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25.01.2016

06:39 Uhr

Vor den Syrien-Gesprächen

Gerangelt, gedroht und gestritten

VonMartin Gehlen

Wer darf bei der Syrien-Konferenz in Genf am Tisch sitzen? Darüber gehen die Meinungen vor Beginn der Verhandlungen weit auseinander. Derweil feilen die USA an einer Militärstrategie, falls die Gespräche scheitern.

Wo sollen denn nach mehr als fünf Jahren Bürgerkrieg die gemäßigten Kreise herkommen? dpa

Bürgerkrieg in Syrien

Wo sollen denn nach mehr als fünf Jahren Bürgerkrieg die gemäßigten Kreise herkommen?

Berlin„Wo sollen denn nach mehr als fünf Jahren Bürgerkrieg die gemäßigten Kreise herkommen?“ – Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) ließ am Wochenende keinen Zweifel daran, dass er zur Rettung der Syrien-Friedensgespräche auch Vertreter islamistischer Rebellengruppen an den Tisch will. „Ich fürchte, wir sind weit über den Moment hinaus, wo wir uns wirklich alle Gesprächspartner und Verhandlungsteilnehmer aussuchen könnten“, ließ der Minister die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ wissen.

Wegen des Streits der Konfliktparteien und der involvierten Länder über die Delegationen könnte sich der für Montag geplante Auftakt der Verhandlungen in Genf verzögern. Bis zuletzt wurde gerangelt, gedroht und gestritten. Umkämpft ist vor allem die Zusammensetzung der syrischen Opposition in Genf, wo sich das Regime und seine Gegner erstmals seit zwei Jahren wieder gegenübersitzen.

Wer kämpft gegen wen in Syrien?

Bürgerkrieg in Syrien

Seit mehr als vier Jahren tobt in Syrien ein Bürgerkrieg. Dem Regime in Damaskus steht eine Vielzahl von Gegnern gegenüber, die Lage ist unübersichtlich. Längst werden die Rebellen von islamistischen und radikalen Gruppen dominiert.

Regime

Die Armee kontrolliert noch immer die meisten großen Städte wie Damaskus, Homs, Teile Aleppos sowie den Küstenstreifen. Unterstützt werden Assads Anhänger von der libanesischen Schiiten-Miliz Hisbollah sowie von iranischen Kämpfern.

Islamischer Staat (IS)

Die Terrormiliz ist die stärkste Kraft in Syrien. Sie kontrolliert im Norden und Osten riesige Gebiete. Allerdings mussten die Extremisten in diesem Jahr mehrere Niederlagen gegen die syrischen Kurden einstecken.

Dschaisch al-Fatah

Dabei handelt es sich um ein Bündnis verschiedener moderater und radikaler Gruppen, darunter die radikale Al-Nusra-Front, die islamistische Miliz Ahrar al-Scham und Brigaden, die sich als Teil der moderaten Freien Syrien Armee (FSA) sehen. Das Bündnis beherrscht im Nordwesten Syriens die Provinz Idlib.

Al-Nusra-Front

Der Ableger des Terrornetzwerkes Al-Kaida vertritt eine ähnliche Ideologie wie IS, beide Gruppen sind aber miteinander verfeindet. Die Nusra-Front ist vor allem im Nordwesten des Landes stark, kämpft aber auch im Süden.

Ahrar al-Scham

Die islamistische Miliz ist neben der Nusra-Front die wichtigste Kraft des Rebellenbündnisses Dschaisch al-Fatah. Sie gibt sich pragmatischer und weniger radikal als der Al-Kaida-Ableger.

Freie Syrische Armee

Die FSA ist keine Armee im eigentlichen Sinne, es gibt auch keine einheitliche Führung. Mehrere moderate Gruppen rechnen sich ihr jedoch zu. Stark sind diese im Nordwesten, wo sie auch zu dem Rebellenbündnis gehören, sowie im Süden.

Kurdische Volksschutzeinheiten

Mit Hilfe der US-Luftwaffe konnte die YPG den IS aus großen Gebieten im Norden Syriens zurückschlagen. Dort haben die Kurden eine Selbstverwaltung aufgebaut. Sie kooperieren mit dem Regime, aber auch mit dessen Gegnern. Zuletzt kam es jedoch zu Zusammenstößen mit Rebellengruppen in Aleppo.

