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26.10.2011

20:29 Uhr

Vor Ort

Griechenland ungeschminkt

Für Griechenland wird es eine Schicksalswoche. Die Regierungschefs der EU haben am Mittwoch neue Hilfskredite beschlossen, außerdem einen Schuldenschnitt von 50 Prozent. Doch was bedeutet das für das Land, seine Banken, Unternehmen - und für die Griechen selbst? Unsere Redaktion produziert die kommende Wochenendausgabe in Athen. 20 Reporterinnen und Reporter des Handelsblatts sind vor Ort. Sie versorgen unser Online-Angebot ständig mit Eindrücken und Schilderungen des alltäglichen Lebens.

Handelsblatt vor Ort

Griechenland ungeschminkt

Handelsblatt vor Ort: Griechenland ungeschminkt

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+++Freitag, 28. Oktober 2011+++

+++Alles 50 Prozent billiger: Der Grieche hat's ja: wer am Tag nach dem Haircut auf die Akropolis will, wo Hunde auf antiken Quadern in der Sonne dösen und Massenklicks noch ganz analog per Kamera stattfinden, braucht keinen Eintritt zu zahlen. Und der Haircut ist auch schon am Souvernirshop an der Akropolis angekommen: Basecaps für nur noch 6 statt 12 Euro. Drachmen werden nicht genommen. Und beim Silberschmuck in der Fussgängerzone unterhalb heißt es: Alles 50 Prozent billiger.+++

+++Korruption bei Obdachlosen: Die Krake Korruption hat in Athen ihre Tentakeln selbst in die Höfe der Arbeits- und Obdachlosen gesteckt: Kürzlich wurden der Leiter des staatlichen Obdachlosenheims und ein Vizebürgermeister Athens von der Polizei verhaftet, als sie von einem 45-jährigen Chef eines Cateringunternehmens 10.000 Euro in einem Umschlag übergeben bekamen. Firmenchef und Polizei hatten den korrupten Staatsdienern eine Falle gestellt. Denn nachdem der 45-Jährige schon einmal 7000 Euro abgepresst hatten, wollten sie nun mehr. Und: Er habe auch noch zehn Prozent seiner offenen Rechnungen an die Stadt, 406.000 Euro Schmiergeld, überweisen sollen an das Duo, damit die Stadtväter ihre Schulden an die Lieferfirma begleichen.+++

+++Donnerstag, 27. Oktober 2011+++

+++Protestmüde Griechen: Es sieht so aus, als hätten die Ausschreitungen der vergangenen Woche den Griechen die Lust am Protestieren genommen. Gestern Abend versammelte sich noch ein kleines Häufchen auf dem Syntagma-Platz vor der Parlament, um Gesicht zu zeigen. Heute herrscht normales Leben auf dem Platz. Arbeiter entfernen mit Hochdruckreinigern Protestsprüche von den Mauern - schließlich ist morgen Nationalfeiertag mit Parade. Nur die zerstörten Fassaden der umliegenden Gebäude erinnern noch an die Vorfälle. Morgen allerdings könnte es zur Feierstunde zu Protest kommen.+++

+++Mittwoch, 26. Oktober 2011+++

+++Krise am Tresen: Von wegen "Tanz auf dem Vulkan": Selbst das Nachtleben in Athen leidet unter der Krise. 60 Prozent sind die Umsätze in letzten Jahr zurückgegangen, niedrigere Preise lassen die Margen schrumpfen. Nickolas Vrontissis immerhin kann seine Gäste halten. Seine Bar Hoxton im Partydistrikt hinter dem stillgelegten Gaskraftwerk floriert noch immer - weil sie angesagt ist. Derzeit stellt ein Künstler hier abgedrehte Clown-Skulpturen aus. "Wir haben den gehalten, weil wir professionell arbeiten", sagt der studierte Marine-Ingenieur Vrontissis - und schimpft über zu viele blutige Anfänger in der Branche.+++

+++Blind Dates: Der Gouverneur der Region Peloponnese im Süden präsentiert uns einen verwegenen Plan: Griechische Banken sollen ausländischen Investoren das Risiko abnehmen. Ein Fonds von Banken, Region und Investoren soll das ermöglichen. Vorbild sind ähnliche Pläne in Polen. Für Investoren wäre das attraktiv - die Umsetzung ist allerdings schwer. Was es schon gibt: Blind Dates für Investoren und Unternehmer vor Ort.+++

+++Sparpolitik tötet Mittelstand: Constantine Michalos thront hinter seinem Schreibtisch in einem riesigen Büro, an der Wand in Öl seine Vorgänger als Präsidenten der Athener Handelskammer. Zur Begrüßung holt der kräftige Mann tief Luft, legt gleich los: „Diese Regierung ist kriminell. Wenn sie abtritt, wird Griechenland zum ersten Mal nach der Revolution Sondertribunale brauchen, um die Verbrechen aufzuklären.“ Die Verpflichtung des Staats gegenüber IWF und EU zur Sparpolitik töte den Mittelstand - und Griechenland gebe mit Absicht oder aus Dummheit seine Souveränität auf, wütet Michalos. „Wir brauchen eine Wende um 180 Grad. Statt zu sparen muss der Staat Geld geben, um die Wirtschaft anzukurbeln“, ruft er. Griechenland habe in jedem Fall das Recht, den Euro zu behalten. „Ich habe vielmehr den Verdacht, dass Deutschland den Euro abschaffen will“, sagt er. Es müsse eben ein Schuldenschnitt für Griechenland kommen, wie groß auch immer. Schließlich sein das Land Opfer der Krise, nicht ihr Auslöser, die Banken solider als anderswo.

