Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

24.01.2012

22:27 Uhr

Völkermord-Gesetz

Frankreich lässt sich nicht einschüchtern

Äußerst erbost hat die Türkei auf Frankreichs Genozid-Gesetz reagiert, das auch die Leugnung des Völkermord des Osmanischen Reichs an Armeniern verbietet. Sarkozy bleibt gelassen. Doch Kritik kommt auch aus Frankreich.

Demonstration vor der französischen Botschaft in Ankara im Dezember 2011. Reuters

Demonstration vor der französischen Botschaft in Ankara im Dezember 2011.

Istanbul/Paris/FrankfurtFrankreich hält trotz aller Drohungen aus der Türkei an seinem neuen Völkermordgesetz fest. Präsident Nicolas Sarkozy will das Gesetz innerhalb einer normal üblichen Frist von 15 Tagen unterzeichnen.

Das am Montag vom Pariser Senat verabschiedete Gesetz stellt die Leugnung von Völkermord unter Strafe. Weil dazu jetzt auch die Tötung von Hunderttausenden Armeniern während des Ersten Weltkrieges im Osmanischen Reich zählt, läuft die Türkei Sturm. Die türkische Presse bezeichnete das Vorgehen Frankreichs als „Guillotine für die Gedankenfreiheit“. Der stellvertretende türkische Ministerpräsident Bülent Arinc verglich am Dienstag in Frankfurt am Main das Gesetz mit der Inquisition und drohte Paris, alle politischen und wirtschaftlichen Beziehungen abzubrechen.

Sarkozy habe bereits am Mittwoch vergangener Woche in einem Schreiben an den türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan um Verständnis gebeten, berichtete die Nachrichtenagentur AFP unter Berufung auf eine ungenannte Quelle im Pariser Präsidialamt. Mit Hinweis auf den eher harmlosen Ausgang vorangegangener Boykottdrohungen hieß es, Paris befürchte auch durch die jüngsten Drohungen aus Ankara „kein nationales Drama“.

Zuvor hatte Erdogan noch einmal Druck auf Sarkozy gemacht. „Wir hoffen noch immer, dass dieser Fehler korrigiert wird“, sagte er. Erdogan kritisierte vor Politikern seiner islamisch-konservativen Regierungspartei AKP in Ankara das Gesetz als rassistisch, diskriminierend sowie als „Massaker an der Meinungsfreiheit“.

Der türkische Ministerpräsident erneuerte indirekt seinen Vorwurf, Sarkozy betreibe mit dem Gesetz ein wahltaktisches Manöver. „Dies ist ein Versuch, mit Feindseligkeit gegenüber der Türkei Stimmen zu gewinnen“, sagte Erdogan. Für die Türkei sei das Gesetz „null und nichtig“.

Mitte Dezember hatte bereits die französische Nationalversammlung das Gesetz verabschiedet. Daraufhin holte die türkische Regierung zeitweise ihren Botschafter zu Konsultationen in die Heimat zurück und schränkte die militärischen Beziehungen zu Frankreich ein.

Senat in Frankreich billigt Verbot von Völkermord-Leugnung

Video: Senat in Frankreich billigt Verbot von Völkermord-Leugnung

Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

Allerdings regt sich auch in Frankreich Widerstand. Außenminister Alain Juppé kritisierte das Völkermordgesetz als nicht zweckdienlich. Im französischen Pay-TV-Sender Canal+ rief Juppé die Türkei aber auf, nicht überstürzt zu reagieren. Frankreich brauche die Türkei und die Türkei brauche Frankreich. „Ich reiche die Hand zur Versöhnung und hoffe, dass man sie eines Tages ergreift“, sagte Juppé.

Kritik kommt auch aus Sarkozys eigenem politischen Lager. Mehrere Abgeordnete seiner konservativen UMP-Partei wollen das Gesetz nach Informationen von AFP in letzter Minute vor dem Verfassungsrat stoppen.

