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03.02.2005

08:14 Uhr

Volkswirte ziehen kritische Zwischenbilanz

Im Wettlauf mit den USA holt Europa kaum auf

VonDorit Hess (Handelsblatt)

Volkswirte haben es schon lange gewusst: „Vollmundig“, „lächerlich“, „Wunschdenken“, „völlig chancenlos“ – so lauteten ihre Antworten, wenn sie auf die „Lissabon-Agenda“ angesprochen wurden. Thomas Straubhaar, Chef des Hamburgischen Welt-Wirtschafts-Archivs (HWWA), verglich die EU-Wachstumsstrategie gar mit „einer deklaratorischen Planwirtschaft wie in der Sowjetunion unter Chruschtschow“. Der habe in den fünfziger Jahren auch die Devise ausgegeben, die USA als stärkste Wirtschaftsmacht zu überholen.

DÜSSELDORF. Jetzt hat auch die Brüsseler Kommission erkannt, dass das Ziel, die EU bis 2010 zur wettbewerbsfähigsten Wirtschaftsregion der Welt zu machen, illusorisch ist. Nicht einmal die Hoffnung, im Wettlauf mit den USA entscheidend aufzuholen, hat sich bisher erfüllt.

Fünf Jahre, nachdem die EU-Regierungschefs in Lissabon ihre ehrgeizige Wachstumsagenda vereinbarten, fällt die Zwischenbilanz ernüchternd aus: Die Produktivität wächst seit Mitte der neunziger Jahre in den USA schneller als in Europa. Während der Output pro Arbeitsstunde jenseits des Atlantiks 2004 um 3,1 Prozent stieg, waren es in der Euro-Zone im Schnitt nur 1,3 Prozent. Zwischen 1987 und 1996 wuchs die Produktivität in Euroland noch doppelt so schnell wie in den USA. Die EU-Wirtschaftsleistung stieg seit 2000 nicht – wie erhofft – um durchschnittlich drei, sondern um weniger als zwei Prozent pro Jahr. Und laut Handelsblatt Business-Monitor International sind Europas Top-Manager überzeugt, dass nicht nur die USA, sondern auch China und Japan ihren Vorsprung vor der EU ausgebaut haben.

Nach einer Studie des US-Forschungsinstituts Conference Board wird der Abstand auf die Vereinigten Staaten künftig eher noch größer. Die Wachstumslücke spiegele nahezu vollständig die unterschiedliche demographische Entwicklung in den USA und in Europa wider, urteilt Goldman Sachs. So sei die europäische Wirtschaftsleistung pro Kopf im zurückliegenden Jahrzehnt im gleichen Tempo gewachsen wie jenseits des Atlantiks.

Trotz aller Kritik verweisen Ökonomen aber auch auf Teilerfolge bei der Aufholjagd: „Deutschland ist in den vergangenen zwei Jahren ein Vorreiter für Reformen in Europa geworden“, sagt Ökonom Holger Schmieding von der Bank of America. Mit Hartz IV sei der Anreiz zur Arbeitsaufnahme erhöht worden – ein Schritt in die richtige Richtung.

Langfristig hat Europa das Potenzial, die USA wieder zu überholen, glaubt HWWA-Präsident Straubhaar: Die Staatsverschuldung in Europa sei wesentlich geringer als in Amerika, die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank sei „sehr effizient“ und auch das Gesundheitswesen sei billiger als in den USA. „Das einzige, was die Amerikaner uns voraus haben, ist das innovative Wachstum von unten und die Risikobereitschaft zu eigenständigem Handeln“, so der Volkswirt.

Nur deregulierte Märkte fördern aber die Selbstständigkeit – daher halten viele Ökonomen die Liberalisierung für das A und O für mehr Wachstum. Man müsse sich dringend von diversen Unterzielen der Agenda verabschieden und sich auf die Deregulierung konzentrieren, meint etwa der Europa-Chefökonom der Deutschen Bank, Thomas Mayer. „Wenn der Druck groß genug ist, entstehen die Reformen auf einem freien Markt von selbst.“

Den Vorschlag von EU-Kommissionschef José Manuel Barroso, in jedem EU-Land einen „Mister Lissabon“ zu ernennen, der über die Umsetzung der Agenda in seinem Land wachen soll, hält Straubhaar allerdings für abwegig: „Wenn den Sowjets nichts mehr einfiel, haben sie den Fortschritt auch personifiziert in einem Planungsminister.“

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