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26.05.2011

14:19 Uhr

Völkermord auf dem Balkan

Serbischer Ex-General Mladic festgenommen

Seit Ende 1995 ist er auf der Flucht, nun haben Fahnder Ratko Mladic, den „Schlächter vom Balkan“ festgenommen. Die Festnahme des Kriegsverbrechers ist ein großer Erfolg - auch Serbien profitiert direkt davon.

Mladic festgenommen

Video: Mladic festgenommen

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BelgradDer als Kriegsverbrecher gesuchte frühere bosnisch-serbische General Ratko Mladic ist nach mehr als 15 Jahren auf der Flucht in Serbien festgenommen worden. „Im Namen der Republik Serbien teile ich mit, dass Ratko Mladic verhaftet wurde“, sagte Serbiens Präsident Boris Tadic am Donnerstag in einer eilig einberufenen Pressekonferenz in Belgrad. Jetzt könne Serbien „ein unrühmliches Kapitel seiner jüngeren Geschichte“ abschließen.

Mladic werde in Kürze an das UN-Kriegsverbrechertribunal für das ehemalige Jugoslawien in Den Haag überstellt. Dort muss sich der Militärführer der bosnischen Serben im Bürgerkrieg in Bosnien-Herzegowina von 1992 bis 1995 wegen Völkermords verantworten.  

Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen begrüßte die Verhaftung des früheren bosnischen Serbengenerals. Mladic habe „eine Schlüsselrolle in einigen der dunkelsten Kapiteln der Geschichte des Balkans und Europas gespielt“, heißt es in einer am Donnerstag in Brüssel veröffentlichten Erklärung Rasmussens. 16 Jahre nach der Anklage gegen ihn „bietet seine Verhaftung endlich eine Chance dafür, dass die Gerechtigkeit ihren Lauf nimmt“.

Stationen im Leben von Ratko Mladic

Herkunft

Mladic wurde am 12. März 1942 in dem Dorf Bozanovici nahe Kalinovik im Süden der damaligen jugoslawischen Teilrepublik Bosnien geboren. Sein Vater war ein Widerstandskämpfer, der 1945 von kroatischen Nationalisten der Ustascha getötet wurde. Ursprünglich wollte Mladic Lehrer werden, zog aber nach Belgrad und schloss als einer der drei Besten seines Jahrgangs die Militärakademie ab.

Karriere

Seine militärische Laufbahn begann Mladic 1965. Es dauerte 20 Jahre, bis er Brigadegeneral wurde, wofür Kameraden seine arrogante, undisziplinierte Art verantwortlich machten. Die meiste Zeit war er in Mazedonien stationiert, mit kurzen Aufenthalten in Kroatien und im Kosovo.

Aufstieg zum Kommandeur

Am 15. Mai 1992 machte Radovan Karadzic, Chef der von Bosnien-Herzegowina abgespaltenen Bosnisch-Serbischen Republik, Mladic zum Kommandeur seiner Armee. Diese Position hatte er bis Dezember 1996 inne.

Massaker von Srebrenica

Im Juli 1995 überrannten Mladics Streitkräfte die bosnische Stadt Srebrenica, die zum damaligen Zeitpunkt eine moslemische Enklave war und von UN-Truppen geschützt wurde. Männer und Jungen wurden weggeführt, in Scheunen und Schulen zusammengepfercht und schließlich in aller Öffentlichkeit exekutiert. Mladics Einheiten beschossen zudem eine größere Gruppe von Moslems, die durch ein Waldgebiet zu entkommen versuchte. Innerhalb von sieben Tagen starben etwa 8000 Männer und Jungen, was Mladic die Bezeichnung „Schlächter von Bosnien“ einbrachte.

Anklage in Den Haag

Ende 1995 erhob das UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag unter anderem wegen Srebrenica Anklage wegen Völkermordes gegen Mladic. Derselbe Vorwurf wird Mladic für die fast zweijährige Belagerung von Sarajevo gemacht. Er soll Scharfschützen angewiesen haben, aus dem Hinterhalt auf Zivilisten zu schießen.

Flucht

Noch Jahre nach dem Krieg lebte Mladic unauffällig in Belgrad. Er tauchte 2002 unter, als Machthaber Slobodan Milosevic gestürzt worden war und ihn nicht mehr schützen konnte. Der Nato zufolge besuchte er 2004 einen alten Bunker in Bosnien, um unter den Augen der bosnischen Polizei mit ehemaligen Kameraden zu feiern.

