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15.03.2014

12:06 Uhr

Vor dem Referendum

Zuversicht und Furcht auf der Krim

Das bevorstehende Referendum spaltet die Bevölkerung auf der Krim: Die Volksgruppe der Russen blickt der Abstimmung freudig entgegen, ukrainischstämmige Bewohner halten sie für unrechtmäßig.

Eine junge Frau spaziert mit ihrem Kind am Ufer der Bucht von Sewastopol entlang. Im Hintergrund ist ein russisches Kriegsschiff zu sehen. Sewastopol auf der Krim ist seit 230 Jahren stolzer Heimathafen der legendären russischen Schwarzmeerflotte. Wie in einer russischen Stadt fühlen sich die etwa 350 000 Einwohner schon lange. Nun könnten sie sich schon bald wirklich von der Ukraine abspalten. dpa

Eine junge Frau spaziert mit ihrem Kind am Ufer der Bucht von Sewastopol entlang. Im Hintergrund ist ein russisches Kriegsschiff zu sehen. Sewastopol auf der Krim ist seit 230 Jahren stolzer Heimathafen der legendären russischen Schwarzmeerflotte. Wie in einer russischen Stadt fühlen sich die etwa 350 000 Einwohner schon lange. Nun könnten sie sich schon bald wirklich von der Ukraine abspalten.

SimferopolAn Ampeln in der Krim-Hauptstadt Simferopol verkaufen Händler die russische Flagge an Autofahrer. Aus Kleinbussen mit aufgedruckten Wahlslogans ertönen patriotische Lieder. Ein Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg ist zur Sammelstelle für gespendete Decken und Dosennahrung geworden. Sie sind für die Bewaffneten gedacht, die in den Straßen patrouillieren.

Einer der beiden Fernsehsender, die dieser Tage auf der Krim senden dürfen, bezieht offen Position: Er strahlt Videoclips mit dem Slogan „16. März: Gemeinsam mit Russland“ aus, dazu erklingt die russische Nationalhymne. In den Clips werden höhere Renten, höhere Löhne und eine bessere Lebensqualität versprochen - unter der Ägide Russlands. Wenige Tage vor dem Referendum über einen Beitritt zu Russland ist die Stimmung auf der Krim geprägt von nationalistischem Eifer, Unsicherheit und Angst.

Für Mitglieder der russischen Volksgruppe ist die für Sonntag angesetzte Abstimmung seit langem überfällig, eine Gelegenheit, einen in ihren Augen historischen Fehler zu korrigieren. Unter den Ukrainern und Tataren, die auf der Krim in der Minderheit sind, herrscht Furcht vor. Sie befürchten eine Trennung von der Ukraine, einen Verlust ihrer Identität und Überfälle durch Schläger, die die prorussische Regionalregierung ungehindert agieren lässt.

Die prorussische Seite hat klar die Oberhand. In Simferopol und der Hafenstadt Sewastopol kursieren Flugblätter, in denen zu einem „Ja“ beim Referendum aufgerufen wird. „Als Teil eines mächtigen, multinationalen Landes werden unsere Kultur und Traditionen geschützt werden“, heißt es auf einem der Zettel. „Wir sind bereit, für Russland zu stimmen“, sagt Swetlana Alexandrowa, eine 72-jährige frühere Dolmetscherin. „Die Krim ist russisch, und diese Abstimmung führt uns einfach wieder nach Hause.“

Krim-Krise alarmiert osteuropäische Länder

Polen

Polen hat sich als Nachbar der Ukraine früh an die Spitze der Initiativen gegen Russland gestellt. Präsident Bronislaw Komorowski forderte wegen des russischen Eingreifens in der Ukraine „Konsultationen gemäß Artikel 4 des Nato-Vertrages“. Dieser regelt das Vorgehen, wenn ein Mitgliedstaat die Unversehrtheit des Nato-Gebiets oder die Sicherheit bedroht sieht. Die Sicherheit Polens sei zwar nicht direkt bedroht, Russland habe aber zweifellos das Völkerrecht gebrochen, sagte Komorowski.

Der polnische Außenminister Radoslaw Sikorski verurteilte die „Verletzung der ukrainischen Grenze“: „Weder Polen noch die Welt kann das tolerieren. Denn wir wissen, dass das Raubtier durch das Fressen immer noch mehr Appetit bekommt. Für die freie Welt ist es wichtig, sich dessen bewusst zu sein.“

Tschechien

Die Mitte-Links-Regierung in Prag verurteilte die „schleichende Besetzung“ der Schwarzmeer-Halbinsel Krim als einen Akt der Aggression. Er erinnere an den Sowjet-Einmarsch in Prag 1968. Der russische Botschafter wurde ins Außenamt zitiert, der nationale Sicherheitsrat kam zusammen. Auf EU-Ebene plädiert Tschechien für ein härteres Vorgehen gegen Russland und fordert einen sofortigen Stopp der Verhandlungen über Visa-Erleichterungen. Wirtschaftliche Sanktionen lehnt Ministerpräsident Bohuslav Sobotka indes ab, weil sie beide Seiten treffen würden.

