Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

19.12.2015

10:06 Uhr

Vor der Wahl in Spanien

Die Arbeitslosen misstrauen den etablierten Parteien

Essen von der Suppenküche, Geld von den alten Eltern: So müssen viele Spanier leben. Die Arbeitslosenquote liegt bei rund 21 Prozent, bei Jugendlichen ist sie noch höher. Das hat Folgen für die heutige Wahl.

Proteste in Madrid: „Unser Leben steht zum Verkauf“, ist auf dem Schild zu lesen, das sich der Mann umgehängt hat. Viele Spanier im Alter zwischen 15 und 29 Jahren gehen weder zur Schule oder Uni, noch haben sie einen Job. Reuters

Frust und Wut in Spanien

Proteste in Madrid: „Unser Leben steht zum Verkauf“, ist auf dem Schild zu lesen, das sich der Mann umgehängt hat. Viele Spanier im Alter zwischen 15 und 29 Jahren gehen weder zur Schule oder Uni, noch haben sie einen Job.

MadridGema Martín hat ihre Stelle unter der sozialistischen Regierung in Spanien verloren und hat auch unter der konservativen Mehrheit keinen neuen Job gefunden. Als Teilzeit-Angestellte in der Verwaltung einer Firma hatte sie 2008 noch „800 Euro, ich hatte eine Krankenkasse, Urlaub“, erinnert sich die 43-Jährige. Heute überlebt sie im Madrider Vorort Vallecas teils durch Suppenküchen für Hilfsbedürftige, teils durch die Unterstützung ihrer 73-jährigen Mutter. „Ich bekomme kein Arbeitslosengeld mehr. Auch keine Hilfe.“

Wahl in Spanien: „Wir müssen mehr Risiken teilen“

Wahl in Spanien

Premium „Wir müssen mehr Risiken teilen“

Der bisherige spanische Wirtschaftsminister Luis de Guindos spricht im Interview über den Haushaltsstreit mit Brüssel, Rekordwachstum und Verkaufspläne für die Staatsbank Bankia.

So wie Gema geht es vielen Menschen in Spanien, wo am Sonntag das Parlament neu gewählt wird. In der Finanz- und Wirtschaftskrise wuchs das Heer von Arbeitslosen an, zu denen auch der Ehemann von Gema zählt, der früher bei einer Versicherung arbeitete. „Meine Mutter hilft uns. Sie hat eine Rente von 632 Euro, aber die Miete liegt bei 552 Euro“, sagt Gema. Immerhin konnte die Mutter so verhindern, dass ihre Tochter auf der Straße landete.

Bei rund 21 Prozent liegt die Arbeitslosenquote in Spanien, bei den Jugendlichen noch weit höher. Auch wenn die Zahl der Arbeitslosen unter dem konservativen Regierungschef Mariano Rajoy auf rund 4,15 Millionen Anfang Dezember leicht zurückgegangen ist - der Höchststand war 2013 mit rund sechs Millionen erreicht - so liegt dies doch einfach auch daran, dass die Zahl der Erwerbsfähigen gesunken ist.

Die vier wichtigsten spanischen Parteien

Volkspartei (PP)

Die Konservativen von Ministerpräsident Mariano Rajoy errangen 2011 Jahren das beste Ergebnis ihrer Parteigeschichte. Sie regieren Spanien seither mit absoluter Mehrheit. Zur Sanierung der Staatsfinanzen erließ die Rajoy-Regierung eine Reihe von Sparmaßnahmen. Dies brachte der PP drastische Einbußen in der Wählergunst ein. Der Abwärtstrend wurde dadurch verstärkt, dass die PP von einer Serie von Korruptionsskandalen erschüttert wurde.

Sozialistische Arbeiterpartei (PSOE)

Die Sozialisten konnten aus den Problemen der Konservativen keinen Nutzen ziehen. Sie hatten bei der Wahl im November 2011 ihr schlechtestes Ergebnis der jüngeren Geschichte erzielt. Von diesem Schock erholten sie sich bis heute nicht. Auch die Wahl des Ökonomen Pedro Sánchez zum neuen Parteichef brachte bislang keinen Umschwung.

Cuidadanos (Bürger)

Die liberale Partei des Anwalts Albert Rivera ging 2006 aus einer Initiative in Katalonien hervor, die sich gegen die separatistischen Tendenzen in der Region zur Wehr gesetzt hatte. Vor gut einem Jahr dehnte sie ihre Aktivitäten auf ganz Spanien aus. Die Partei mit dem Kürzel C's versteht sich als sozialliberal und könnte eine Schlüsselrolle bei der Regierungsbildung spielen.

Podemos (Wir können)

Die neue Linkspartei erlebte nach ihrer Gründung vor knapp zwei Jahren einen spektakulären Aufstieg. Die basisdemokratisch organisierte Partei stand in Umfragen zeitweise ganz vorne. Zuletzt verlor die aus der Bewegung der „Empörten“ hervorgegangene Gruppierung ein wenig an Rückhalt in der Bevölkerung.

Die politischen Gegner Rajoys, dessen Partei bei der Wahl am Sonntag laut Umfragen zwar wieder zur stärksten Kraft werden könnte, der aber die absolute Mehrheit verlieren dürfte, prangern viele neue Stellen als „Müll“-Jobs von maximal einer Woche Dauer an. Die gesamte Opposition - Sozialisten, die Liberalen von Ciudadanos und die anti-liberale, linksgerichtete Podemos-Partei - fordert auf jeden Fall eine Reform im Bildungs- und Ausbildungswesen.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×