Moskau will die islamistischen Brigaden der „Armee des Islam“ (Jaish al-Islam) nicht mit am Tisch. Washington dagegen lehnt Vertreter der syrischen Kurdenmiliz PYD ab, einem Ableger der PKK, die in den USA als Terrororganisation gilt. Doch auch wenn sich der für Montag geplante Verhandlungsstart noch etwas verzögert, werden die Gespräche letztlich wohl wie geplant in Gang kommen. Denn US-Außenminister John Kerry und sein russischer Amtskollege Sergej Lawrow räumten bei ihrem Treffen vergangene Woche in Zürich offenbar die letzten Hürden aus dem Weg.

Nach ihrem Kompromiss, über den der US-Wirtschaftsdienst Bloomberg berichtete, wird UN-Vermittler Staffan de Mistura nun zwei Delegationen von Assad-Gegnern nach Genf bitten, die eine mehr nach dem Geschmack des Westens und der Golfstaaten, die andere mehr nach der Vorstellung Moskaus. Einzelheiten will der UN-Diplomat am Montag bekannt geben.

Der Ende 2015 in Wien international vereinbarte Syrien-Fahrplan sieht vor, dass die Genfer Gespräche Mitte des Jahres in einer nationalen Übergangsregierung münden, begleitet von einem Waffenstillstand. Bis Ende 2017 soll das syrische Volk dann eine neue Verfassung verabschieden und eine neue Führung wählen.

Russlands Präsident Wladimir Putin scheint klar, dass in diesem Rahmen die Tage von Bashar al-Assad gezählt sind. Nach einem Bericht der „Financial Times“ schickte der Kreml-Chef im Dezember einen hochrangigen General mit der heiklen Mission nach Damaskus, den Diktator zum Rücktritt zu drängen, den Alawiten das Überleben ihres Regime zu garantieren und zu fordern, man solle mit der moderaten Opposition „realistisch“ verhandeln – ein Ansinnen, das Assad rundheraus ablehnte.

Kommentare (16)

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Account gelöscht!

25.01.2016, 08:53 Uhr

Was sind das für Zeiten, in denen eine seriöse Zeitung wie das Handelsblatt kommentarlos darüber berichtet, daß die USA auf dem Territorium Syriens einen Luftwaffenstützpunkt errichten, ohne daß die Regierung Syriens dazu ihre Erlaubnis gegeben hätte!

Was die USA tun, ist ein klarer, verbrecherischer Akt der Aggression. Da gibt es überhaupt nichts zu beschönigen oder zu verharmlosen. Daß die deutschen Leitmedien dies so einfach zur Kenntnis nehmen, ohne sich darüber zu empören, zeigt, wie wie weit sie von anständigem Journalismus entfernt sind.

Ins Bild paßt, daß das HB berichtet, Putin habe einen Abgesandten nach Damaskus geschickt, um Assad zum Amtsverzicht zu bewegen, ohne gleichzeitig zu berichten, daß Rußland diese Meldung klar und entschieden dementiert hat.

Putins Position ist von Anfang an unverändert. Er erklärt, daß niemand anderes als das syrische Volk selbst entscheiden kann, wer es regieren soll. Alle ausländischen Kräfte, und damit sind natürlich auch die amerikanischen Invasionstruppen gemeint, sind nicht legitimiert, sich in diese Entscheidung Syriens einzumischen.

Herr Peter Djordjevic

25.01.2016, 08:56 Uhr

Erstaunlich das die Russen überhaupt nicht als Kriegspartei auftauchen. Die Amerikaner und die Kurden scheinen die einzigen zu sein die dort kämpfen. Auch wird nicht beleuchtet wenn Syrien zur UNO geht und sich die Einmischung der Amerikaner und anderen Europäische Staaten verbietet.
Da ist es ein wenig verwunderlich wenn angemerkt wird das im "kurdischen Teil Syriens" von den Amerikaner Flughäfen ausbaut.Es gibt keinen Kurdischen Teil Syriens so wenig wie es einen Kurdischen Teils der Türkei gibt werden.
In dem Zusammenhang, wenn nun Türkisches Gerät oder Soldaten in Syrien, von Russen getötet werden, was dann? Tritt dann der Nato Fall ein?

Herr Peter Westermann

25.01.2016, 09:06 Uhr

Das Gequatsche in Genf interessiert mich gelinde ausgedrückt einen Dreck. Es hat so gut wie keinen Einfluss auf die derzeitige Wirtschaft und Politik in Deutschland . Und da übt das HB unangenehme Zurückhaltung in der Berichterstattung. Solange sich das nicht ändert, werde ich das Blatt nicht mehr kaufen.

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