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13.06.2012

16:33 Uhr

Vor Schicksalswahl

Griechen räumen Euro-Konten leer

Die Griechen fürchten einen Sieg der Reformgegner bei der Parlamentswahl. Deswegen räumen sie ihre Euro-Konten leer und bereiten sich mit Hamsterkäufen auf eine mögliche Rückkehr der Drachme vor.

Schicksalstag

Griechenland wählt seine Zukunft

Schicksalstag: Griechenland wählt seine Zukunft

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AthenDie Griechen haben kurz vor der Parlamentswahl in wachsender Zahl ihre Konten geräumt und sich mit Hamsterkäufen für einen Ausstieg aus dem Euro gewappnet. Allein von den Sparkonten der größten Institute des Landes wurden jüngst pro Tag 500 bis 800 Millionen Euro abgezogen, wie die Nachrichtenagentur Reuters am Mittwoch von mehreren Bankern erfuhr.

Bei einem Sieg der Reformgegner am Sonntag droht dem vom Ausland seit Mai 2010 über Wasser gehaltenen Euro-Mitglied die Pleite und womöglich die Rückkehr zur ungeliebten Drachme. Auch die Banken in Deutschland rüsten sich für den Ernstfall - den ersten Austritt eines Landes aus der Euro-Zone.

„Die Menschen schreckt die Aussicht auf eine Rückkehr der Drachme", sagte der Chef des Einzelhandelsverbandes, Vassilis Korkidis, in Athen. Hamsterkäufe seien aber nicht die Lösung. „Man darf nicht in Panik verfallen. Wenn man den Schrank mit Lebensmitteln füllt, entgeht man der Krise dennoch nicht."

Die nervöse Stimmung in der Bevölkerung wurde von Gerüchten angeheizt, die radikale Linke unter ihrem charismatischen Anführer Alexis Tsipras werde die Wahl klar gewinnen und die über Jahrzehnte als Weichwährung verrufene Drachme stehe vor einem Comeback.

Ist ein Euro-Austritt Griechenlands möglich?

Vorbereitung auf den Notfall

Lange Zeit wurde es bestritten: Die Eurozone bereitet sich nun doch für den Notfall auf einen möglichen Austritt Griechenlands aus der Eurozone vor. Die Hoffnungen, dass Athen im Euroland wieder auf die Beine kommen kann und zu seinen Sparzusagen steht, schwinden. Doch ist ein solcher Schritt überhaupt möglich?

Rechtliche Grundlage

Die Rufe nach einem Austritt Griechenlands aus der Eurozone werden angesichts der tiefen Krise des Landes immer lauter. Nachdem die Europäische Zentralbank (EZB) erstmals das Austrittsszenario angesprochen hatte, räumte auch Eurogruppen-Chef Jean-Claude Juncker nach dem EU-Sondergipfel in Brüssel ein, dass Experten entsprechende Pläne für den Notfall ausarbeiten, sollte Athen nach den Neuwahlen vom Spar- und Reformkurs abweichen.
Allerdings ist ein direkter Rauswurf aus der Eurozone durch die anderen Mitgliedsländer nicht möglich. Das sehen die EU-Verträge nicht vor. Allerdings könnte Griechenland von sich aus erklären, sich vom Euro zu verabschieden. Aber auch in diesem Fall wäre dies Neuland für das gesamte Euro-System, das dafür keine Regelungen kennt.

Folgen für Griechenland

Mit großer Wahrscheinlichkeit würde der Euro-Abschied zunächst den kompletten wirtschaftlichen Zusammenbruch des Krisenlandes bedeuten. Ohne Euro müsste Griechenland wieder eine eigene Währung einführen, etwa die alte Drachme. Sie würde vermutlich drastisch an Wert verlieren, etliche Ökonomen schätzen um die 50 Prozent. Die Abwertungseffekte würden dann aber Exporte verbilligen und die Wettbewerbsfähigkeit Griechenland international steigern.

Parallelwährung

Von Ökonomen gibt es auch Vorschläge für die Einführung einer Parallelwährung, beispielsweise dem „Geuro“, wobei der Staat Schuldscheine an seine Bediensteten ausgeben könnte statt sie direkt zu bezahlen. Die Zweitwährung würde gegenüber dem Euro im Wert sinken. Auch in diesem Fall könnten griechische Exporteure im Ausland billiger anbieten, die griechische Wirtschaft könnte so ihre Konkurrenzfähigkeit steigern, was dringend nötig wäre, damit sie aus der Rezession herauskommt. Die Lösung einer Zweitwährung soll dabei dem Land die Rückkehr zu einer vollen Mitgliedschaft in die Eurozone sichtbar offenhalten.

Anstieg von Altschulden

Bei Einführung einer neuen Währung wäre besonders schwerwiegend, dass für Griechenland die in Euro aufgenommenen Altschulden infolge der Abwertungseffekte drastisch steigen würden. Das Bankensystem geriete ins Wanken, ein Ansturm der Sparer wäre programmiert. Deshalb sollte die Einführung einer neuen Währung nach Ansicht von Fachleuten nur geordnet verlaufen, wobei großzügige Überbrückungshilfen und Stützung der Banken notwendig wären.

Folgen für die Euro-Zone

Ob das Euro-Währungsgebiet einen Austritt der Hellenen verkraften würde, ist äußerst fraglich. Ökonomen warnen vor der Ansteckungsgefahr für weitere Sorgenkinder wie Spanien, Italien oder Portugal. Denn letztlich könnte sich kein Investor mehr darauf verlassen, dass nicht auch andere Länder aus dem Euroraum ausscheren.

Risikoaufschläge

Vermutlich würden die Risikoaufschläge für Staatsanleihen entsprechender Länder so stark steigen, dass diese ähnlich wie Griechenland an den Rand der Zahlungsunfähigkeit kämen. Letztlich könnte so der gesamte Währungsraum ins Wanken geraten. Aus Sicht von Politikern ist diese Gefahr jedoch deutlich geringer geworden, nachdem größere Euro-Rettungsschirme aufgespannt worden seien.

Mit zur Unsicherheit trägt bei, dass die Veröffentlichung von Umfragen kurz vor der Wahl verboten ist, aber dennoch Ergebnisse von angeblich geheimen Befragungen lanciert werden. Einen klaren Sieg der radikalen Linken, die sich nach den letzten verfügbaren Umfragen ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit den Reformbefürwortern von der konservativen ND liefern wird, halten Demoskopen hinter vorgehaltener Hand für unwahrscheinlich. „Das dürften gezielt gestreute Zahlen sein, mit denen Parteien ihre Position verbessern wollen."

Kommentare (38)

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Pro-D

13.06.2012, 17:06 Uhr

Nun genießt doch erst einaml die EM.

Der Tanz um das Goldne Kalb hat bekonnen. Und im Hintergrund werden gerade die Messer gewetzt. Mal sehen, wen sie dann schlachten.



rxm

13.06.2012, 17:35 Uhr

Wir Deutschen sollten auch demnächst die Konten leerräumen. Dann werden unsere Politiker hoffentlich endlich begreifen müssen, dass diese Euro-Rettungsaktionen nicht von uns gewollt sind.

TurboCall

13.06.2012, 17:42 Uhr

Dann gibt´s ganz schnell das Volks-anti-Konto Räumungsgesetz initial initierrt von Herr Schäuble und überwacht vom Bundestrojaner.

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