr

Der Ami hat über Wikileads die Unruhen im arabischen Lager initiert und man sicher davon ausgehen, dass sich die USA die Zügel nicht aus der Hand nehmen lassen werden.

Wahrscheinlich wird aber erst einmal der Ölpreis durch das freiwerdende Öl aus Lybien gedeckelt werden. Mal seehn, ob sich die Short-Derivate auf Öl als gutes Investment zeigen.



Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×