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31.10.2015

14:06 Uhr

Vor Präsidentschaftswahl

Türkische Polizei riegelt erneut Zeitungs-Redaktionen ab

Sicherheitskräfte haben den Sitz der „Cumhuriyet“ in Istanbul und Ankara abgeriegelt. Der Grund laut Behörden: Die Zeitung könne ein Anschlagsziel der IS-Terrorgruppe gewesen sein. Der Chefredakteur aber macht weiter.

Die Zeitung selbst berichtete am Samstag, sie habe Informationen von der Polizei bekommen, die bei festgenommenen IS-Verdächtigen in Gaziantep in der Nähe der syrischen Grenze die Adresse von Cumhuriyet gefunden habe. AFP

Cumhuriyet ist Drohungen gewöhnt

Die Zeitung selbst berichtete am Samstag, sie habe Informationen von der Polizei bekommen, die bei festgenommenen IS-Verdächtigen in Gaziantep in der Nähe der syrischen Grenze die Adresse von Cumhuriyet gefunden habe.

IstanbulKurz vor der Wahl in der Türkei am Sonntag sind wegen angeblicher Anschlagspläne von Islamisten die Sicherheitsmaßnahmen für eine bekannte Oppositionszeitung verstärkt worden. Rund um den Sitz der linksgerichteten Zeitung Cumhuriyet in Istanbul sowie um das Zeitungsbüro in der Hauptstadt Ankara zogen ab Freitagabend Polizisten auf und errichteten Sperren. Hintergrund sind Befürchtungen der türkischen Behörden, dass die Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) vor der Parlamentswahl einen Anschlag auf die Zeitung verüben könnte.

Die Zeitung selbst berichtete am Samstag auf ihrer Titelseite, sie habe Informationen von der Polizei bekommen, die bei festgenommenen IS-Verdächtigen in Gaziantep in der Nähe der syrischen Grenze die Adresse von Cumhuriyet gefunden habe. „Diese Zeitung ist daran gewöhnt, trotz solcher Drohungen zu erscheinen“, schrieb ihr Direktor Akin Atalay am Samstag.

Zahlreiche Redakteure versammelten sich am Samstagvormittag vor den Absperrgittern der Polizei und baten um Einlass, der ihnen schließlich gewährt wurde. Seitdem läuft der Zeitungsbetrieb normal weiter. Das Gebäude im Istanbuler Stadtteil Sisli wird seit Monaten von einem privaten Sicherheitsdienst bewacht. Jeder, der in die Redaktion will, muss durch einen Metalldetektor – wie am Flughafen.

Tödliche Anschläge in der Türkei (Chronik)

Oktober 2016

Am 6. Oktober begeht die TAK einen Bombenanschlag in Istanbul. Auch die PKK attackiert türkische Polizisten in Hakkari. Am 14. Oktober kommt es zu einem Raketenangriff auf die Touristenprovinz Antalya. Der letzte Anschlag ist bisher ungeklärt.

September 2016

Auch im folgenden Monat schlägt die PKK mehrmals zu: mit einer Autobombe in der türkischen Stadt Van sowie mehreren weiteren Bombenanschlägen in der Südosttürkei sowie in Mardin.

August 2016

Am 17. August begeht die kurdische Terrororganisation PKK einen Anschlag auf ein Polizeihauptquartier in Elazig. Wenige Tage später kommt es zu einer Attacke ebenfalls auf eine Polizeistation in Cizre, für die auch die PKK verantwortlich gemacht wird.

Februar 2016

Die kurdisch-sozialistische Terrororganisation TAK (deutsch: Freiheitsfalken Kurdistans) begeht einen Bombenanschlag auf ein Militärfahrzeug in Ankara. In den folgenden Monaten tritt die Gruppe mehrfach in Erscheinung: Sowohl im März als auch im Juni und Oktober 2016 legen die Terroristen erneut Bomben in Istanbul, Ankara und Midyat.

Oktober 2015

Am Rande einer regierungskritischen Demonstration in der Hauptstadt Ankara reißen zwei Sprengsätze mehr als 100 Menschen in den Tod. Die Staatsanwaltschaft macht die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) verantwortlich.