Die wiederholt geforderte Festnahme von Mladic galt als eines der größten Hindernisse bei den Bemühungen Belgrads um eine Mitgliedschaft in der Europäischen Union. Entsprechend stellte Tadic klar, dass Belgrad nun als Gegenleistung für die Verhaftung von Mladic einen zügigen EU-Beitritt erwarte. „Ich hoffe, dass jetzt die Türen offen stehen“, sagte der Präsident.  

Die Verhaftung von Mladic öffne auch die Türen für eine Versöhnung auf der gesamten Balkanhalbinsel, sagte Tadic. „Die Verhaftung ist wichtig für die Versöhnung“. Serbien befreie sich von einer schweren Last.  Details zur Festnahme wollte Tadic nicht preisgeben. „Das werden die Vertreter der Sicherheitsbehörden tun“, sagte er.

Der gewöhnlich gut informierte Sender B92 berichtete, Mladic sei im Norden des Landes dingfest gemacht worden. Der Geheimdienst habe den Gesuchten in dem Dorf Lazarevo bei Zrenjanin verhaftet. Davor hatten serbische Medien berichtet, der Geheimdienst habe am Donnerstagmorgen einen Mann mit dem Namen Milorad Komadic festgenommen, der auffällig viele biografische Merkmale des ehemaligen bosnisch-serbischen Generals aufweise.  

Liste der Anklagepunkte gegen Ratko Mladic

Völkermord

Das Uno-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag wirft Ratko Mladic unter anderem Völkermord und Beihilfe zum Völkermord vor. Der frühere General der bosnischen Serben gilt als Verantwortlicher des Massakers in der Uno-Schutzzone Srebrenica, wo im Juli 1995 etwa 8.000 muslimische Männer und Jungen von bosnisch-serbischen Truppen getötet wurden.

Verbrechen gegen die Menschlichkeit

Des weiteren ist Mladic in sieben Fällen von Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt. Das Gericht beschuldigt den Bosnier der Verfolgung aus politischen, rassistischen und religiösen Gründen. Zudem wird ihm Menschenvernichtung, Mord, Deportation und gewaltsame Vertreibung vorgeworfen. Die Anklagepunkte beziehen sich auf Verbrechen in Srebrenica und Sarajevo sowie in 27 anderen bosnischen Städten und Dörfern.

Verstöße gegen Vereinbarungen und Konventionen

Darüber hinaus werden Mladic sechs Verstöße gegen Vereinbarungen und Konventionen für Kriegsfälle, darunter Mord, Grausamkeit, Angriffe und Terror gegen Zivilisten sowie Geiselnahme vorgeworfen. Von letzterem Verbrechen waren laut Anklage auch Beobachter der Vereinten Nationen sowie internationale Militärbeobachter betroffen.

Der frühere General der bosnischen Serben wird unter anderem für das Massaker von Srebrenica im Sommer 1995 verantwortlich gemacht. Nach der Eroberung der UN-Schutzzone und Muslim-Enklave im Osten Bosniens durch serbische Truppen unter Mladics Befehl wurden damals knapp 8000 muslimische Männer und Jugendliche hingerichtet und in Massengräbern verscharrt. Auch die jahrelange Belagerung von Sarajevo und die vielen Toten in der bosnischen Hauptstadt werden Mladic angelastet, ebenso wie „ethnische Säuberungen“ und die Gräuel in Internierungslagern.  

„Die Gerechtigkeit hat gesiegt“, sagte Semir Guzin, Rechtsvertreter der Vereinigung „Mütter von Srebrenica“ dem britischen Sender BBC. „Wir haben die Hoffnung, dass Mladic bekommt, was er verdient“, sagte Guzin. „Der Prozess der Auslieferung läuft bereits mit seiner Festnahme“, sagte der serbische Präsident Tadic zur baldigen Überstellung des Ex-Generals an das UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag. Dort sitzt bereits Mladics ehemaliger „Vorgesetzter“, Serbenführer Radovan Karadzic, seit seiner Festnahme 2008 ein.

Karadzic hatte jahrelang in Belgrad als Kräuterdoktor und esoterischer Heilpraktiker unter falschem Namen gelebt. In einer ersten Reaktion begrüßte die Menschenrechtsorganisation Amnesty International die Festnahme von Mladic. „Es hat zwar mehr als 15 Jahre gedauert, aber jetzt haben die Menschen, die gelitten haben, die Hoffnung, dass er vor Gericht gestellt wird“, sagte ai-Vertreter Widney Brown.

Kommentare (1)

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Gargamel

26.05.2011, 13:08 Uhr

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