Baltikum

Nach der russischen Aggression in der Ukraine wächst auch die Sorge in den drei kleinen Baltenstaaten Estland, Lettland und Litauen. Unmittelbar nach Beginn der Krim-Krise riefen sie ihre Nationalen Sicherheitsräte ein und verurteilten in scharfer Tonlage das Vorgehen Moskaus. Führende Politiker kritisierten auch die Reaktion der internationalen Gemeinschaft im Ukraine-Konflikt mitunter als „zögerlich“, „zu langsam“ und „feige“.

In allen drei Ländern diskutiert die Öffentlichkeit, inwieweit der Westen tatsächlich bereit wäre einzugreifen, sollte Russland etwa zum Schutz der starken russischen Minderheiten in Estland und Lettland ins Baltikum einmarschieren. Dabei überwiegt die Überzeugung, dass das militärische Machtstreben des Kremls an den Grenzen der drei EU- und Nato-Länder haltmachen würde. „Wir sind bereit, uns selbst zu verteidigen, und wir werden von der Nato geschützt“, sagte Litauens Staatspräsidentin Dalia Grybauskaite bei einer Visite auf dem litauischen Militärflugplatz in Zokniai. Dort werden die USA auf gemeinsame Bitte der drei Länder zusätzliche Kampfjets für die Nato-Mission zur Sicherung des baltischen Luftraums stationieren.

Slowakei

Die Slowakei befindet sich als direktes Nachbarland der Ukraine in einer Zwickmühle. Einerseits verurteilte Regierungschef Robert Fico den russischen „Bruch des Völkerrechts“ und betonte mehrfach, sein Land werde alle Maßnahmen der EU gegen Russland mittragen. Auch an einer OSZE-Inspektionsgruppe in der Ukraine beteiligt sich die Slowakei. Andererseits würden Wirtschaftssanktionen auch die Slowakei selbst treffen. Nicht nur wegen ihrer Abhängigkeit von russischen Gasimporten, sondern auch weil der russische Markt für slowakische Firmen - allen voran Volkswagen Slovakia als größter Exporteur – immer wichtiger wird.

Bulgarien

Bulgarien fürchtet wegen des Ukraine-Konflikts um seine Energielieferungen aus Russland. Ein Krisenstab wurde einberufen, um die Risiken zu erörtern. Das EU-Land ist im Energiebereich noch immer fast komplett von Russland abhängig. Die Regierung der Sozialisten wollte wohl deswegen eine Stellungnahme zum Ukraine-Konflikt abwarten und sehen, was der EU-Sondergipfel beschließt. Der bürgerliche Staatschef Rossen Plewneliew verurteilte dagegen die „Anwendung militärischer Gewalt zur Okkupation von fremden Staatsgebieten“. In der Ukraine leben mehr als 200 000 ethnische Bulgaren, die auf den Gebrauch der Muttersprache bestehen.

In Sewastopol, Heimatstützpunkt sowohl der russischen als auch der ukrainischen Schwarzmeerflotte, reagieren Bewohner verächtlich auf westliche Reporter. Der Westen verbreite Lügen und unterstütze Faschismus in der neuen Regierung in Kiew. Es gibt Berichte über vereinzelte Überfälle auf Angehörige der ukrainischen Volksgruppe, nächtliche Entführungen und andere Übergriffe seitens paramilitärischer „Selbstverteidigungsgruppen“.

Wjatscheslaw Tymtschuk, ein 23-jähriger proukrainischer Aktivist, sagt, er sei einer Gruppe von etwa zehn Männern mit automatischen Waffen, Pistolen und Messern begegnet. Mitten in Simferopol hätten sie zwei ukrainische Soldaten brutal geschlagen. Als er dazwischen gehen wollte, hätten ihn die Männer verprügelt, mit der Pistole geschlagen und getreten, als er bereits am Boden lag. „Sie fragten nicht einmal, wer ich bin“, sagt Tymtschuk. Sein rechtes Auge ist zugeschwollen, Kopf und Körper weisen Schnittwunden und Prellungen auf. „Sie haben nichts zu mir gesagt.“

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