Quelle: dpa

September 2015

Bei einem Bombenanschlag in Igdir in der Osttürkei werden zwölf Polizeibeamte getötet. Zuvor starben bei einem Angriff der verbotenen Kurdischen Arbeiterpartei PKK und Gefechten im südosttürkischen Daglica in der Provinz Hakkari 16 Soldaten.

August 2015

Bei einem Bombenanschlag und einem anschließenden Angriff auf eine Polizeiwache in der Millionenmetropole Istanbul werden mindestens vier Menschen getötet. Zwei Frauen greifen zudem das US-Konsulat an, eine wird festgenommen. Sie soll Mitglied der linksextremen Terrororganisation DHKP-C sein.

Juli 2015

Im südtürkischen Grenzort Suruc reißt ein Selbstmordattentäter 33 pro-kurdische Aktivisten mit in den Tod. Die Behörden machen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) verantwortlich, die sich allerdings nie zu der Tat bekennt.

Juni 2015

Zwei Tage vor der türkischen Parlamentswahl verüben Unbekannte in der südosttürkischen Kurden-Metropole Diyarbakir einen Sprengstoffanschlag auf eine Veranstaltung der pro-kurdischen Oppositionspartei HDP. Mindestens vier Menschen sterben. Die türkische Regierung macht den IS verantwortlich.

Mai 2013

Bei der Explosion zweier Autobomben in der Grenzstadt Reyhanli werden mehr als 50 Menschen getötet. Die Regierung beschuldigt türkische Linksextremisten mit Kontakten zum Regime im benachbarten Syrien.

September 2011

Drei Menschen sterben in der türkischen Hauptstadt Ankara, als im Regierungsviertel eine Bombe explodiert. Eine Splittergruppe der PKK bekennt sich zur Tat.

Die Zeitung ist auf hartem Oppositionskurs zu der islamisch-konservativen Regierung des Landes unter ihrem Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. Der Staatschef hatte im Mai Anzeige gegen Cumhuriyet erstattet, weil das Blatt Fotos von der Beschlagnahmung eines für den IS in Syrien bestimmten Waffenkonvois des türkischen Geheimdienstes MIT im Januar 2014 veröffentlicht hatte. Chefredakteur Can Dündar droht eine lange Gefängnisstrafe.

In den vergangenen Wochen waren die Behörden wiederholt gegen Erdogan-kritische Medien vorgegangen. So wurde vor laufender Kamera der Sitz eines Medienkonzerns gestürmt und die Kontrolle über zwei Fernsehsender übernommen. Die Polizei setzte dabei Tränengas und Wasserwerfer ein. Die Sender sowie zwei weitere Zeitungen sind unter Zwangsverwaltung gestellt worden. Erst am Freitag hatten rund 50 internationale Medien, darunter die „New York Times“, die „Süddeutsche Zeitung“ und die Nachrichtenagentur AFP, die staatlichen Angriffe auf die Pressefreiheit in der Türkei angeprangert.

Zahlreiche Redakteure versammelten sich am Samstagvormittag vor den Absperrgittern der Polizei und baten um Einlass. Ozan Demican

Sitz von Cumhuriyet in Istanbul

Zahlreiche Redakteure versammelten sich am Samstagvormittag vor den Absperrgittern der Polizei und baten um Einlass.

Chefredakteur Dündar betont, dass die Sicherheitskräfte vor Ort keine allzu genauen Angaben über den Grund der Straßensperren gemacht hätten. Es hätte einen Tipp gegeben, die Redaktion könne angegriffen werden. „Das ist alles, was die Polizisten uns gesagt haben“, sagte Dündar am Samstag.

„Ganz gleich ob dieser Tipp wahr ist oder erfunden: Wir glauben, dass die Organisatoren eines möglichen Anschlags ihr Ziel nicht erreichen werden“, erklärte Dündar weiter. „Wenn jemand uns damit bloß einschüchtern wollte, möchten wir auf etwas hinweisen: Weder unsere Leser noch die restliche Öffentlichkeit sollen Zweifel daran haben, dass wir weiterhin objektiven, fairen und vor allem wahren Journalismus liefern werden, unter allen Umständen.“

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