Der Gesetzestext sieht Strafen von bis zu einem Jahr Haft und 45 000 Euro bei der Leugnung von Völkermorden vor, die in Frankreich offiziell als solche eingestuft worden sind. Im Osmanischen Reich kamen nach unterschiedlichen Schätzungen während des Ersten Weltkriegs zwischen 200 000 und 1,5 Millionen Armenier ums Leben. Die Gräueltaten an den Armeniern wurden von mehr als einem Dutzend Staaten als Völkermord gewertet. Die Türkei bestreitet den Genozid.

Armenien begrüßte erwartungsgemäß die Annahme des Gesetzes. „Der Tag, an dem das Gesetz angenommen wurde, trägt sich mit goldenen Buchstaben nicht nur in das Geschichtsbuch der armenisch-französischen Freundschaft ein, sondern auch in die Chronik des Schutzes der Menschenrechte in der Welt“, sagte Außenminister Edward Nalbandjan nach Medienberichten.

Frankreich muss sich nicht nur auf Strafmaßnahmen der türkischen Regierung, sondern auch auf Angriffe von Hackern im Internet einstellen. So kündigte die Gruppe AyYildiz in einer E-Mail an die französische Zeitung „Libération“ Angriffe gegen die wichtigsten Websites staatlicher Einrichtungen und Banken an.

Kommentare (23)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

24.01.2012, 22:46 Uhr

Deutschland,Spanien und Italien müssen Frankreich folgen.

Thomas-Melber-Stuttgart

24.01.2012, 23:05 Uhr

Die Replik von Herrn Sarkozy hatte es ja in sich. Schön, wenn man von unserer Führung ähnliches hören würde!

Eriwan

24.01.2012, 23:10 Uhr

Grundsätzlich halte ich Meinungsverbote in einer Demokratie für ziemlichen Unfug. Insofern gebe ich dem türkischen Ministerpräsidenten in gewisser Weise Recht. Ich halte z.B. die Holocaust-Leugnung in Deutschland unter Strafe zu stellen ebenfalls für Unsinn. Wer den Holocaust leugnet, gehört im Zweifel in die Klappse, aber nicht mit Verboten belegt.

Daß die Türkei einen Völkermord an den Armeniern zu verantworten hat, steht zweifelsfrei fest. Hintergrund ist die Tatsache, daß Armenier (und Griechen) mit Unterstützung Frankreichs den Türken Land wegnehmen wollte. Das war unmittelbar nach dem Ende des 1. Weltkriegs als das osmanische Reich zerfiel. Die Türken unter Ata Türk motivierten vor allem die Kurden (Armenier und Kurden lebten größtenteils in denselben Gebieten) für die türkische Sache einzutreten, indem sie den Kurden u.a. versprachen, nach erfolgreicher Vertreibung und Tötung der Armenier, einen eigenen kurdischen Staat auf türkischem Boden zuzulassen. Die Kurden waren sehr willig und waren folgerichtig die Hauptschlächter der Armeniern. Nachdem die Armenier vertrieben bzw. getötet waren, verlangten die Kurden in ihrem (türkischem) Gebiet einen eigenen kurdischen Staat. Das war um 1923. Die Türkei hat sich an das Versprechen nicht mehr gehalten und hat bis heute zwar kein Armenier-Problem mehr, allerdings dafür ein massives Kurden-Problem. Die Türkei belügt sich mit seiner Geschichte selbst. Solange das so ist, ist auch kein Platz für die Türkei in Europa. Das französische Gesetz macht die Zusammenhänge noch einmal sichtbar, auch wenn natürlich wahltaktische Überlegungen eine große Rolle spielen, da es in Frankreich eine große armenisch-französische Minderheit gibt. Schutzmacht des armenischen Staates ist übrigens Rußland, das große Militärbasen in Armenien unterhält. Der weltweit bekannteste lebende Armenier ist der französische (!) Chansonsänger Charles Aznavour, der von den Armeniern wie ein Heiliger verehrt wird.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×