Inzwischen habe die Opposition viele der Positionen der Handelskammer übernommen. Michalos ist kein Außenseiter: Er ist oberster Repräsentant der Hauptstadt der Wirtschaft und damit offizieller Regierungsberater - auch wenn er nur seine "persönliche Meinung" kundtut.+++

+++Nein-Tag: Schuldenkrise hin oder her, die Griechen rüsten sich für ihren Nationalfeiertag. Am Freitag ist Ochi-Tag, übersetzt Nein-Tag. Vor 61 Jahren hatte Griechenland ein Ultimatum Italiens abgelehnt, was zum Krieg beider Länder führte. Vor dem Parlament in Athen wird bereits die Tribüne errichtet, an der die Parade vorbeiziehen soll. Wollen wir hoffen, dass der Eurogipfel am Donnerstag kein neuer Ochi-Tag wird.+++

+++Erfolgsmodell Flughafen: Der Flughafen Athen könnte eine Blaupause für das Land werden. Mit der Eröffnung vor zehn Jahren wurde der ineffiziente Stadtflughafen abgelöst. Das privat geführte Unternehmen hat direkt und indirekt 15000 Arbeitsplätze geschaffen und 750 Millionen Euro an Gewinn an den Staat überwiesen, wie uns Vorstandschef Yiannis Paraschis sagte. "Es gibt nun Überlegungen, dass Erfolgsmodell auf andere Unternehmungen zu übertragen."+++

+++Gauleiter der Taskforce: Eine hitzige Atmosphäre herrschte bei der gerade beendeten Pressekonferenz des deutschen Leiters der EU-Taskforce für Griechenland, Horst Reichenbach. "Wie fühlt es sich denn an, als Gauleiter bezeichnet zu werden?", rief ein erregter griechischer Journalist herein, ohne sich um die Reihenfolge der Fragen zu kümmern. Reichenbach blieb äußerlich ruhig und antwortete, dieser Vergleich liege außerhalb seines Verständnisses.+++

+++Griechisches Verkehrschaos: Eine Autofahrt durch Griechenland ist ein kleines Abenteuer. Denn allgemeine Verkehrsbestimmungen scheinen bei den Griechen nicht besonders beliebt zu sein. An Geschwindigkeitsbegrenzungen hält sich hier kaum jemand; jeder fährt, so schnell er will oder kann. Geblitzt oder kontrolliert wird nicht. Da entgeht dem Staat eine schöne Einnahmequelle. Auch Straßenbemalungen könnten sich die Griechen eigentlich sparen - jeder fährt, wo Platz ist. Nur kann es schon mal sein, dass die Straße plötzlich endet. So auch die Autobahn quer durch die Peloponnes. Obwohl in der Karte schon eingezeichnet, führt sie leider nicht zum Ziel. Und Fahrten über Land können sich schon mal verzögern: Weil ein Schwertransporter vorbei wollte, mussten wir 30 Minuten auf der Landstraße warten. Am Ende hatte sich eine Autoschlange gebildet, die länger war als wir schauen konnten. Auf die Idee, solche Transporte nachts zu machen, sind die Griechen wohl noch nicht gekommen. Dabei wäre das praktisch: Nachts ist fast niemand auf den Straßen, schon gar nicht auf der Autobahn in der Peloponnes. Aber im Abstand von ca. 20 Metern erleuchten Laternen die Fahrbahnen beinahe taghell. Ein netter Service, aber eine umso nettere potenzielle Einsparmöglichkeit.+++

Kommentare (14)

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Account gelöscht!

25.10.2011, 08:39 Uhr

Man kann Griechenlad betrachten wie man will, aber eines isty klar: wenn man zecht, muss man irgendwann die Zeche beyahlen. Und die ist meist hoch.

Account gelöscht!

25.10.2011, 10:37 Uhr


Die Schminke ist noch lange nicht ab. Der Yachtyogi jammert trotz fetter bulgarischer und russischer Kunden/ "Investoren" vor sich hin und wir Blödmänner fressen die Geschichte. Entweder wir nehmen die Ist-Faktoren ernst oder wir zocken weiter mit Hoffnung und Spekulationen rum.
Hinterfragt bei den "richtigen Leuten", orthodoxe Heiligen-/Fleißbildchen reichen nicht aus.

stetson

25.10.2011, 11:40 Uhr

Sehr intelligenter Vorschlag! Bravo! Warum haben die Amis Deutschland nach dem 2. Weltkrieg eigentlich nicht an die Russen verschenkt?

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